«Gleichberechtigung ist spirituell»

Quelle des Friedens

Der Vortragsabend trägt den starken Namen «Der Islam – Bedrohung oder Quelle des Friedens», wobei wohl jedem klar ist, in welche Richtung sich die Meinung am Ende entwickeln soll. Der erste Eindruck von Abdul Wahab Tayyab ist erfreulich. Lächelnd reicht er mir die Hand, als er mich an seinem Vortrag im Berner Wylerhuus begrüsst. Bevor die Rede des 25-jährigen Imams beginnt, werden wir per Power Point über die Überzeugungen der Ahmadiya Muslim Jamad (AMJ) Gemeinde aufgeklärt. (Siehe Infobox)

Die Ahmadiyya Muslim Jamad (AMJ) ist eine sunnitische Minderheit, die in den 1880-er Jahren in Britisch-Indien gegründet wurde. Gründer war Mirza Ghulam Ahmad, der von den Anhängern der AMJ als Messias verehrt wird. Die Gemeinde bemüht sich, den Islam in der Öffentlichkeit als Religion der Nächstenliebe und Toleranz zu etablieren. Das momentan gewählte Oberhaupt lebt im Londoner Exil, weil die Gemeinde aufgrund von Lehrunterschieden, unter anderem die Rolle Ahmads als Messias, in vielen muslimischen Ländern stark diskriminiert oder sogar verfolgt wird. Weltweit gibt es nach eigenen Angaben mehrere 10 Mio. Mitglieder, in der Schweiz werden rund 800 aktive Mitglieder gezählt. Abdul Wahab Tayyab ist Imam der Ahmadiyya-Gemeinde in der Region Bern und Solothurn.

Beim eigentlichen Vortrag bemerkt man, wie gut Wahab, trotz eines hörbaren Akzents, Deutsch beherrscht. Der Satzbau ist tadellos, seine Sätze sind ausgeschmückt und wirken leicht altertümlich. Wahab ist von eher kleiner, kompakter Statur, scheint jedoch, während er hinter dem Rednerpult steht, zu wachsen. Er trägt eine Kopfbedeckung, die entfernt an die Form eines Schiffes erinnert. Seine Rede, man könnte es auch Predigt nennen, beginnt mit einer klaren Distanzierung der Attentate von Paris.

«Diese Anschläge sind auf das Schärfste zu verurteilen.»

Trotzdem will am Ende der Veranstaltung ein Mann wissen, der erst später auftaucht, ob sich der Imam von den Anschlägen distanziert. Darauf reagiert der Imam mit einer beeindruckenden Seelenruhe und wiederholt seine Worte.

 

 

Wahab erzählt zuvor von der Friedfertigkeit des Propheten, seiner frohen Botschaft und der Erleuchtung der Ungläubigen. Er betont die Stellen im Koran, in denen geschrieben steht, dass es keinen Zwang zum Glauben gibt und spricht davon, dass laut der heiligen Schrift nur der Verteidigungskrieg erlaubt ist. Selbst dann jedoch, dürften weder Frauen noch Kinder geschädigt werden. Zudem herrsche im wahren Islam absolute Glaubensfreiheit. Die anschliessende Fragerunde wird sachlich und trotzdem angespannt geführt. Vor allem die Verschleierung der Frau polarisiert die Anwesenden, da der Imam dies als Bestandteil des Islams ansieht.

 

Wichtige Bescheidenheit

Eine Woche später bin ich mit Wahab zum Gespräch in seiner Wohnung eingeladen. Bevor ich jedoch in die Blockwohnung im nebligen Zuchwil bei Solothurn eintreten darf, muss ich mich gedulden, denn seine Frau ist Zuhause nicht verschleiert, und nur die Familie und er dürfen sie unverschleiert sehen. Kurz darauf zeigt er mir mit einer Handbewegung, dass ich es mir im Wohnzimmer gemütlich machen soll. Das Wohnzimmer ist schlicht und modern eingerichtet. Sofa, Fernseher, Tisch, Lampe. Bei der Ahmadiyya Gemeinschaft ist es üblich, mindestens 1/16 seines Einkommens der Gemeinde zu spenden. Gemäss Islam entstünden viele Probleme, weil «der Mensch gierig, nie zufrieden ist», sagt er. Finanzielle Opferbereitschaft sei daher sehr wichtig. Mit seiner Frau ist der Imam erst seit kurzem verheiratet. «Sie ist perfekt für mich.» Und wenn sich das ändert? Scheidung ist nicht verboten, aber laut Koran müsse man zuvor mit Gebeten versuchen, den Weg wieder zurück zu finden.

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Wahab spricht sehr offen und trotzdem wirkt es so, als ob er lieber nicht zu viel von seinem Privatleben erzählen würde. Abdul Wahab Tayyab wurde in Pakistan geboren. Sein Vater war lange im Gefängnis, weil die Ahmadiyya Gemeinschaft in den meisten islamischen Ländern nicht als Muslime anerkannt werden. Als Junge siedelte er mit seiner Mutter in die Ostschweiz über, wo sein Vater bereits im Exil lebte. Obwohl die AMJ eigentlich eine kleine Minderheit der sunnitischen Glaubensgemeinschaft ist, sieht sie sich als die einzige Vertreterin des wahren Islams. Nur die Ahmadiyya Gemeinschaft praktiziere den wahren Islam. Der Koran werde «viel gedruckt und verteilt, aber nicht befolgt», sagt der Imam mit Bedacht. Aufgrund von Fehlinterpretationen des heiligen Buches sieht er die warnende Prophezeiung Mohammeds in vieler Hinsicht eingetroffen, die er schon am Vortragsabend erwähnt hatte:

«Die Moscheen werden voll sein von Menschen, aber leer von Rechtschaffenheit.»

Damit meint er jedoch nicht seine Moschee, sondern diejenigen, welche von Radikalen grossen Zulauf haben. Der Imam sieht die AMJ dagegen als wichtiges Glied in einer harmonischen muslimischen Gemeinschaft. Sie veranstalten Jugendcamps, führen Erziehungskurse durch und predigen einen ursprünglichen und friedlichen Islam.

Der Schleier als Bewusstsein

Zum kontroversen Thema Kopftuch verteilte die Ahmadiyya Bewegung etwa Flyer, um die Diskussion in ein anderes Licht zu rücken. Eine Frau, die ein Kopftuch trägt, ist laut der Gemeinde nicht unterdrückt, sondern zeigt lediglich, dass sie weder an Flirten noch an anzüglichen Blicken von Männern interessiert ist. Als Schutz ihrer Keuschheit quasi, weil die Haare ein Ausdruck der Schönheit sind. «Für mich ist es anständiger, wenn eine Frau ein Kopftuch trägt», sagt Abdul. Weshalb? «Eine Kopfbedeckung ist ein Bewusstsein für den Glauben.» Bei einer Nonne werde ja auch nicht gesagt, dass sie unterdrückt werde.

Auch wenn Wahab Tayyab seine friedlichen Absichten durchaus überzeugend darstellt, wird klar, dass sich seine Ansicht der Gleichberechtigung stark von derjenigen im Westen unterscheidet.

«Hier mussten die Frauen für ihre Rechte kämpfen, Mohammed gab ihnen diese Rechte schon bei der Gründung des Islams.»

Auch die Zwangsheirat existiere im Islam eigentlich nicht. Wie eine Heirat nach seiner Überzeugung ablaufen sollte, erklärt Herr Wahab so: Es würden zunächst Empfehlungen der Eltern abgegeben. Danach gebe es eine Art Vermittlung. Bevor man sich schlussendlich entscheidet, darf der Mann die Frau auch ohne Kopftuch sehen. Und wie frei ist die Frau bei der Partnerwahl?

«Eine Muslima darf keinen Mann heiraten, der eine andere Religion ausübt, denn normalerweise hat der Mann mehr Einfluss.»

Umgekehrt sei dies jedoch mit dem Volk der Schrift, also Juden und Christen, möglich. Auf meine Bemerkung, seine Auffassung von Gleichberechtigung sei eher eine «Andersberechtigung» meint er: «Gleichberechtigung ist eine spirituelle Sache. Im Islam haben Mann und Frau den gleichen Wert, aber gemäss ihrer Natur verschiedene Rechte und Verpflichtungen.»

Ein Zürcher Park mit zwei Gesichtern

Über 20 Jahre ist es nun her, seit der Platzspitz, auch «Needle Park» genannt, geräumt wurde – ein dunkles Kapitel: Die Zahl der Drogensüchtigen, die sich zwischen November 1988 und Februar 1992 täglich im Park einfanden, ihren Stoff beschafften und konsumierten, stieg auf mehrere Tausend an. Die Bilder dieses Elends gingen um die Welt. Dabei erlangte dieser Park, der heute einen idyllischen Ort Zürichs bildet, traurige Berühmtheit.

Entstehung der Drogenszene auf dem Platzspitz

Beinahe abgeschottet vom sogenannten öffentlichen Leben, lebten die Süchtigen teilweise gar auf dem Platzspitz: In selbst gebauten Verschlägen und Zelten fanden sie gewissermassen Unterschlupf. Anfänglich waren ausser der Polizei lediglich wenige Gassenarbeiter vor Ort, allerdings waren deren Möglichkeiten begrenzt. Für die Drogenabhängigen erlangte der Standort des Parks eine gewisse Attraktivität, weil der Hauptbahnhof unmittelbar angegliedert war und ihnen dadurch Transportmöglichkeiten in alle Richtungen ermöglichte. Die Zahl der Süchtigen nahm von Jahr zu Jahr zu. Der Platzspitz transformierte sich zunehmend in einen Ort der Verelendung. Auch verbreitete sich in diesem Zusammenhang die Angst vor der Ansteckung an HIV. 1988 ging man in der Schweiz von 20‘000 Drogenabhängigen aus, was eine Verdoppelung im Vergleich zum Jahr 1985 darstellte – geschätzte 4000 bis 5000 davon alleine in Zürich. Im selben Jahr verzeichnete die Schweiz über zweihundert Drogentote.

ZIPP-AIDS

Mitte 1988 erfolgte unter Zustimmung verschiedener staatlicher Stellen, etwa durch die damaligen Stadträte Emilie Lieberherr und Robert Neukomm, ein Projekt für Drogenabhängige gegen HIV/AIDS: ZIPP-AIDS. Im leer stehenden Kiosk- und Toilettenhaus auf dem Platzspitz wurde im Rahmen des Pilotprojektes eine medizinische und präventivmedizinische Organisation errichtet, um Neuinfektionen mit den Hepatitisviren B und C und dem HIV – durch die Abgabe von sterilem Injektionsmaterial auf Tauschbasis sowie durch die Abgabe von Alkoholtupfern und Kondomen – zu vermindern. Ferner lag die Zielsetzung dieses Projektes auch in der medizinischen Ersthilfe, wie beispielsweise bei Verletzungen und Atemstillständen.

Alltag auf dem Platzspitz

Heute erinnert nichts mehr an das Elend von damals. Doch Bilder und Aufnahmen, die während dieser Zeit entstanden sind, halten die damalige Zeit für immer fest: Anhäufungen von Menschen, manche in Gruppen, andere alleine; stehend, sitzend, liegend – mitten im Drogensumpf. Der Platzspitz wiederspiegelte die Summe tausender Einzelschicksale von Drogensüchtigen.

Gegenwärtig

Eine Ansammlung Süchtiger in der Grössenordnung – wie zu Beginn der 90-er Jahre – gibt es seit 1995 kaum mehr. Mit dem Volksentscheid, der im Dezember 1990 gefällt wurde, stimmte die Zürcher Bevölkerung der Einrichtung einer Kontakt- und Anlaufstelle für Drogensüchtige endgültig zu. Diese geschaffene Kontakt- und Anlaufstelle ermöglichte die Auflösung der Drogenszene am Platzspitz und später auch am Bahnhof Letten.

Stadtentwicklung

 

 

Janis, 17 Jahre alt.
Janis, 17 Jahre alt.

Stadträume müssen leben. Sie sollen Orte sein, an denen Menschen sich kennenlernen und Spass haben. An diesen Orten sollten die Menschen selbstständig und unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Sexualität ihren Bedürfnissen entsprechen können. Meiner Meinung nach, kann die Stadtaufwertung nicht von «oben» durchgeführt werden, sondern vielmehr durch die Menschen, welche die Strassen und Quartiere tagtäglich beleben.

 

Philipp Gasser, 57 Jahre alt.
Philipp Gasser, 57 Jahre alt.

Aufwertung entsteht aus der Art, wie mit den öffentlichen Plätzen umgegangen wird. Sie ist an die Methode gebunden. Die Stadt sucht den Dialog mit der Bevölkerung schon, aber vielleicht braucht es eine bessere Befragungsmethode. Schauen wir die Neugestaltung um den Voltaplatz an: ein Bocciaplatz ist noch keine Aufwertung! Ein guter Platz soll ein Verweilort sein. Es kommt auf die Materialvielfalt und die Möblierung der Stadt und deren Plätze an. Gelungene Aufwertungen sind für mich zum Beispiel die Buvetten am Rhein.

 

Dorothee Fischer, 65 Jahre alt.
Dorothee Fischer, 65 Jahre alt.

Meinem Enkel gefällt es hier am Hafenareal. Es ist schön, dass das Rheinufer so belebt ist. Der Ort ist zwar eher auf jüngere Generationen ausgerichtet, aber das ist in Ordnung.

 

Sidney Burri, 23 Jahre alt.
Sidney Burri, 23 Jahre alt.

Aufwertung bedeutet für mich offenen Freiraum, der allen zugänglich ist. Es ist wichtig, den Raum selber gestalten zu dürfen, wie wir es hier getan haben. Wir haben den Platz mit den Kindern bemalt.

 

Stefan Hofer, 67 Jahre alt.
Stefan Hofer, 67 Jahre alt.

Ein lebenswerter Stadtteil ist auch Wohnort, nicht nur Arbeitsort. Ich wohne seit 20 Jahren hier. Mit der Verdrängung vieler Geschäfte wird die Innenstadt immer unattraktiver. Sogar manche Kleiderläden können sich nicht lange halten. Früher gab es hier noch eine Bäckerei. Gut ist aber, dass die Innenstadt weitgehend verkehrsfrei geworden ist. Auch im Hafenraum ist ein durchmischter Wohnraum wünschenswert, dass er der wilden Nutzung preisgegeben wird, ist auf Dauer keine Lösung.

 

Liliane Baumgartner, 49 Jahre alt.
Liliane Baumgartner, 49 Jahre alt.

Ich bin etwas kritisch gegenüber den geplanten Hochhäusern auf dem Basler Hafenareal. Die Hochbauweise hat durchaus ihren Nutzen, aber wenn hier Luxuswohnungen entstehen, werden sich viele Leute fernhalten. Es ist schön, dass der Ort heute öffentlich zugänglich ist. Als Park mit den Buvetten hat das Gebiet viel Qualität.

Eine Stadtführung durch die eigene Stadt

Neugierig begutachte ich die Touristen, die, wie ich auch, auf die Leiterin warten. Ich vergesse immer wieder, dass es in Zürich Touristen gibt, da wir so eine kleine Stadt sind im Vergleich zu anderen Städten Europas. Es wird wahrscheinlich eine klassische, langweilige Tour sein, jedoch soll ich mich in dem Punkt noch täuschen. Ein Herr aus England fragt mich, von wo ich sei und weshalb ich alleine in einem fremden Land wäre. Doch als er erfährt, dass ich Zürcherin bin, schaut er mich verständnislos an. Meine Antwort war gut durchdacht und präzise: «Ich will wissen, was Zürich alles auf Lager hat und wie man als Einheimischer diese Tour erlebt.»

Die Tour beginnt

Und da kommt auch schon die Tourführerin, Barbara. «Hoi zemä! Ich bin d Barbara und wird eu chli umefüehre hüt!». Nach diesen Worten gibt es viele Fragezeichen auf den Gesichtern der Touristen zu sehen. Jedoch nimmt Barbara ihnen die Unsicherheit und erklärt, dass man sich so begrüsse in Zürich.  Als erstes geht es vor den Hauptbahnhof und schon hier werden wir – die Touristen – mit interessanten Details überhäuft. Der Hauptbahnhof ist 140 Jahre alt und wird von  drei allegorischen Figuren gekrönt, die auf dem Dach sitzen. In der Mitte ist Helvetia zu sehen, die die Pendler beschützt. Rechts von ihr verkörpert eine Statue eine Dame, die ein Paddel in den Händen hält. Dies symbolisiert den ehemaligen Transport in Zürich, nämlich den Wasserverkehr. Hinter der linken Figur ist eine Lokomotive zu sehen, die den modernen Verkehr verkörpert. Jetzt komme ich ins Staunen und die Touristen nicken interessiert, aber sind nicht so aus dem Häuschen wie ich selbst. Wie kommt es dazu, dass Hunderte Menschen jeden Tag am Hauptbahnhof vorbeiflitzen und die Figuren gar nicht bemerken?

Die Stadt der Reformation

Ein Mann aus der Gruppe fragt: «Weshalb gibt es in Zürich nicht so viele Andenken und Monumente?» Barbara darauf: «Weil Zürich die Stadt der Reformation ist und in dieser geht nicht darum, berühmte Menschen als Statuen darzustellen.» Beeindruckt spazieren wir weiter. Jetzt befinden wir uns auf dem Lindenhof und ich muss gestehen, dass dieser Platz für mich einer der schönsten in Zürich ist. Wir, die Touristen, bestaunen die Aussicht, die atemberaubend ist.

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Wie immer sind die Schachspieler auch dort, sogar Barbara erwähnt sie. Als waschechte Zürcherin kenne ich dieses Bild. Sie sind etwa das ganze Jahr anwesend und spielen Schach. Von hier aus ist fast ganz Zürich zu sehen.

Das grösste Turmziffernblatt Europas

Doch der spannende Teil befindet sich in der Altstadt. Zum Beispiel: St. Peter. Habt ihr jemals bemerkt, dass die vierte Stunde in römischen Ziffern falsch geschrieben ist? Oder dass der Minutenzeiger sich pro Minute ca. 45 cm bewegt? Diese Kirche, St. Peter, hat nämlich das grösste Turmziffernblatt Europas und deshalb muss der Minutenzeiger diesen weiten Sprung machen.

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Weiter geht es zu der Gemüsebrücke, die eigentlich Rathausbrücke heisst – und das seit mehr als 100 Jahren. Es gab auch damals einen Markt, der begann beim Weinplatz und endete beim Neumarkt. Danach lernen wir etwas über die Reformation. In den Kirchen gibt es keinen Schmuck und auch keine Dekorationen. Fast alle Denkmale wurden vernichtet. Viele Touristen wunderten sich, weshalb  die Kirchen so leer waren.

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Zum Schluss musste ich der Reiseleiterin ein Kompliment machen, denn sie hat es super gemacht. Nämlich mit Humor und Lockerheit. Es war jedoch angemessen und man konnte zugleich eine Menge über Zürich lernen. Sie zeigte uns, dass Zürich einen besonders spannenden Hintergrund hat und dies war ihr wichtig, da sie ja Historikerin ist.

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Ich finde, dass wir Zürcher eigentlich zu wenig über unsere Stadt wissen und dies dringend ändern sollten. Doch wie ändert man dies? In dem ihr bei dieser Tour mitmacht!

 

Weitere Informationen zur Tour gibt es hier.

Mexiko: Die komplette Diktatur

Die Serie zu vergessenen Konflikten führt Mokant.at zu dem blutigen Drogenkrieg nach Mexiko. Kartelle kämpfen dort mit der Regierung und anderen kriminellen Vereinigungen um Geld und Territorium, die USA und Europa haben dabei ebenfalls ihre Finger im Spiel.

Verbrechen in Mexiko ist konstant. Täglich. Zu einem Brauch geworden. Die Situation in unserem Land entspricht einer kompletten Diktatur -Daniel

Kartelle, Drogen und Organhandel

Offiziell herrscht in Mexiko seit 2006 ein Drogenkrieg, der vom damaligen Präsidenten Felipe Calderón gestartet wurde. Er findet auf zwei Ebenen statt: Einerseits hat es sich die Regierung zur Aufgabe gemacht mehrere Kartelle zu bekämpfen, andererseits kämpfen diese auch gegeneinander. Offiziell gibt es sieben große Kartelle. Laut Recherchen des Spiegels ist der mächtigste Zusammenschluss  das Sinaloa-Kartell, welches schon seit den 1990ern besteht und 45 Prozent des Drogenhandels beherrscht. Ihre Erzfeinde sind Mitglieder des 2010 entstandenen Kartells Los Zetas, welche eher im Osten des Landes angesiedelt sind und für ihre brutale Vorgehensweise und Massenexekutionen bekannt sind. Die interne Organisation ist sehr verschieden. Während Los Zetas militärisch straff organisiert sind, gleichen die Strukturen des Sinaloa-Kartells einem modernen multinationalen Konzern. Andere Beispiele, wie das Tijuana-Kartell fallen durch ihre guten Beziehungen zu Vertretern der Justiz und Exekutive auf. Auch wird dieses Kartell als einziges von einer Frau geleitet.

Die Drogenkartelle sind über das gesamte Land verstreut. Dabei haben Vertreter der Sinaloa-Gruppe mit zwei weiteren kriminellen Verbänden eine Allianz namens «La Federación», gegründet, die einzelnen Kartelle bleiben dabei jedoch eigenständige Organisationen. Auch wenn sich alle Gruppierungen hauptsächlich auf Drogenhandel spezialisiert haben, geht es bei den Kämpfen zwischen den Gruppierungen oft auch um regionale Vorherrschaften im Land. Weitere Einkommensquellen sind Schutzgelderpressungen und Organhandel, die beide auf der gewaltvollen Verschleppung von Menschen basieren. Etwa 85.000 Menschen sind bereits als Opfer des Drogenkrieges gestorben. Laut Statistiken verschwindet alle zwei Stunden eine Person in Mexiko, was mittlerweile schon 26.000 Vermisste ausmacht.

Das Collectivo Acción Solidaria con México-Austria (CASMA), eine politisch unabhängige Organisation, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Informationen, die jenseits der üblichen Berichterstattung über Gewalttaten liegen, zu sammeln. «Den Mitgliedern der Drogenkartelle, kurz narcos, geht es nicht nur um den Drogenhandel. Das Problem hat sich ausgeweitet und umfasst beispielsweise auch Menschenhandel, der noch profitabler als das Geschäft mit den Drogen ist», erklärt ein Mitglied der Organisation, der lieber anonym bleiben möchte. Der Preis für eine Niere liege ungefähr bei 100.000 Euro, diese Zahl verdeutlicht den finanziellen Reiz des illegalen Organhandels.  Außerdem haben die Kartelle bereits zwischen 13.6 und 49.4 Milliarden US-Dollar durch den Drogenhandel verdient, damit könnte man sich mindestens zwanzig Reisen zum Mond leisten. Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, muss vor allem eine Sache geklärt werden: Es handelt sich bei der Gewalt nicht nur um kriminelle Organisationen, die aus Eigeninteresse handeln. Das Problem ist geschichtlich und psychologisch viel tiefer verankert.

Als Mexikaner will ich weder darauf warten, noch interessiert es mich, dass fremde Länder unsere internen Probleme lösen -Artemio

Koloniales Erbe: Drogenkrieg als Spitze des Eisbergs

Die Experten des CASMA erklären, dass die Probleme schon vor dem offiziellen Beginn des Krieges da waren. Der Krieg habe es nur komplizierter gemacht, die Drogenkartelle sich multipliziert. Aber auch die koloniale Geschichte Europas und der USA habe maßgeblichen Einfluss auf die heutige Situation. «Mexiko kann als eines der grausamsten Beispiele gesehen werden, bei dem an der Schnittstelle von Korruption, Kolonialismus und Neoliberalismus einiges auf so viele Weisen schief gegangen ist.» Dabei zieht sich ein roter Faden der Unterdrückung und Abhängigkeit durch die Geschichte Mexikos. Beginnend bei der Versklavung und Ermordung der Urbevölkerung im 16. Jahrhundert durch die Spanier, wodurch die Zahl der Indigenen von 25 auf 2,5 Millionen sank, bis zum Mexikanisch-Amerikanischen Krieg im 19. Jahrhundert, bleibt die Gewalt ein Teil des Landes.

CASMA sieht das koloniale Erbe als einen der Hauptauslöser für die prekäre Situation heute, mit dem Drogenkrieg als Spitze der Ereignisse. Dieser begann in seiner modernen Form bereits unter dem Präsidenten Vicente Fox (Mitglied der konservativen Partei PAN, Amtszeit 2000-2006, Anm.), als die ersten blutigen Konflikte im Zusammenhang mit dem Drogenhandel entstanden. Erst unter seinem Nachfolger Felipe Calderón (Mitglied PAN, Amtszeit 2006-2012) wurde die Regierung aktiv, und erklärt den Kartellen den Krieg. Seither hat die Kriminalität noch mehr zugenommen.

Die politische Situation in meinem Land ist abstrakt: Sobald du an einen Politiker denkst, denkst du auch an Korruption -Aldrin

USA: Methamphetamin an Amerikanische Soldaten

Eine maßgebliche Rolle spielt die geografische Lage des Staates. Die USA, die weltweit Spitzenreiter im Kokain Konsum sind, beziehen 90 Prozent davon aus Mexiko, durch das die meist in Kolumbien hergestellte Droge geschmuggelt wird. Auch ist das Land für die Vereinigten Staaten die größte ausländische Quelle für Marihuana und stillt zusätzlich auch einen großen Anteil der Methamphetamin-Nachfrage. «Wir sind der Hinterhof der USA und werden permanent nur über den Tisch gezogen und ausgenützt» sagen Vertreter der in Wien basierten Organisation CASMA. «Wir führen einen Krieg, den wir nicht designt haben, der uns von den USA auferlegt wurde und der für sie einen großen Profit bedeutet.» Neben dem illegalen Drogenhandel profitieren die Vereinigten Staaten vor allem von einem: Waffenhandel. Über 2000 Waffen sollen täglich über die Grenze nach Mexiko gebracht werden. Restriktionen gibt es keine, da die Waffen legal in den USA gekauft werden, und erst dann illegal transportiert werden.

Offiziell arbeiten die Regierungen beider Länder zusammen. Eine, von den USA ausgehende Initiative unterstützt die mexikanische Regierung finanziell im Kampf gegen die Kartelle. Was laut CASMA dabei nicht bedacht werde, sei die weit fortgeschrittene Korruption, die in Mexiko herrsche. Laut der Human Rights Watch werden vermehrt Menschenrechtsverletzungen durch Militär und Polizei gemeldet. Die Mexikaner selbst sprechen sogar von einem Versagen des Rechtssystems und einem generellen Misstrauen, bis zu Gefühlen der Angst gegenüber der Polizei, besonders auf munizipaler Ebene.

Aufgrund fehlender Jobs werden viele Menschen kriminell, oder schließen sich sogar Organisationen wie den narcos an, die riesige Gebiete dem Erdboden gleich machen -Aldrin

Social Media: Rohe Gewalt für vergoldete Waffen

Der Krieg und die Kriminalität haben sich bereits so weit im System verankert, dass von einer «Narcokultur» (also einer Kultur des Drogenhandels=Narcotráfico, Anm.) die Rede ist. Schon im jungen Alter werden hauptsächlich Menschen mit trüben Zukunftsaussichten für eines der großen Kartelle rekrutiert. Laut dem Colectivo Acción Solidaria con México seien sie auf Grund von Armut, niedriger Bildung, und Korruption bereit, sich den Kartellen anzuschließen. Die Zugehörigkeit zur Narcokultur wird beinah glorifiziert, und umfasst dabei fast alle Lebensbereiche, von einer eigenen Musik, bis hin zu einem eigenen Slang. «Die Gewalt hat sich als Teil unseres Wesens etabliert. Es geht schon so weit, dass nicht mehr nur ein einzelnes Leben keinen Wert mehr hat, sondern dass es den Menschen Spaß zu machen scheint andere zu ermorden und ihnen Schmerzen zuzufügen», versucht der Vertreter von CASMA zu verstehen, was in den Köpfen der narcos vor sich geht.

Auch hier ziehen manche Experten Parallelen zu den USA. So soll während des zweiten Weltkriegs eine temporäre Legalisierung von Rauschgiften nur deshalb stattgefunden haben, um die Morphin-Nachfrage der amerikanischen Soldaten zu stillen. Diese Periode soll die Entwicklung des Drogenhandels zwischen den zwei Staaten maßgeblich geformt haben, da auch erstmals Morphine, und später andere Drogen in großen Mengen produziert wurden – der mögliche Start einer Narcokultur. Heute sind die Kartelle an die weltweite Nachfrage angepasst und konnten sich laut dem Colectivo sogar schneller an die neoliberale Logik anpassen, als so manche Firmen. Die Modernität ihres Vorgehens zeigt sich auch in ihrem Lebensstil: Die Kommunikation erfolgt großteils über soziale Medien; viele der narcos leben in Luxus und teilen Fotos von ihren Haustier-Tigern, oder vergoldeten Waffen unter den Hashtags «narco» und «narcostyle», was wiederum ein verfälschtes Bild des Lebens als narco produziere.

Die politischen Führer scheinen weder das Potential, noch das Interesse daran zu haben, die dringendsten Thematiken des Landes zu lösen. Aber wenn wir die politischen Führer wechseln – was kommt danach? -Artemio

Studenten und Bürgerwehr: Widerstand im Narcoland

Zu den an die Moderne gut angepassten Drogenhändlern, den Menschenverschleppungen und der Korruption kommt noch dazu, dass in Mexiko bis dato eine Unterdrückung der Pressefreiheit herrscht. Unabhängige Medien und Journalisten werden laut CASMA zum Schweigen gebracht und oft auch ermordet. Es sei sogar von einer demokratischen Diktatur, einem Narcostaat die Rede. Zwischen 2000 und 2014 sollen dabei über hundert Journalisten umgebracht, über zwanzig verschleppt worden sein.

Am 26.September 2014 schafft es eine der grausamen Meldungen bis zu uns. Ein Bus mit 100 Studenten fährt von der Universität Ayotzinapa, die ca. 400km südlich von Mexiko-Stadt liegt, Richtung Hauptstadt, um an einer Demonstration teilzunehmen. 43 der Studenten verschwanden; wie der genaue Ablauf vor sich ging, ist bis heute ungeklärt. Die offizielle Version, es sei zu einem Zusammenstoß mit der Polizei und folgend zu einer Übergabe an das Drogenkartell «Guerreros unidos» gekommen, weißt Lücken auf. Unter dem Hashtag #hastaencontrarlos, was so viel bedeutet wie «bis wir sie finden», engagieren sich zahlreiche Initiativen für die Thematik die dieser Fall aufgeworfen hat. Er ist symbolisch geworden für den anscheinend grenzen- und skrupellosen Konflikt, der zwischen den Drogenkartellen herrscht. Das meinen auch die Mitglieder des Colectivo: «Ayotzinapa hat alles was wir wissen so klar aufgezeigt und auch viele andere Fälle von Verschleppungen und Menschenhandel zum Vorschein gebracht. Spezialisten sind auf die Lücken der offiziellen Version gestoßen und zeigten, wie der Staat Sachen verdreht hat.»

Weitere Demonstrationen zeigen, dass sozialen Bewegungen sich nicht auflösen, sondern nur kurzzeitig von der Bildfläche verschwunden sind. Dabei werden von den Protestierenden nicht nur laute, sondern auch leise Maßnahmen gegen die Probleme im Land getroffen: Viele kleine Städte in Mexiko haben begonnen, die Polizei aus ihrem Gebiet zu verbannen und sich selbst zu verwalten, ihre eigene Regierung zu bilden, da sie der offiziellen Seite nicht mehr vertrauen wollen. Am Ende des Tages bleibt für die Männer und Frauen des CASMA eine Frage offen, die erneut die Komplexität des Problems aufzeigt: «Wie soll man einen Krieg gewinnen, für den das Kapital aus dem mächtigsten Staat der Welt, den USA kommt und nicht aus der Region, in der gekämpft wird? Wie einen Krieg führen in dem es keinen klaren Feind gibt?»

GewaltinMexiko (1)

Mexicohistory

 

Die Autorin verbrachte ein Jahr im Süden von Mexiko und hörte beinah täglich über zahlreiche Zwischenfälle und alltäglich gewordene Gewalt. Alle Zitate stammen von Freunden vor Ort und wurden, so wie die Informationsquellen, von ihr übersetzt.

Dieser Artikel ist am 08. Dezember 2015 auf Mokant.at erschienen.

Heute schon gelacht?

Gemäss Untersuchungen des Begründers der moderner Lachforschung, William Fry, ist erwiesen, dass Lachen einen positiven Effekt auf unsere Gesundheit hat. Kinder lachen ungefähr 400 Mal pro Tag, Erwachsene lediglich 15 Mal. Wer den Humor und das Lachen in seinen Alltag integriert, steigert seine Lebensqualität enorm. Ein indischer Arzt ist sogar der festen Überzeugung, dass zwei Minuten Lachen den gleichen Effekt auf die Gesundheit von Körper und Geist haben wie 20 Minuten Jogging. Dadurch wird deutlich, wie wichtig die Arbeit der Traumdoktoren im Spital ist.

Wer lacht, lebt länger!

Gerade für Kinder im Spital beinhaltet dieser Spruch viel Wahrheit – denn wenn sie lachen, können sie ihre Sorgen für eine Weile vergessen. Die Stiftung Theodora schickt seit 22 Jahren lustige, poetische Artisten in die Spitäler, um den Kindern humorvolle Momente zu schenken.

Die Stiftung wurde 1993 von den Brüdern Jan und André Poulie, in Erinnerung an ihre Mutter Théodora, ins Leben gerufen. In Jugendjahren musste André nach einem schweren Unfall monatelang im Spital liegen. Théodora verbrachte jeden Tag die wenigen erlaubten Besucherzeiten am Bett ihres Sohnes. Sie erzählte ihm und den anderen kleinen Patienten Geschichten, erfand Spiele und zauberte. Ihre Fröhlichkeit rückte den Schmerz und die Angst für eine Weile in den Hintergrund und erheiterte den schwierigen Spitalalltag der Kinder.

Mit diesem Glücksrezept schenken die Brüder Poulie den Kindern im Spital und Kindern mit Behinderung in spezialisierten Institutionen farbige und zauberhafte Augenblicke. Die enge Zusammenarbeit mit den Ärzten und dem Pflegepersonal erlaubt den Spitalclowns, behutsam und sehr individuell auf jedes Kind einzugehen, so dass es im Mittelpunkt des Besuches steht. Auch für das Umfeld des Kindes, die Eltern, die Geschwister und das Fachpersonal ist der Besuch sehr wertvoll und bringt etwas Sonne in die besorgten Herzen. «Was ich nie vergessen werde, sind die dankbaren, zu Tränen gerührten Eltern, wenn sie ihre Kinder beim Besuch der Traumdoktoren wieder lachen sehen.» Erzählt Simona Waldburger, Projektmanagerin der Stiftung. «Einmal sah ich in der Onkologie ein Mädchen, das wegen Kortison stark geschwollene Augen hatte. Das Mädchen war überglücklich, als Dr. Trallalla ein Lied extra für sie sang. Solche Ereignisse sind immer sehr bewegend.» Simona Waldburger bewundere, mit welchem Mut Kinder und Eltern schwierige Situationen meistern und sich trotz allem zum Lachen und Träumen mitreissen lassen. Ebenfalls bewundere sie das Pflegepersonal, das unermüdlich und mit viel Empathie für das Wohl der kleinen Patienten sorge.

Bei der Stiftung Theodora ist die Abgrenzung zwischen Arzt und ‚Humorolge‘, ein von der Stiftung Theodora kreiertes Wort für die tätigen Traumdoktoren, allerdings ganz strikte. Jeder hat seinen Moment, der Arzt, das Pflegepersonal und die Traumdoktoren. Wenn die Ärzte da sind, müssen die Traumdoktoren gehen. Damit soll verhindert werden, dass der Artist mit Schmerzen in Verbindung gebracht wird und das Kind dadurch enttäuscht ist und sich vom ihm hintergangen fühlt.

Über die therapeutische Heilkraft des Lachens wird seit Urzeiten berichtet und genau jenes Lachen zaubert der Traumdoktor Kindern ins Gesicht. Sein grösster Wunsch bleibt aber trotzdem, den Kindern Gesundheit schenken zu können. 

Weitere Informationen

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Wer die Stiftung Theodora unterstützen und Kindern ein Lachen schenken möchte, findet weitere Infos unter www.theodora.org

Spendenkonto PC 10-61645-5

Dritte Welt: Erlebnisse aus Bali

Von meiner Terrasse aus blicke ich über meinen wunderschönen Garten und geniesse mein Bier. Mein Lebensgefühl ist grossartig. Währenddessen sammelt mein Nachbar Gartenabfälle bei mir. Er ist nicht mein Gärtner, sondern will die Abfälle später in der Stadt verkaufen. Für ein Kilo vertrocknete Frangipaniblüten kriegt er umgerechnet 1.50 Franken. Er ist 62 Jahre alt. Sein rechtes Bein von einem Motorradunfall völlig deformiert, weshalb er seit mehreren Jahren chronische Schmerzen hat. Für Medikamente oder gar eine chirurgische Behandlung fehlt das Geld. Immer wieder kommen Nachbarn zu mir und bitten darum, sich einige Früchte pflücken zu dürfen, die sie zum Kochen verwenden können. Es hat zum Glück genug für alle.

Mein Fischerfreund

Am Abend kommt ein Freund von mir vorbei. Er ist Fischer. Er hat Geldsorgen, weil die Nebensaison begonnen hat. Wenn die Touristen ausbleiben, bricht eine wichtige Nebeneinkommensquelle ab. Um den täglichen Bedarf von ihm und seiner Familie zu decken, braucht er mindestens 7 Franken. Das Bezahlen der Schuldgelder für die Kinder wird zum Kampf werden. Zu allem Überfluss braucht sein ältestes Kind ein Motorrad, weil der Weg in die neue Schule 14 Kilometer beträgt. Ein Fahrrad käme nicht in Frage, weil sein Sohn dann zum Gespött der Leute würde. Fahrräder sind auf Bali sehr selten, hier hat fast jede Familie mindestens ein Motorrad. Das Fahrrad wäre ein Zeichen dafür, dass seine Familie nicht einmal über das Geld für ein Motorrad verfügt. Er hofft, dass ein Freund aus Frankreich ihn finanziell unterstützt. Vor einer Woche hatte er noch so viel Arbeit, dass er drei Tage am Stück nicht geschlafen hat. In der Nacht ging er fischen und tagsüber hat er seine Ausrüstung repariert, im Haus geholfen und vereinzelte Touristen aufs Meer geführt. Von seinem Fang kann er nur einen Bruchteil behalten. Die Hälfte geht an den Bootsbesitzer. Wer die Fischerausrüstung beisteuert, bekommt auch noch einen Viertel des Ertrags. Viele Fischer können sich die teure Ausrüstung nicht selbst leisten und müssen sie deshalb teuer ausleihen. Nur das letzte Viertel wird unter den Fischern aufgeteilt. Die Menschen auf Bali helfen sich gegenseitig, ohne diese Unterstützung würden viele nicht über die Runden kommen. Für den Fischer ist das Leben zurzeit trotzdem ein Kampf ums Überleben.

Auf Bali werden grosszügige Touristen nicht selten auch als Geldgeber benutzt. Die Anfragen für Unterstützung überschatten dann die Freundschaft. Der Fischer hat mich aber noch nie um Geld gebeten. Er sieht mich als Freund, um Zeit, Essen und Palmwein zu teilen.

Die Gärtnergeschwister

Mein Garten wird von einem 18-jährigen Balinesen zusammen mit seiner 12-jährigen Schwester bearbeitet. Seine Schwester kommt sehr gerne vorbei, weil sie hier Abstand von ihrem Zuhause hat, sagt sie. Ihr Haus hat kein Badezimmer, sie waschen sich mit einem Eimer und einer Kelle. Ihre Mutter ist geistig behindert und kann deshalb zum Familieneinkommen nicht beitragen. Der 18-jährige Gärtner träumt von Reichtum. Als ein Tourist ihm vor zwei Wochen 100 Franken schenkte, hat er es seiner Familie verheimlicht und sich mit dem Geld ein Smartphone gekauft. Für ihn sei das zumindest ein winziger gefühlter Zugang zur Welt der reicheren Leute, sagt er.

Text: Kaspar Anderegg