10.12.2015

Die Leidenschaften des jungen Frey

Text von Damaris Oesch | Bilder von Damaris Oesch
Der verletzte Fussballspieler Michael Frey blickt auf ein lehrreiches Jahr zurück. Sein Wechsel von YB zu Lille sowie der Knöchelbruch im vergangenen Januar haben ihn reifen lassen. Ein Blick hinter die Kulisse.
Der verletzte Stürmer Michael Frey blickt auf ein lehrreiches Jahr zurück.
Bild: Damaris Oesch

Er liebt den Fussball mit jeder Faser seines Körpers, dieser Michael Frey. Wenn er von seiner grössten Leidenschaft spricht, gerät er ins Schwärmen und lässt sich nur schwer bremsen. «Ich liebe den Fussball, ich liebe ihn einfach über alles», sagt der 21-Jährige bestimmt und gleichzeitig träumerisch. Sowohl die einfachsten Situationen des Spiels, der Mannschaftsgedanke und auch die Möglichkeit, viele Menschen glücklich zu machen, faszinieren den jungen Mann.

Sein Weg zum Profifussballspieler begann mit dieser riesigen Spielfreude, als er als kleiner Knirps auf dem Rasenplatz hinter seinem Elternhaus mit Kollegen kickte. Seine Leidenschaft, gepaart mit sehr hartem Training, führte Michael Frey zu den Young Boys und danach zum OSC Lille. Fussball war sein einziger Lebensinhalt. Bis zu dem verhängnisvollen Spiel im Januar dieses Jahres, in dem er mit den Stollen im Rasen hängenblieb und sich den Knöchel brach. «Durch die Verletzung musste ich lernen, dass es noch andere Dinge gibt als nur Fussball», sagt Michael Frey. Seine Wahrnehmung habe sich verschoben, er sei gezwungen worden, seine Einstellung dem Fussball gegenüber zu überdenken. Wenn er auf die Zeit vor dem Knochenbruch zurückblickt, gesteht er ein, dass er teilweise «trainingssüchtig, überfokussiert und schon fast fussballwahnsinnig» war.

Verschobener Fokus

Das hat sich durch die lange verletzungsbedingte Pause verändert. «Ich habe gelernt, mich an kleinen Dingen im Leben zu freuen und alles mehr zu geniessen», meint der Stürmer. So widmet sich Frey momentan vermehrt dem künstlerischen Schaffen, er zeichnet und malt viel, ausserdem lernt er seit etwa einem halben Jahr Gitarre spielen. «Fussball ist für mich auch Kunst», sagt der junge Mann und spannt damit geschickt den Bogen von seinen Hobbies wieder zurück zu seinem Beruf. Sein Knöchelbruch und die damit verbundenen Komplikationen sind jetzt schon fast komplett verheilt, er hofft, im Winter wieder auf dem Platz zu stehen. «Jetzt ist alles super, dieser Knöchel ist dann besser als vorher», meint der Nutella-Liebhaber glücklich und fügt in lockerem Ton an: «Nach 10 Monaten gewöhnst du dich an die Verletzung und kannst mit der Situation umgehen».

Doch auch Michael Frey konnte seine Situation nicht immer so entspannt betrachten. Die schlimmste Zeit seien die ersten Wochen nach der Verletzung gewesen sowie die niederschmetternde Nachricht, dass die erste Operation leider nicht das gewünschte Ergebnis zur Folge hatte.  Die Bänder seien nicht nachgezogen worden, deshalb sei das Gelenk sehr instabil gewesen, ausserdem war die Stelle entzündet. Anstatt wieder auf dem Platz zu stehen, musste sich der Stürmer im vergangenen Sommer erneut operieren lassen. Im ersten Moment sei er natürlich wütend gewesen, «ich habe ein halbes Jahr wie ein Besessener gearbeitet, um wieder zurückzukommen, und dann das!»

Doch Michael Frey wäre nicht Michael Frey, würde er nicht sofort wieder zu seinem scheinbar unzerstörbaren Optimismus zurückkehren. «Es bringt nichts, sich immerzu aufzuregen, das ist lächerlich», meint er deshalb und lächelt. Er versuche, das Beste aus seiner Situation zu machen. Diese Eigenschaft zeichnet den Münsinger aus, neben seinem unbändigen Ehrgeiz besitzt er genug Humor, Durchhaltevermögen und Optimismus, um auch nach knapp einem Jahr Fussballentzug nicht genervt oder gar verzweifelt zu sein.

Weg vom Herzensverein

Eine andere Eigenschaft, die Michael Frey ausmacht, ist seine Emotionalität. Er sagt von sich selber, dass er oft andere Menschen mit seinen Stimmungen anstecken kann- sowohl positiv als auch negativ. Eine Grauzone scheint da fast nicht zu existieren. Am deutlichsten zeigt sich diese temperamentvolle Seite des Stürmers, wenn er die Geschichte von seinem Wechsel zu Lille erzählt. Das war im Sommer 2014, die Saison hatte gerade erst begonnen, Frey war super in Form und schoss nicht wenige Tore. Alles gut, könnte man denken. Nichts deutete auf einen Wechsel in letzter Minute hin. Genau das ist dann passiert. Am letzten Tag, an dem das Transferfenster in Europa noch offen war, wechselte Frey zum OSC Lille. Für viele Fans war seine Entscheidung unverständlich, überstürzt, unüberlegt, vom Geld bestimmt.

Michael Frey selbst hat eine ganz andere Perspektive. Auch für ihn war alles in Ordnung, bis zu dem Tag, als ihm sein Trainer mitteilte, dass er im wichtigen Spiel gegen Basel nicht eingesetzt werden würde. «Ich war sehr enttäuscht und wurde wütend», beschreibt er heute seine Reaktion auf diese Entscheidung. Genau in diesem Moment habe er dann das Angebot von Lille bekommen. Danach ging alles sehr schnell. Innerhalb von einem Tag flog er nach Lille und unterschrieb einen Vertrag bis 2018. «Der Wechsel entstand aus dieser Wut heraus, es war ein Bauchentscheid», sagt Frey heute nachdenklich, fährt sich durch die kurzen braunen Haare und fügt an: «In diesem Moment war ich unzufrieden und wollte mich beweisen».

Es sei aber schon immer sein Traum gewesen, in einer grösseren Liga zu spielen; die Philosophie von Lille habe ihn überzeugt, auch das Angebot habe gestimmt. Trotzdem bleibt die Frage, was gewesen wäre, wenn Frey an diesem Sonntag von Anfang an gespielt hätte. Hätte er ohne die Enttäuschung und ohne die Wut wohl genauso entschieden? Die Frage bleibt unbeantwortet. Aber egal wie es war und wie anders die Trennung von seinem Herzensverein YB hätte sein können, eines bleibt für ihn klar: «Der Wechsel war ganz sicher kein Fehler», sagt Michael Frey bestimmt.

Kulturschock in Lille

Heute, fast eineinhalb Jahre nach seiner emotionalen Entscheidung, steht er immer noch voll und ganz hinter seinem Wechsel in die nordfranzösische Studentenstadt, zu einem Klub, der dafür bekannt ist, junge Spieler zu fördern. Die grösste Umstellung und Herausforderung war dann aber gar nicht so sehr die Arbeit auf dem Feld, sondern viel mehr alles rundherum. Dabei hat er viel mehr gelernt als nur Französisch. «Ich war vom einen auf den anderen Tag in einer völlig anderen Welt, erlebte eine Art Kulturschock», sagt er. Er habe lernen müssen, einen Haushalt alleine zu führen, allgemein sei es ihm anfangs schwergefallen, alleine zu sein. «Ich lernte mich dadurch selber besser kennen und bin als Persönlichkeit extrem gewachsen und gereift», sagt Michael Frey. Doch auch sportlich habe er vom neuen Verein profitieren können. So habe er stundenlang alleine an seiner Technik gefeilt. Die harte Arbeit zahlte sich aus, Frey spielte oft und schoss erste Tore. Doch dann bremste der Knöchelbruch im Januar 2015 die Karriere des Schweizer U-21 Nationalspielers.

Heute trainiert Frey vor allem mit seinem Physiotherapeuten Hanspeter Sterki. Dieser ist für den Angreifer viel mehr als einfach nur ein medizinischer Fachmann. Sterki sei gleichzeitig auch Mentor, Berater und Mentaltrainer des jungen Mannes aus Münsingen. Mental hat Michael Frey während der letzten Zeit viel gelernt. «Auf dem Platz bin ich immer noch ein absoluter Draufgänger, aber neben dem Platz bin ich ruhiger und geduldiger geworden», beschreibt er seine Arbeit an sich selber.

Fussball und sonst nichts

Wenn man Michael Frey zuhört, wird schon nach wenigen Sätzen klar, dass er trotz aller Erfolge, Fehler, Hochs und Tiefs vor allem eines geblieben ist: ehrlich. Er versteckt sich nicht hinter leeren Worthülsen, ist absolut authentisch und hat keine Bedenken davor, seine Meinung klar auszudrücken. «Es ist mein Ziel, immer ehrlich zu den Leuten zu sein», sagt er bestimmt. Er weiss, dass er damit eine Ausnahme darstellt: «Ehrliche Leute sind im Fussballbusiness selten».

Der selbstbewusste Frey will sich aber nicht anders darstellen als er ist, will sich selber treu bleiben. Seine unbändige Leidenschaft gehört nur dem Fussball, auf alles andere, das damit zusammenhängt, könnte er ohne Probleme verzichten. «Fussball ist ein Spiel, das Spass machen sollte, da hat kein Geld oder sonst irgendetwas anderes Platz», ist sich der Kebab-Liebhaber sicher.

Gar noch nicht sicher ist, bei welchem Verein Michael Frey nach der Winterpause spielen wird. Ob das Lille sein wird, ein Verein aus einer anderen Liga oder gar wieder YB, ausschliessen will der 21-Jährige nichts. Das Einzige, das Michael Frey will, ist, wieder seiner Leidenschaft auf dem Platz nachgehen zu können. Egal wie sehr ihn die Verletzung verändert und geprägt hat, seine Begeisterung für den Fussball ist immer noch riesengross. Fast schon ungeduldig sagt er: «Im Moment kann ich mir ziemlich vieles vorstellen, ich will einfach wieder spielen.»