Gesellschaft | 15.12.2015

Das Tor zur Kultur: Erlebnisse aus Bali

Text von Kaspar Anderegg | Bilder von Kaspar Anderegg
Sprachen werden gerne als Tor zur Welt bezeichnet. Auf Bali könnte dies besonders zutreffen. Ohne Indonesischkenntnisse geht man in der Masse der Touristen unter. Wer Indonesisch spricht, weckt Neugier, beweist Interesse an der Kultur und wird oft mit Herzlichkeit und Freude aufgenommen.
Das Wayang Kulit kann mehrere Stunden dauern.
Bild: Kaspar Anderegg

Indonesisch klingt sanft und melodiös. Ein ruhiger, herzlicher, akzeptierender Unterton begleitet die meisten Gespräche. Laut Wikipedia ist es Muttersprache für etwa 162 Millionen Menschen und gehört zu den meist gesprochenen Sprachen der Welt. Verben werden immer im Infinitiv genutzt und im Plural bleibt das Nomen immer gleich. Die Sprache ist grammatikalisch sehr einfach aufgebaut und vergleichsweise leicht zu erlernen. «Kemarin saya menulis tiga cerita.» heisst wörtlich auf Deutsch übersetzt: «Gestern ich schreiben drei Geschichte.»

Die Einladung

An einem Warung bestelle ich auf Indonesisch einen warmen Tee und setze mich auf die alte Holzbank. Neben Getränken zur Erfrischung stehen hier zahlreiche Snacks, Zigaretten, Duschmittel oder Toilettenpapier zum Verkauf. Die Warungbesitzer freuen sich sehr über meine Sprachkenntnisse. Sie überschütten mich mit Neugier. Immer wieder werden die Gespräche von seiner Grossmutter unterbrochen: «Ah, er kann schon Indonesisch!» Spontan werde ich zu einem Wayang Kulit eingeladen. Wayang Kulit ist indonesisches Schattentheater.

Dreckiges Wayang Kulit

Das kleine Gamelanorchester (ein Orchester aus xylophonartigen Instrumenten und Gongs) wird plötzlich lauter. Hinter der Leinwand lässt der Puppenspieler die kunstvoll geschnittenen Lederfiguren heftig aufeinander eindreschen. Seine Stimme ist ganz auf die Geschichte eingestellt und hat einen wilden, rauen Klang. Nur Öllampen bescheinen die Leinwand, die in einem Hinterhof aufgestellt wurden.

Die Vorstellungen können Stunden dauern, zum Beispiel, wenn das Ramayana – ein berühmter, hinduistischer Epos – erzählt wird. Ich sitze auf einem angerissenen Plastikstuhl und kriege Tee um Tee, Süssigkeit um Süssigkeit serviert. Mein neuer Freund, der Warungbesitzer, übersetzt für mich: Es gehe um den Kampf zweier Heroindealer um deren Kunden. Eine religiöse Vorstellung erwartend, ein Zeichen der indonesischen Hochkultur, bin ich ziemlich überrascht über die Handlung. Diese Jahrhunderte alte Kunst, ein Vorläufer des Kinos, wird scheinbar auch für sehr derbe Komödien benutzt.

Nicht selten übertönt das Gelächter über die Witze und Prügeleien auf der Leinwand den Puppenspieler und es wird Bier und Reisschnaps herumgereicht. Nach dem Spiel lassen mich die Zuschauer nicht gehen, ich soll unbedingt zum Essen bleiben und noch etwas mit ihnen trinken. Alle haben eine Riesenfreude, dass ein Weisser sich ihre Vorstellung anschaut. Nach zwanzig geschüttelten Händen zum Abschied kriege ich eine Gänsehaut von all den Eindrücken und den Türen, die sich mir durch die indonesische Sprache öffnen.