Gesellschaft | 02.01.2016

Dritte Welt: Erlebnisse aus Bali

Text von Kaspar Anderegg | Bilder von Kaspar Anderegg
Auf Bali kann ich mir ein sehr angenehmes Leben einrichten. Doch der Tatsache, dass Bali zur dritten Welt gehört, entkomme ich nicht. Fast jeder um mich herum ist nach westlichen Massstäben arm und führt ein sehr einfaches Leben.
Bild: Kaspar Anderegg

Von meiner Terrasse aus blicke ich über meinen wunderschönen Garten und geniesse mein Bier. Mein Lebensgefühl ist grossartig. Währenddessen sammelt mein Nachbar Gartenabfälle bei mir. Er ist nicht mein Gärtner, sondern will die Abfälle später in der Stadt verkaufen. Für ein Kilo vertrocknete Frangipaniblüten kriegt er umgerechnet 1.50 Franken. Er ist 62 Jahre alt. Sein rechtes Bein von einem Motorradunfall völlig deformiert, weshalb er seit mehreren Jahren chronische Schmerzen hat. Für Medikamente oder gar eine chirurgische Behandlung fehlt das Geld. Immer wieder kommen Nachbarn zu mir und bitten darum, sich einige Früchte pflücken zu dürfen, die sie zum Kochen verwenden können. Es hat zum Glück genug für alle.

Mein Fischerfreund

Am Abend kommt ein Freund von mir vorbei. Er ist Fischer. Er hat Geldsorgen, weil die Nebensaison begonnen hat. Wenn die Touristen ausbleiben, bricht eine wichtige Nebeneinkommensquelle ab. Um den täglichen Bedarf von ihm und seiner Familie zu decken, braucht er mindestens 7 Franken. Das Bezahlen der Schuldgelder für die Kinder wird zum Kampf werden. Zu allem Überfluss braucht sein ältestes Kind ein Motorrad, weil der Weg in die neue Schule 14 Kilometer beträgt. Ein Fahrrad käme nicht in Frage, weil sein Sohn dann zum Gespött der Leute würde. Fahrräder sind auf Bali sehr selten, hier hat fast jede Familie mindestens ein Motorrad. Das Fahrrad wäre ein Zeichen dafür, dass seine Familie nicht einmal über das Geld für ein Motorrad verfügt. Er hofft, dass ein Freund aus Frankreich ihn finanziell unterstützt. Vor einer Woche hatte er noch so viel Arbeit, dass er drei Tage am Stück nicht geschlafen hat. In der Nacht ging er fischen und tagsüber hat er seine Ausrüstung repariert, im Haus geholfen und vereinzelte Touristen aufs Meer geführt. Von seinem Fang kann er nur einen Bruchteil behalten. Die Hälfte geht an den Bootsbesitzer. Wer die Fischerausrüstung beisteuert, bekommt auch noch einen Viertel des Ertrags. Viele Fischer können sich die teure Ausrüstung nicht selbst leisten und müssen sie deshalb teuer ausleihen. Nur das letzte Viertel wird unter den Fischern aufgeteilt. Die Menschen auf Bali helfen sich gegenseitig, ohne diese Unterstützung würden viele nicht über die Runden kommen. Für den Fischer ist das Leben zurzeit trotzdem ein Kampf ums Überleben.

Auf Bali werden grosszügige Touristen nicht selten auch als Geldgeber benutzt. Die Anfragen für Unterstützung überschatten dann die Freundschaft. Der Fischer hat mich aber noch nie um Geld gebeten. Er sieht mich als Freund, um Zeit, Essen und Palmwein zu teilen.

Die Gärtnergeschwister

Mein Garten wird von einem 18-jährigen Balinesen zusammen mit seiner 12-jährigen Schwester bearbeitet. Seine Schwester kommt sehr gerne vorbei, weil sie hier Abstand von ihrem Zuhause hat, sagt sie. Ihr Haus hat kein Badezimmer, sie waschen sich mit einem Eimer und einer Kelle. Ihre Mutter ist geistig behindert und kann deshalb zum Familieneinkommen nicht beitragen. Der 18-jährige Gärtner träumt von Reichtum. Als ein Tourist ihm vor zwei Wochen 100 Franken schenkte, hat er es seiner Familie verheimlicht und sich mit dem Geld ein Smartphone gekauft. Für ihn sei das zumindest ein winziger gefühlter Zugang zur Welt der reicheren Leute, sagt er.

Text: Kaspar Anderegg