Gesellschaft | 25.01.2016

Ein Zürcher Park mit zwei Gesichtern

Text von Raphaela Gmür | Bilder von Raphaela Gmür
Ein Samstagabend im September lockt die Nachtschwärmer in die Zürcher Innenstadt. Hinter dem Hauptbahnhof steht prunkvoll das Landesmuseum, umzingelt von Bäumen. Dahinter führt ein Weg direkt in den angrenzenden Park hinein. Umschlossen von den Flüssen Limmat und Sihl, eingebettet in saftiges Grün und umgeben von jahrhundertealten Bäumen erstreckt sich eine gepflegte Parkanlage: der Zürcher Platzspitz, ein Park mit zwei Gesichtern.
Bild: Raphaela Gmür

Über 20 Jahre ist es nun her, seit der Platzspitz, auch «Needle Park» genannt, geräumt wurde – ein dunkles Kapitel: Die Zahl der Drogensüchtigen, die sich zwischen November 1988 und Februar 1992 täglich im Park einfanden, ihren Stoff beschafften und konsumierten, stieg auf mehrere Tausend an. Die Bilder dieses Elends gingen um die Welt. Dabei erlangte dieser Park, der heute einen idyllischen Ort Zürichs bildet, traurige Berühmtheit.

Entstehung der Drogenszene auf dem Platzspitz

Beinahe abgeschottet vom sogenannten öffentlichen Leben, lebten die Süchtigen teilweise gar auf dem Platzspitz: In selbst gebauten Verschlägen und Zelten fanden sie gewissermassen Unterschlupf. Anfänglich waren ausser der Polizei lediglich wenige Gassenarbeiter vor Ort, allerdings waren deren Möglichkeiten begrenzt. Für die Drogenabhängigen erlangte der Standort des Parks eine gewisse Attraktivität, weil der Hauptbahnhof unmittelbar angegliedert war und ihnen dadurch Transportmöglichkeiten in alle Richtungen ermöglichte. Die Zahl der Süchtigen nahm von Jahr zu Jahr zu. Der Platzspitz transformierte sich zunehmend in einen Ort der Verelendung. Auch verbreitete sich in diesem Zusammenhang die Angst vor der Ansteckung an HIV. 1988 ging man in der Schweiz von 20‘000 Drogenabhängigen aus, was eine Verdoppelung im Vergleich zum Jahr 1985 darstellte – geschätzte 4000 bis 5000 davon alleine in Zürich. Im selben Jahr verzeichnete die Schweiz über zweihundert Drogentote.

ZIPP-AIDS

Mitte 1988 erfolgte unter Zustimmung verschiedener staatlicher Stellen, etwa durch die damaligen Stadträte Emilie Lieberherr und Robert Neukomm, ein Projekt für Drogenabhängige gegen HIV/AIDS: ZIPP-AIDS. Im leer stehenden Kiosk- und Toilettenhaus auf dem Platzspitz wurde im Rahmen des Pilotprojektes eine medizinische und präventivmedizinische Organisation errichtet, um Neuinfektionen mit den Hepatitisviren B und C und dem HIV – durch die Abgabe von sterilem Injektionsmaterial auf Tauschbasis sowie durch die Abgabe von Alkoholtupfern und Kondomen – zu vermindern. Ferner lag die Zielsetzung dieses Projektes auch in der medizinischen Ersthilfe, wie beispielsweise bei Verletzungen und Atemstillständen.

Alltag auf dem Platzspitz

Heute erinnert nichts mehr an das Elend von damals. Doch Bilder und Aufnahmen, die während dieser Zeit entstanden sind, halten die damalige Zeit für immer fest: Anhäufungen von Menschen, manche in Gruppen, andere alleine; stehend, sitzend, liegend – mitten im Drogensumpf. Der Platzspitz wiederspiegelte die Summe tausender Einzelschicksale von Drogensüchtigen.

Gegenwärtig

Eine Ansammlung Süchtiger in der Grössenordnung – wie zu Beginn der 90-er Jahre – gibt es seit 1995 kaum mehr. Mit dem Volksentscheid, der im Dezember 1990 gefällt wurde, stimmte die Zürcher Bevölkerung der Einrichtung einer Kontakt- und Anlaufstelle für Drogensüchtige endgültig zu. Diese geschaffene Kontakt- und Anlaufstelle ermöglichte die Auflösung der Drogenszene am Platzspitz und später auch am Bahnhof Letten.