Gesellschaft | 11.12.2015

Illusion eines idealen Internets

Text von Sandro Bucher | Bilder von Sandro Bucher
Das Internet verändert die menschliche Kommunikation so einschneidend, wie dies nur dem Buchdruck, der Reformation und der damit verbundenen «Enthierarchisierung» der Kommunikation zu Beginn der Neuzeit gelang. Damals wie heute erhofften wir uns durch die neuen Formen der Kommunikation, alle Menschen miteinander zu verbinden und zu einer globalen Gesellschaft ohne Grenzen zu werden. Damals wie ...
Nicht nur in elitär geführten Gesellschaften, sondern auch in jenen Teilen der Welt, die sich für aufgeklärt und demokratisch halten, wird der Ruf nach Medienzensur im digitalen Netz laut.
Bild: Sandro Bucher

Das Internet verändert die menschliche Kommunikation so einschneidend, wie dies nur dem Buchdruck, der Reformation und der damit verbundenen «Enthierarchisierung» der Kommunikation zu Beginn der Neuzeit gelang.

Damals wie heute erhofften wir uns durch die neuen Formen der Kommunikation, alle Menschen miteinander zu verbinden und zu einer globalen Gesellschaft ohne Grenzen zu werden. Damals wie heute stellt sich die Frage, ob das Publikum mündig genug ist, um die verbreiteten Botschaften differenziert genug aufzunehmen, ohne dass es einer Regelung durch Zensur bedarf.

Medienrevolution

Die vernetzte Welt des digitalen Lebensraums lädt aufgrund ihres unerforschten Wesens fortwährend zu Entdeckungsfahrten ein. Jeder Mensch kann sich durch die schier unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten zu Wort melden und seine Botschaft weltweit Gehör finden lassen. Etablierte Medien scheinen überflüssig zu werden. Doch darf die Autorität des herkömmlichen Journalismus deshalb hinterfragt werden?

Während sich etablierte Medien an Richtlinien und Standards eines nationalen Presserates oder unternehmensinternen Bestimmungen orientieren, zwängt sich ein Grossteil der Menschen in der digitalen Lebenswelt nicht in ein vergleichbares Korsett.

Internet als Ideal

Dieses Ungezwungene entspricht dem “Ideal einer vollkommenen Zeitung”, das der deutsche Schriftsteller Karl Philipp Moritz 1784 formulierte. Für ihn ist der Grundgedanke hinter einer erfolgreichen Aufklärung die Miteinbeziehung aller Bevölkerungsschichten in den Dialog. Die «öffentliche Zeitung« soll eine mediale Öffentlichkeit schaffen, sie sei ein «unbestechliches Tribunal», «der Mund, wodurch zu dem Volke gepredigt, und die Stimme der Wahrheit, so wohl in die Paläste der Grossen, als in die Hütten der Niedrigen dringen kann.»

Der aktive Austausch über die vermittelten Informationen gehört für Moritz ebenso zur Einbindung aller Menschen in den Dialog: «Eltern, Erzieher, Menschen die in einer Stadt zusammen, oder entfernt leben, könnten sich einander ihre wichtigsten Vorschläge und Entdeckungen mitteilen, und sich durch die Zeitung miteinander über die angelegentlichsten Dinge besprechen.»

Mit der geforderten Partizipation knüpft Moritz an Immanuel Kants «Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?« an. Kant nimmt die Menschen selbst in die Verantwortung, sich aufzuklären um damit zur Unabhängigkeit zu gelangen, denn «Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben.»

Social Media-Terror

Das digitale Neuland wurde im Namen der Freiheit entdeckt. Die Gründerväter dieser Technologien feiern ihre neue Welt bis heute als Ort mit endlosem Freiheitspotential und würden in ihrer Euphorie auch von Kant und Moritz gestärkt werden. Doch die Vision, eine “digitale Basisdemokratie” zu schaffen, birgt auch seine Gefahren.

Das Internet wird von terroristisch agierenden Milizen wie dem Islamischen Staat (IS) genutzt, um ihre Hassbotschaften und vergifteten Vorstellungen von Religion zu proklamieren. Zusätzlich nutzt der IS die Sozialen Medien, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Twitter reagiert, wenn auch mit schwulstiger Sorgfalt. Der Mikroblogging-Dienst beruft sich auf seine selbstauferlegte Neutralität, die Mündigkeit seiner Nutzer und die freie Meinungsäusserung, die er auf seiner Kommunikationsplattformen gewähren will.

Mehr denn je drängt sich nicht nur die Frage auf, ob es für Inhalte im Internet ebenso Regulierungen und Grenzen braucht wie für etablierte Medien, sondern auch, ob solche Normierungen auf globaler Stufe sowohl rechtlich als auch kulturell und gesellschaftlich überhaupt umsetzbar sind.

Differenzierung und Einschränkung

«Auch das Elend und die Armut in den verborgnen Winkeln muss aufgedeckt, und nicht aus einer falschen Empfindsamkeit vor unserm Blick in Dunkel eingehüllt werden», schreibt Moritz in seinem Konzept der vollkommenen Zeitung und spricht sich damit gänzlich gegen eine Zensur von Unmenschlichkeit und Terror aus, fordert aber einen differenzierten und aufklärerischen Ansatz, der in das Gezeigte einfliessen muss: «Das Elend, wenns einmal da ist, muss unter uns zur Sprachen kommen, und auf Mittel gedacht werden, wie man demselben abhelfen kann.»

Dienen Videoaufnahmen von Enthauptungen als unabdingbares Anschauungsmaterial, oder taugen sie lediglich zum Stillen der Sensationsgier des Publikums? Eine mediale Thematisierung des Terrors und ein Abwägen von möglichen Lösungsansätzen gegen extremistische Ideologien müsste in einer aufgeklärten Gesellschaft auch ohne das gezeigte Bildmaterial möglich sein.

Grenzen der Freiheit

Die von Moritz formulierten Ideale einer vollkommenen Zeitung werden zu Recht kritisch hinterfragt. Globale Konsequenzen wurden vom deutschen Schriftsteller nicht berücksichtigt. Das Internet würde unter seinen Wertvorstellungen zu einem Nährboden und Brutplatz für Terrorismus verkommen.

Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. Dieser Gedanke kann nicht isoliert von den Grundsätzen der Aufklärung betrachtet werden. In der “Dialektik der Aufklärung”, die Max Horkheimer und Theodor Adorno 1944 formulierten, behaupten die beiden Sozialphilosophen, dass ebendieses Denken schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalte: «Nimmt Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal.»

Ob ein Korsett der Regulierungen und Zensur das Endprodukt attraktiver macht, oder ob ihm dieser Schnürleib lediglich die Luft zum Atmen nimmt, ist je nach Sichtweise des Rezipienten unterschiedlich.

Aufklärung durch Eigenverantwortung

Es ist immanent, dass jeder Mensch etablierte und neue Medien sowie deren Autoritätsanspruch fortwährend hinterfragt. In der “Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte” festgehaltene Artikel wie «Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten» werden für das Internet beharrlich ihre Geltungsdauer haben, da Normierungen an der Mauer der Anonymität und Globalisierung gnadenlos zerbrechen.

Eine Umsetzung jedwelcher Zensur im Internet ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es liegt, frei nach Kant, in der Verantwortung jedes Menschen, sich durch eigene Bearbeitung seines Geistes aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf sandrobucher.com