Kultur | 11.12.2015

«Ich begrüsse die Initiative gegen die Reitschule»

Text von Michael Scheurer | Bilder von Tobias Häberli
In den 80er-Jahren floh er als linker Aktivist von der Polizei. Heute jagt er die uniformierten Beamten mit der Kamera. Der neueste Reitschul-Film vom Berner Andreas Berger gibt auch Einblicke in seine eigene Geschichte.
Filmemacher Andreas Berger im Interview.
Bild: Tobias Häberli

Muss man sich da langweilen? Nach dem grossen Film über die Reitschule “welcome to hell” 2014, folgte vor Kurzem “Come to hell … and see the paradise”, ebenfalls ein Streifen über die Reitschule. Zwei Filme über das Selbe vom gleichen Macher. Erwartet die Zuschauer gähnende Langeweile, Andreas Berger?

Es sind zwei unterschiedliche Werke. Der erste Film beleuchtet die Basics der Reitschule und erklärt durch die Betreiberinnen und Betreiber selber, wie das bunte Haus neben dem Berner Hauptbahnhof funktioniert.

Und der zweite Film?

Der ist als Nachspiel zum ersten gedacht. Die Reitschule wurde erklärt, es geht ausschliesslich um neue Motive und Geschichten aus den letzten zwei Jahren.

Beide Filme erlauben einen einzigartigen Einblick in die Reitschule. Und dennoch wirken sie oberflächlich. Zu viele Geschichten werden erzählt, die nicht in die Tiefe gehen. Zu viele Personen werden portraitiert, die man doch nicht richtig kennen lernt.

Die Reitschule ist ein Universum mit Tausenden Menschen und Geschichten, so dass von vornherein klar war, dass auch ein noch so langer Film nur einen kleinen Ausschnitt aus diesem Universum zeigen kann. Aber die elementaren Ereignisse werden im Film ausführlich und aus persönlicher Sicht dargestellt. Etwa die Gewalt- und Drogenprohibition, seit den 80er-Jahren ein Dauerbrenner. Und das ist nicht oberflächlich!

Die DNA-Entnahmen von Demonstrierenden, die zuletzt für Wirbel in Bern gesorgt haben, werden in deinem neuen Film aber beispielsweise nur am Rande beschrieben. Die Recherche fehlt. Der Film bleibt oberflächlich.

Ich finde es schockierend genug, wenn harmlose Jugendliche, die gegen die Miss-Schweiz-Wahl auf dem Bundesplatz demonstrieren, festgenommen, ausgezogen und zur DNA-Abgabe vorgeladen werden. Aufzuzeigen, dass es offensichtlich zwei Klassen von Demonstranten gibt, genügt.

Endo Anaconda sagt in deinem Film, die Reitschule sei ein Märchen für ihn. Was ist die Reitschule eigentlich für dich?

Mittlerweile sind drei Generationen in der Reitschule aktiv und das Kulturzentrum besteht seit 28 Jahren. Das ist ein Märchen. Und manchmal Alptraum zugleich. Etwa wenn Diskussionen zu den immer gleichen Themen wieder mal kein Ende nehmen wollen.

Kein Ende nehmen wollen auch die Initiativen gegen die Reitschule. Bereitet dir das aktuelle Exemplar der SVP Sorgen?

Eigentlich begrüsse ich die neue Initiative von Erich Hess gegen die Reitschule. Das baut einen gewissen Druck auf und die internen Auseinandersetzungen werden für einen Moment zur Seite gelegt. Initiativen verleihen der Reitschule immer einen Kreativitätsschub. Viel Neues entsteht.

Zurück zur Filmkritik. Mit Verlaub: Die Machart des Filmes lässt Zweifel am professionellen Handwerk des Filmemachers aufkommen. Deine Schnitte sind wild, das Zoom-Element setzt du exzessiv ein und die Bilder sind verwackelt.

Das wilde und ungestüme gehört zur autonomen Reitschulbewegung und muss sich in meinen Augen auch in der Form des Films niederschlagen. Das ist ein bewusster Entscheid. Und meine Handkamera wackelt weniger stark als in etlichen Dogma-95-Spielfilmen.

Der inflationäre Gebrauch des Zooms wirkt trotzdem unprofessionell.

Klar, man sagt, das Zoom-Element sei das Travelling der armen Leute. Wer Geld hat, arbeitet mit Kamerakränen auf Schienen und macht ruhige Fahrten. Trotzdem habe ich mit dem bewussten Einsatz des Zooms schöne Bewegungen hingekriegt und einen eigenen Stil geschaffen. Die erfahrene Cutterin Kathrin Plüss nannte es einmal “Freestyle”.

Freestyle ist auch ein Kameraschwenk im Stadtratssaal. Im entscheidenden Moment verpasst du eine Szenerie auf der Zuschauerbühne. Sind das die Leiden des Low-Budget-Films?

Wenn man als Ein-Mann-Unternehmen arbeitet, kann es immer wieder passieren, dass man mit der Kamera in einem entscheidenden Moment am falschen Ort ist. Das gehört einfach dazu und ist zugleich Motivation, mit der Arbeit weiterzufahren – damit man es beim nächsten Mal besser macht.

Im Film bezeichnet sich Sabine, eine Protagonistin, als kreativ militant. Du sagst von dir, du seiest ein kreativer Aktivist. Was soll das sein?

Die einen machen Avantgarde-Theater, andere zeigen schräge Filme im Kino und ich dokumentiere die Reitschule. Die Kamera ist meine Waffe, um den Wahnsinn der Welt in Schach zu halten.

Du bist aber nicht nur Aktivist, sondern auch Journalist. Ein Jahrzehnt hast du für den “Bund” als Redaktor gearbeitet und schreibst heute noch für das Blatt – wenn auch sehr selten. Welche journalistischen Ansprüche hast du an deine Filme?

Ich versuche gegenüber allen fair zu sein. Ich erlaube mir Verdichtungen und Zuspitzungen. Aber ich würde nie Inhalte manipulieren. Und so halte ich mich an viele weitere journalistische Prinzipien. Grundsätzlich spiele ich mit offenen Karten. Mein Anspruch ist es auch, ein komplett anderes Bild der Reitschule als Telebärn und andere Mainstreammedien zu zeigen.

Die “Mainstreammedien” berichten aber aus verschiedenen Perspektiven über die Reitschule. Man könnte sogar sagen, die Berichterstattung ist ausgewogen.

Wenn die Zeitungen nachfragen, was sich bei einem bestimmten Ereignis zugetragen hat, dann sind die Berichte fair. Häufig aber wird gerade an Wochenenden das Polizeicommunique unkommentiert in der Montagsausgabe abgedruckt. Das ärgert mich.

Hast du deshalb deinen Redaktor-Job an den Nagel gehängt?

Nein. Ich habe immer gesagt: Entweder macht man Filme oder Kinder. Beides aber gibt ein Chaos. Und als ich mich für Kinder entschied, war ich auf ein geregeltes Einkommen angewiesen. Als die Kinder flügge wurden, begann ich wieder zu filmen.

Filme machen ist aber viel anstrengender.

Wenn ich einen Film schneide, komme ich oft “auf 180” nach Hause. Beim Computer kann man “leave this application” drücken. Im Kopf fehlt dieser Knopf leider. Häufig nahm ich die Arbeit sogar in den Schlaf mit. Ich träumte, dass ich die Kamera vergessen hätte, das Filmmaterial zur Neige ging oder wie ich von der Polizei verhaftet wurde.

Gutes Stichwort. Freud würde den Grund der Verhaftung im Traum wohl in der Realität suchen. Wann wurdest du das letzte Mal von der Polizei verhaftet?

In den 80er-Jahren hat mich die Polizei als linken Aktivisten noch gejagt und hat einmal sogar nach einer Verhaftung das Filmmaterial gegen Demonstranten verwendet. Heute ist es so, dass man sich gegenseitig respektiert: Bei Demos macht die Polizei ihren Job und ich den meinen. Und seit dem Wagenplatzfilm “Zaffaraya 3.0” (2011) gibt es in jedem meiner Filme auch Interviews mit Vertretern der Polizei. Deswegen stehe ich auch regelmässig mit dem Mediendienst der Kantonspolizei in Kontakt.

Zum Ende ein Blick in die Zukunft: Darf man von Andreas Berger dereinst einen Dokumentarfilm à la SRF erwarten?

Nein. Vorderhand ganz sicher nicht. Ich könnte mich nicht mehr so autonom austoben wie bisher. Beim neuen Film genoss ich es, das pure, anarchistische Lustprinzip auszuleben.