Gesellschaft | 01.12.2015

«Wenn Sie schon nicht helfen können, fügen Sie wenigstens keinen Schaden zu»

Text von Raphael Fleury | Bilder von Wikipedia
Der Lehrmeister des tibetischen Buddhismus, Sogyal Rinpoché, Autor des berühmten Werks "Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben", war vor einigen Wochen bei einem öffentlichen Vortrag in Neuchâtel. Ein Rückblick auf das Ereignis.
Der tibetische Lama Sogyal Rinpoché war Anfang Oktober in Neuchâtel zu Besuch.
Bild: Wikipedia

Er war zum ersten Mal in Neuchâtel. Sogyal Rinpoché, in Rot und Safrangelb gekleidet, mit einer Brille auf der Nase, sprach im Temple Du Bas in einem voll besetzten Saal vor einem enthusiastischen und aufnahmebereiten Publikum. Der Tibeter, kräftig und mit einer schönen Leibesfülle ausgestattet, witzig und charismatisch, hat es verstanden, das Publikum zum Lachen zu bringen.

«Vive la Suisse!» (“Es lebe die Schweiz!”) So leitete er lachend und auf Französisch seine Rede ein, während er die Faust schwang. Dennoch war der buddhistische Lehrmeister eigentlich anwesend, um über sehr ernste Themen zu sprechen. Womit er nicht gebrochen hat und sein Publikum gleich vorab warnte: «Ein Grossmeister sagte, dass es notwendig sei, etwas abzugeben, nicht zu bekommen. Haben Sie heute Abend also nicht zu hohe Erwartungen.»

Beeindruckende Zahlen

Sogyal Rinpoché, der 1947 in Tibet geboren wurde, ist Gründer und spiritueller Leiter von Rigpa, einem internationalen Netzwerk mit rund 130 buddhistischen Zentren, die auf etwa 40 Länder verteilt sind. Ausserdem ist er der Autor des tibetischen Buchs vom Leben und vom Sterben – ein Werk, das in 34 Sprachen herausgegeben und fast drei Millionen Mal verkauft wurde. Zahlen, die beeindrucken und die Anziehungskraft des Buddhismus weltweit bezeugen. Der Vortrag des tibetischen Lama in Neuchâtel war die Gelegenheit, im Wesentlichen auf zwei Aspekte einzugehen: einerseits auf inneren Frieden und Zufriedenheit, andererseits auf das Wesentliche der Lehren des Buddhas.

Innerer Frieden und Zufriedenheit

“Eigentlich bin ich nicht hier, um einen Vortrag zu halten”, sagte der Tibeter, “sondern um eine Lehre zu vermitteln”. Sein Ziel war tatsächlich nicht, einfach nur zu reden, sondern dem Publikum zu erklären, wie man seinen Geist verändern kann. “Es gibt zwei Sorten von Glück”, behauptete er. “Dasjenige, das mit den Sinnen und materiellem Reichtum verknüpft ist. Und dasjenige, das mit einer tieferen Zufriedenheit, mit innerem Frieden verknüpft ist.”

Reichtum anzuhäufen und zu behalten, erfordert viel Zeit und Energie und macht verwundbar. Zugegeben: Man hat keine oder wenig Kontrolle über ein Glück, das sich ausserhalb von sich selbst befindet. “Wir reden und denken zu viel”, versicherte Sogyal Rinpoché, “und wir haben den Sinn des Seins verloren. Diesen und den inneren Frieden müssen wir wiederfinden.” Und der buddhistische Lehrmeister nannte in Verbindung damit Paulus, Sokrates, den Propheten Mohammed und – trotzdem – Buddha.

Das Wesentliche der Lehren des Buddha

“Die Lehre des Buddha umfasst mehr als hundert Bände und tausende Seiten”, betonte Sogyal Rinpoché. Erinnern wir uns auch daran, dass Buddha nie selbst schrieb. Diese Lehre kann dem Tibeter zufolge in drei Geboten zum Ausdruck kommen: 1.) Begehen Sie keinerlei negative Handlungen. 2.) Bauen Sie sich einen Schatz an Tugenden auf. 3.) Disziplinieren Sie Ihren Geist, verändern Sie ihn.

Das erste Gebot leitet sich vom Grundsatz ab, dass man sich, wenn man Schlechtes tut, im Endeffekt selbst Schlechtes zufügt. Folglich liegt es im eigenen Interesse, nichts Schlechtes zu tun. Und “wenn Sie schon nicht helfen können, fügen Sie wenigstens keinen Schaden zu”, sagen die Grossmeister. Das zweite Gebot besteht darin, seinen reinen Geist und sein reines Herz zu bewahren, indem man positive Gefühle aufbaut und sich von der negativen Haltung loslöst. Schliesslich geht es darum, seinen Geist zu verändern. Wie kann man das tun? Indem man meditiert. Indem man betet. Indem man Liebe und Mitgefühl aufbaut. Was ist Meditation überhaupt? Das ist Präsenz, Aufmerksamkeit und Bewusstsein. Sie ermöglicht es, sich im Jetzt festzusetzen, um sich von den Konzepten zu befreien, die den Geist beschmutzen. “Ich lehre heute auf eine sehr einfache Art und Weise, ich nehme einige Abkürzungen”, versicherte Sogyal Rinpoché.

Von der Bescheidenheit

“Ich bin kein Buddha, sondern ein “boudin” (Blutwurst; Fettwanst)”, sagte der buddhistische Lehrmeister plötzlich, bewies damit Selbstironie und brach in sein ansteckendes Lachen aus. Er fügte auf Französisch zur Erklärung hinzu: “Un saucisson!” (“Eine Wurst!”) Der Tibeter unterstrich den Bedeutungsunterschied, bescheiden und nicht arrogant zu sein. Und nicht zu lügen. “Manche sagen, dass ihnen der Herr erschienen ist. Was bedeutet das? Ich kann dies akzeptieren, ich habe jedoch keinerlei Vision, keinerlei Offenbarung. Dafür habe ich Gefühle, Intuitionen.”

Gut zwei Stunden lang bezeugte Sogyal Rinpoché den buddhistischen Glauben, “einen Glauben, der auf Argumentation basiert, es ist kein blinder Glaube”. Und weil der Abend eindeutig mit einem weiteren Lacher abgeschlossen werden sollte, wandte er sich folgendermassen an das Publikum und sorgte dadurch für allgemeine Erheiterung: “Wenn ich noch einmal nach Neuchâtel komme, dann nur aus einem Grund: nicht wegen Ihnen, sondern wegen eines ausgezeichneten japanischen Restaurants, das ich entdeckt habe.”

Übersetzt aus dem Französischen von Alexander Fischer für Tink.ch