Die Sorge um den Wald ist alt

Mit vielerlei harzt es in der Schweiz im Naturschutz. Pro Sekunde wird ein Quadratmeter Land verbaut. 90 Prozent der Auen sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden. Von den 55 Schweizer Fischarten sind 41 entweder gefährdet, potentiell gefährdet oder bereits ausgestorben – Trost schenkt bei der Betrachtung solcher Zahlen in der Schweiz jeweils der Wald. Denn dieser befindet sich in gutem Zustand und er vergrössert seine Fläche stetig. Im 19. Jahrhundert, als die Grundsteine für diese Erfolgsgeschichte gelegt wurden, hätte man das vielleicht noch nicht für möglich gehalten.

Die Grundlage des Schweizer Waldschutzes bilden zwei Verbote: das Kahlschlag- und das Rodungsverbot. Rodung bezeichnet die Umwandlung von Waldfläche in landwirtschaftliches oder bebautes Gebiet. Unter Kahlschlag wird die Abholzung aller Bäume auf einer bestimmten Fläche verstanden. Die alternative Methode der Holzgewinnung besteht darin, einzelne Bäume an verschiedenen Stellen im Wald zu fällen. So gehen Förster in der Schweiz vor.

Kahlschlag- und Rodungsverbot wurden hier sehr früh eingeführt. Denn die Sorge um den Wald ist alt: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verbrauchte man in der Schweiz enorme Mengen an Brenn- und Bauholz. Kahlschlag folgte auf Kahlschlag, das Prinzip der Aufforstung galt noch nicht. Damals setzte eine Häufung von Erdrutschen, Steinschlägen, Lawinen und Überschwemmungen ein. Strassen wurden verschüttet, Brücken von Wasser mitgerissen, Vieh unter Erde begraben. Die Menschen verliessen Alpendörfer, die nicht mehr lawinensicher waren.

1876 endlich kam es auf Bundesebene zur Einführung von Kahlschlag- und Rodungsverbot. Diese zeigten hohe Wirkung: Inzwischen ist die Waldfläche der Schweiz wieder um 70 Prozent gewachsen. Vor allem in den Alpenregionen, wo Weiden und Wiesen unrentabel wurden, konnte sich der Waldbestand erholen.

Heute ist es auch nicht mehr der Bedarf an Bau- und Brennholz, der den Wald in erster Linie gefährdet, und rechtlichen Schutz nötig macht. Denn die Bedeutung von Holz als Ressource ist durch das Aufkommen fossiler Brennstoffe und neuer Baumaterialien stark gesunken. Waldflächen sind aus ökonomischer Sicht heute nicht mehr von besonderem Wert. Viel einträglicher wären stattdessen Siedlungsflächen. Doch hier erweist sich das Rodungsverbot als ein wirksames Mittel im Kampf gegen die Zersiedelung.

Die Bilateralen Verträge

Bevor wir die Bilateralen genauer anschauen, benötigen wir etwas Geschichtskunde. Wir reisen zurück zum 6. Dezember 1992, dem »schwarzen Sonntag für die Jugend«, wie sich der damalige Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz ausdrückte. Es war der Tag der Abstimmung zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), die mit 50.3% »Nein«-Stimmen abgelehnt wurde.

Seit diesem Tag war der Regierung klar, dass die Mehrheit des Schweizer Volkes weder ein Interesse an einem Beitritt zum EWR, noch zur EU hatte, obwohl die EU-Frage nicht Teil der Abstimmung war. Doch die Aussage des damaligen Bundesrates Adolf Ogi änderte dies. Mit seinen Worten, der EWR sei eine Art Trainingslager für die EU, wurde die EU-Frage doch auch Teil der Abstimmung. Die damalige Regierung hatte grosse Sorgen, wirtschaftlich abgeschottet zu werden, sollte die Schweiz dem EWR nicht beitreten. Um dies zu verhindern, wurden 1994 Verhandlungen mit der EU aufgenommen, um eine Abschottung der Schweiz eben dadurch zu verhindern. Es entstand die Idee der Bilateralen Verträge.

Obwohl der EU Kommissar Frans Andriessen in einem Interview klar betonte, dass es keinen Bilateralen EWR mit der Schweiz geben könne – dies wäre völlig ausgeschlossen – wurden 1999 die Bilateralen I in Luxembourg unterschrieben und im Mai 2000 ,mit einem deutlichen »Ja« von 67.2% der Schweizer Bevölkerung, angenommen. Im Juni 2005 gab das Stimmvolk ebenfalls ein 54.6% »Ja« zum Schengen/Dublin.

Bilaterale I und II?

Die Bilateralen Verträge sind in zwei Teile aufgeteilt, die jeweils verschiedene Verträge beinhalten, die sogenannten Bilateralen I und II. Die Bilateralen I regeln die Personenfreizügigkeit, das öffentliche Beschaffungswesen, Land- und Luftverkehr, Handel mit landwirtschaftlichen Gütern und das Forschungsabkommen. Die Bilateralen II beinhalten das Schengen/Dublin Abkommen. Alle Verträge sind mit der Guillotinen-Klausel versehen, das heisst: Bei Kündigung eines Vertrages werden automatisch alle Verträge der jeweiligen Bilaterale gekündigt.

Doch dann kam der 9. Februar 2014

Am 9. Februar 2014 hat das Schweizer Stimmvolk den Eindruck gezeigt, dass es mit den Verträgen unzufrieden ist. Es fordert die Einführung von Kontingenten bei der Einreise von ausländischen Staatsbürgern. Um dies nun auch umzusetzen, benötigt es die Anpassung der Bilateralen Verträge. Genau das ist jedoch derzeit nicht möglich, da der EU die Personenfreizügigkeit sehr wichtig ist und keine Bereitschaft besteht, an diesem Abkommen etwas zu ändern.

Die Optionen des Bundesrates

Der Bundesrat könnte nun zum einen den Volkswillen achten und versuchen, sich mit der EU zu einigen. Oder aber er achtet auf den Volkswillen und kündigt wegen der fehlgeschlagenen Verhandlungen mit der EU das Personenfreizügigkeitsabkommen, was das Ende aller Bilateralen bedeuten würde. Oder die dritte Option: Der Bundesrat missachtet den Volkswillen und setzt die Masseneinwanderungsinitiative nicht um.

Weitere Option: RASA?

Derzeit könnte man glauben, dass der Bundesrat eine vierte Option wählen könnte, welche ihm vielleicht gar nicht zustehen sollte. Diese Option nennt sich RASA, Raus aus der Sackgasse. Es handelt sich um eine Volksinitiative, deren Gesetzestext die Streichung der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) aus der Bundesverfassung vorsieht.

Darf der Bundesrat auf diese Abstimmung zählen? Dies bleibt fraglich, da der Bundesrat den Willen des Schweizer Volkes auf jeden Fall umsetzten muss, so will es die Verfassung. Diese schreibt ebenfalls vor, dass die MEI bis 9. Februar 2017 umgesetzt werden muss. Es ist nicht garantiert, ob das Volk RASA annehmen wird und ob die Abstimmung noch vor dem 9. Februar 2017 stattfinden wird. Sollte RASA nicht angenommen werden oder die Abstimmung findet nach dem Umsetzungstermin der MEI statt, wird der Bundesrat nur wenig Zeit haben, die MEI umzusetzen.

Vertrag oder Volkswille?

Es stellt sich immer dieselbe Frage: Was zählt mehr? Der Wille des Schweizer Stimmvolkes oder die Verträge mit der Europäischen Union? Für die SVP ist der Fall klar. Das Schweizer Stimmvolk ist und bleibt die höchste und wichtigste Instanz der Schweiz und steht über allen Verträgen. Die mitte-links Parteien sehen das anders. Ihnen sind Verträge wichtiger, oder ist dies ein Irrtum? Falls ja, warum setzten Sie die MEI nicht um? Eine Interessante Frage, noch ohne eine befriedigende Antwort.

Er überlebte nur dank einer List

Entspannt lehnt sich der junge Mann zurück. Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Durch die Bewegung knarrt der weisse Sessel im Agenturbüro leise. Danach ist es wieder still. Angenehm still. Diese Ruhe ist ein Ausdruck der Zufriedenheit, die den 21-jährigen Schweizer mit bosnischen Wurzeln umgibt. Langsam wandert sein Blick über den grossen weissen Tisch, die stylischen Sessel und das grosse abstrakte Bild an der Wand, bevor er sich wieder seinem Gegenüber zuwendet.

Er lächelt noch immer. Es ist ein aufrichtiges, ernst gemeintes Lachen, das sich in seinen dunklen Augen wiederspiegelt. Genüsslich nimmt er einen Schluck Eistee und beginnt dann ein lockeres Gespräch. Die Stille weicht seinem Sankt Galler Dialekt, der jetzt das Büro erfüllt. Aus den Worten sprechen tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit. Vielleicht auch ein bisschen Stolz. Das Bewusstsein, etwas aus seinem Leben gemacht zu haben, erfolgreich zu sein, etwas erreicht zu haben. Der junge Mann ist schweizweit ein bekannter Social Media Star. Allein auf Instagram folgen ihm über eine Drittelmillion Menschen. Sprüche wie »Jeder Mensch bringt Glück. Die einen, wenn sie kommen und die anderen, wenn sie gehen« begeistern seine Fans Tag für Tag.

Ausserdem hat er soeben seine Lehre zum Detailhandelsfachmann abgeschlossen und befindet sich auf der Sonnenseite des Lebens. Doch vor einigen Jahren sah das Leben des Samedin Selimovic noch ganz anders aus als an diesem wunderschönen Nachmittag. Der Schweizer Social Media Star mit bosnischen Wurzeln kennt auch andere Zeiten in seinem Leben. Das Lächeln stirbt auf seinen Lippen und seine Augen verlieren ihren fröhlichen Ausdruck, als er von der Zeit berichtet, in der ihm »der Boden unter den Füssen weggezogen wurde«.

Das war im Jahr 2008, als sein Vater am dritten Herzinfarkt starb. Dieser Verlust stürzte den damals 13-jährigen in die bisher grösste Krise seines Lebens. Er berichtet, wie er versucht habe, seinen Vater in der Familie zu ersetzen, von einem Tag auf den anderen viel mehr Verantwortung übernehmen musste. »Ich kam psychisch nicht mehr klar«, so der erklärte Familienmensch. Deshalb habe er eine Psychiaterin aufgesucht, die ihm geraten habe, seine Gedanken aufzuschreiben und das schicksalshafte Ereignis so zu verarbeiten. Daraus entstand dann seine Facebookseite, auf welcher er täglich Sprüche und Gedanken postet, der Grundstein seines heutigen Erfolges.

Doch damals war der Tod seines erst 32-jährigen Vaters einfach »e Schlag id Frässe«. Mit seinem Vater hatte Samedin Selimovic eine enge Beziehung: »Mein Vater war mein grösstes Vorbild, er wurde mir genau in einer Zeit genommen, in der ich ihn am meisten gebraucht hätte.« In dieser Zeit sei all das explodiert, was er vorher immer in sich hineingefressen habe. Dazu gehören die schrecklichen Dinge, die Samedin Selimovic als Kind im Bosnienkrieg miterleben musste. Das Massaker von Srebrenica überlebte der damals 9 Monate alte Junge nur durch eine Verzweiflungstat seiner Mutter: Sie verkleidete ihren Sohn als Mädchen und rettete ihm damit das Leben. Hätte sie das nicht getan, wäre am 11. Juli in Srebrenica ein weiterer unschuldiger Mensch ermordet worden. »Sie hat das sehr schlau gemacht«, sagt Samedin Selimovic heute anerkennend über seine Mutter.

Mit dieser Verkleidung konnten Mutter und Sohn mit dem Bus nach Tuzla fliehen. Der Vater, damals erst 19-jährig, wurde im Kampf vier Millimeter neben dem Herzen angeschossen, sein früher Tod ist eine Spätfolge dieser Verletzung. »Ohne diesen Krieg würde mein Vater heute noch leben«, sagt Samedin Selimovic wehmütig, aber keineswegs verbittert. Samedin Selimovic ist ein sehr zugänglicher, offener und ehrlicher Mensch, der viel mit den Händen redet und mit keiner Frage überrascht werden kann. Begeistert erzählt er, warum er Fussballschiedsrichter geworden ist. »Ich wollte auf der anderen Seite stehen und mehr Verantwortung übernehmen als beim Fussballspielen selber«, so Samedin Selimovic.

Ausserdem berichtet er, wie ein perfekter Tag in seinem Leben aussieht: »Ich verbringe sehr gerne Zeit mit meiner Familie – beispielsweise könnten wir alle zusammen Grillen gehen«. Seine Mutter und seinen jüngeren Bruder bezeichnet er als die wichtigsten Menschen in seinem Leben. Nicht fehlen darf auch die richtige Musik. Für Samedin Selimovic ist das ganz klar Hip hop und R’n’b.

Keine Worte

Doch bei zwei Themen wird es ganz still im Raum, aus dem fröhlichen jungen Mann wird ein ernster Mensch, dessen Gesicht von einem melancholischen Ausdruck gezeichnet ist. Diese Themen sind zum einen der Tod seines geliebten Vaters und zum anderen die Jugoslawienkriege. Samedin Selimovic ringt um Worte, offensichtlich fällt es ihm schwer, darüber zu sprechen. Zu dem Massaker von Srebrenica sagt er: »Man kann es nicht beschreiben und nicht fassen, was ein Mensch einem anderen Menschen antun kann«. Es sei unfassbar, wie grausam ein Mensch sein könne. Samedin Selimovic sagt ganz klar, er hasse niemanden, aber er verurteile jeden Kriegsverbrecher – ganz egal ob Serbe, Kroate oder Bosnier. »Nur Gott hat das Recht, einen Menschen wegzunehmen«, ist der Fussballfan überzeugt. Es sei sehr wichtig, dass sich Europa immer wieder an das erinnere, was in Bosnien und speziell in Srebrenica geschehen ist. »So etwas darf sich nie, wirklich nie wiederholen« sagt Samedin Selimovic, während er das Gegenüber eindringlich mit seinen braunen Augen fixiert. Eine entscheidende Rolle spiele dabei die Kommunikation. »Wir sollten Konflikte mit Reden regeln anstatt mit Waffen«, sagt er.

Langer Weg in die Schweiz

Seine ersten fünf Lebensjahre verbrachte der zielstrebige Selimovic in einem Land, das sich von einem Bürgerkrieg erholen musste. Von 1992 bis 1995 bestand die Kommunikation in Bosnien fast ausschliesslich aus Schüssen. 1999 flüchtete Samedin Selimovic zusammen mit seinen Eltern aus Bosnien in die Schweiz. Der fünfjährige Junge ging in den Kindergarten, später in die Schule und integrierte sich mit der Zeit gut. Heute blickt Samedin Selimovic mit guten Gefühlen auf diese Zeit zurück, bezeichnet sie als eine der glücklicheren Perioden seines Lebens. »Wir waren in der Schweiz, es ging uns gut, der Vater lebte noch«, begründet er dies. Doch dann wurde diese Idylle jäh beendet. Im Jahr 2006 wurde die ganze Familie aus der Schweiz ausgewiesen, da in Bosnien kein Krieg mehr herrschte. »Du kannst nicht sagen »nein ich möchte nicht«, du musst einfach gehen«, sagt Selimovic dazu und ergänzt: »Wieder zurück in Bosnien fühlte ich mich fremd, konnte die Sprache nicht und war anfangs traurig«. Doch auch nach dem erneuten Umzug war die Odyssee der Familie Selimovic noch nicht beendet. Als der Vater 2008 starb, sah die arbeitslose Mutter keine Perspektive mehr in Bosnien und beschloss, das letzte vorhandene Geld für eine neuerliche Reise in die Schweiz einzusetzen.

Doch auch danach war noch nicht alles ausgestanden, erst nach einem langen Kampf mit den Schweizer Behörden bekam Samedin Selimovic den B-Ausweis und konnte sich damit dauerhaft in der Schweiz niederlassen. Insgesamt verbrachte der selbstbewusste junge Mann sieben Jahre in Bosnien und 13 in der Schweiz. Was bedeutet Heimat für Samedin Selimovic? »Heimat ist ein Ort, an dem man mit dem Herzen ist. Und das ist für mich die Schweiz«, sagt der Sankt Galler. Mit seinem Herkunftsland Bosnien verbinde er neben allen negativen Erlebnissen auch Positives wie seine Wurzeln, die Familie allgemein und die offene Lebenseinstellung der Menschen dort. Aber er betont: »Bosnien konnte mir nie das geben, was die Schweiz mir gibt.« Für sein Herkunftsland wünscht sich der spontane junge Mann, dass die Menschen aus den verschiedenen Religionen in Frieden miteinander zusammenleben könnten. »Miteinander statt immer nur gegeneinander – das wünsche ich mir für Bosnien«, sagt der 21-jährige.

Dankbar

Samedin Selimovic ist ein Kämpfer. Nie hat er in seinem Leben aufgegeben, obwohl er viel Schweres erleiden musste. Diese Erfahrungen haben ihn geprägt. »Aufgrund meiner Vergangenheit kann ich mich gut in andere hineinversetzen und bin sensibler als andere«, ist sich Samedin Selimovic sicher. Er sieht es heute als Bereicherung, dass er in der Schweiz die reiche und in Bosnien die arme Seite kennengelernt hat. »Die Erfahrungen in Bosnien machen mich dankbar für die Sachen, die ich jetzt hier habe«, erklärt er. Dadurch schätze er gerade kleine Dinge viel mehr. »Hier kann ich Eistee trinken – in Bosnien gab es Leitungswasser mit Steinchen darin«, meint der St. Galler, »das schätze ich und dafür bin ich dankbar«.

Was wäre wohl aus ihm geworden, wenn das eine oder andere nicht passiert wäre? Würde er irgendwo in Bosnien auf dem Bau schuften? Oder in der Schweiz für die Universität lernen? Solche Überlegungen kann man im Leben des Samedin Selimovic immer wieder stellen. Letztlich sind sie sinnlos, da niemand seine Vergangenheit verändern kann. Aber es ist klar, dass Samedin Selimovic ohne Srebrenica, ohne Bosnien, ohne den Tod seines Vaters jetzt höchst wahrscheinlich nicht im Büro seiner Agentur sitzen würde. Ein letztes Mal schaut Samedin Selimovic seinem Gegenüber direkt in die Augen. In seinem Blick spiegelt sich seine ganze verworrene Lebensgeschichte, Melancholie und Lebensfreude gleichzeitig. Nachdenklich sagt er: »Meine Vergangenheit hat mich zu dem Samedin gemacht, der ich heute bin.«

Jugoslawienkriege

Der Fall der Sowjetunion 1990 löste in der Bundesrepublik Jugoslawien Unabhängigkeitsbewegungen aus. Der Vielvölkerstaat, in dem viele ethnische, religiöse und nationale Gruppen mehr oder weniger friedlich zusammengelebt haben, verwandelte sich in ein explosionsgewaltiges Konfliktgebiet. Jede Nation wollte einen eigenen Staat, jeder kämpfte gegen jeden, ein furchtbarer Bürgerkrieg. So kam es zwischen 1991 und 1999 zu einer Serie Kriegen auf dem Balkan. Die Jugoslawienkriege forderten viele Opfer: Insgesamt spricht man von 118‘338 Toten und Vermissten. 97‘207 davon fielen im Bosnienkrieg. Ausserdem löste der Konflikt eine riesige Flüchtlingswelle aus.

Srebrenica

Am 11. Juli 1995 geschah in der kleinen bosnischen Enklave Srebrenica das Massaker, das als das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem 2. Weltkrieg in die Geschichte eingehen sollte. Bosnisch-serbische Milizen waren in die damalige UN-Schutzzone einmarschiert und richteten in den darauffolgenden Tagen über 8‘000 muslimische Zivilisten grausam hin, überwiegend Männer und Jungen. Unbegreiflicherweise konnte das geschehen, obwohl sich eine grosse Anzahl UN-Blauhelmsoldaten in der Stadt aufhielt. Das UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag stufte das Verbrechen als Völkermord ein.

Das Tor zur Kultur: Erlebnisse aus Bali

Indonesisch klingt sanft und melodiös. Ein ruhiger, herzlicher, akzeptierender Unterton begleitet die meisten Gespräche. Laut Wikipedia ist es Muttersprache für etwa 162 Millionen Menschen und gehört zu den meist gesprochenen Sprachen der Welt. Verben werden immer im Infinitiv genutzt und im Plural bleibt das Nomen immer gleich. Die Sprache ist grammatikalisch sehr einfach aufgebaut und vergleichsweise leicht zu erlernen. «Kemarin saya menulis tiga cerita.» heisst wörtlich auf Deutsch übersetzt: «Gestern ich schreiben drei Geschichte.»

Die Einladung

An einem Warung bestelle ich auf Indonesisch einen warmen Tee und setze mich auf die alte Holzbank. Neben Getränken zur Erfrischung stehen hier zahlreiche Snacks, Zigaretten, Duschmittel oder Toilettenpapier zum Verkauf. Die Warungbesitzer freuen sich sehr über meine Sprachkenntnisse. Sie überschütten mich mit Neugier. Immer wieder werden die Gespräche von seiner Grossmutter unterbrochen: «Ah, er kann schon Indonesisch!» Spontan werde ich zu einem Wayang Kulit eingeladen. Wayang Kulit ist indonesisches Schattentheater.

Dreckiges Wayang Kulit

Das kleine Gamelanorchester (ein Orchester aus xylophonartigen Instrumenten und Gongs) wird plötzlich lauter. Hinter der Leinwand lässt der Puppenspieler die kunstvoll geschnittenen Lederfiguren heftig aufeinander eindreschen. Seine Stimme ist ganz auf die Geschichte eingestellt und hat einen wilden, rauen Klang. Nur Öllampen bescheinen die Leinwand, die in einem Hinterhof aufgestellt wurden.

Die Vorstellungen können Stunden dauern, zum Beispiel, wenn das Ramayana – ein berühmter, hinduistischer Epos – erzählt wird. Ich sitze auf einem angerissenen Plastikstuhl und kriege Tee um Tee, Süssigkeit um Süssigkeit serviert. Mein neuer Freund, der Warungbesitzer, übersetzt für mich: Es gehe um den Kampf zweier Heroindealer um deren Kunden. Eine religiöse Vorstellung erwartend, ein Zeichen der indonesischen Hochkultur, bin ich ziemlich überrascht über die Handlung. Diese Jahrhunderte alte Kunst, ein Vorläufer des Kinos, wird scheinbar auch für sehr derbe Komödien benutzt.

Nicht selten übertönt das Gelächter über die Witze und Prügeleien auf der Leinwand den Puppenspieler und es wird Bier und Reisschnaps herumgereicht. Nach dem Spiel lassen mich die Zuschauer nicht gehen, ich soll unbedingt zum Essen bleiben und noch etwas mit ihnen trinken. Alle haben eine Riesenfreude, dass ein Weisser sich ihre Vorstellung anschaut. Nach zwanzig geschüttelten Händen zum Abschied kriege ich eine Gänsehaut von all den Eindrücken und den Türen, die sich mir durch die indonesische Sprache öffnen.

«Ich begrüsse die Initiative gegen die Reitschule»

Muss man sich da langweilen? Nach dem grossen Film über die Reitschule “welcome to hell” 2014, folgte vor Kurzem “Come to hell … and see the paradise”, ebenfalls ein Streifen über die Reitschule. Zwei Filme über das Selbe vom gleichen Macher. Erwartet die Zuschauer gähnende Langeweile, Andreas Berger?

Es sind zwei unterschiedliche Werke. Der erste Film beleuchtet die Basics der Reitschule und erklärt durch die Betreiberinnen und Betreiber selber, wie das bunte Haus neben dem Berner Hauptbahnhof funktioniert.

Und der zweite Film?

Der ist als Nachspiel zum ersten gedacht. Die Reitschule wurde erklärt, es geht ausschliesslich um neue Motive und Geschichten aus den letzten zwei Jahren.

Beide Filme erlauben einen einzigartigen Einblick in die Reitschule. Und dennoch wirken sie oberflächlich. Zu viele Geschichten werden erzählt, die nicht in die Tiefe gehen. Zu viele Personen werden portraitiert, die man doch nicht richtig kennen lernt.

Die Reitschule ist ein Universum mit Tausenden Menschen und Geschichten, so dass von vornherein klar war, dass auch ein noch so langer Film nur einen kleinen Ausschnitt aus diesem Universum zeigen kann. Aber die elementaren Ereignisse werden im Film ausführlich und aus persönlicher Sicht dargestellt. Etwa die Gewalt- und Drogenprohibition, seit den 80er-Jahren ein Dauerbrenner. Und das ist nicht oberflächlich!

Die DNA-Entnahmen von Demonstrierenden, die zuletzt für Wirbel in Bern gesorgt haben, werden in deinem neuen Film aber beispielsweise nur am Rande beschrieben. Die Recherche fehlt. Der Film bleibt oberflächlich.

Ich finde es schockierend genug, wenn harmlose Jugendliche, die gegen die Miss-Schweiz-Wahl auf dem Bundesplatz demonstrieren, festgenommen, ausgezogen und zur DNA-Abgabe vorgeladen werden. Aufzuzeigen, dass es offensichtlich zwei Klassen von Demonstranten gibt, genügt.

Endo Anaconda sagt in deinem Film, die Reitschule sei ein Märchen für ihn. Was ist die Reitschule eigentlich für dich?

Mittlerweile sind drei Generationen in der Reitschule aktiv und das Kulturzentrum besteht seit 28 Jahren. Das ist ein Märchen. Und manchmal Alptraum zugleich. Etwa wenn Diskussionen zu den immer gleichen Themen wieder mal kein Ende nehmen wollen.

Kein Ende nehmen wollen auch die Initiativen gegen die Reitschule. Bereitet dir das aktuelle Exemplar der SVP Sorgen?

Eigentlich begrüsse ich die neue Initiative von Erich Hess gegen die Reitschule. Das baut einen gewissen Druck auf und die internen Auseinandersetzungen werden für einen Moment zur Seite gelegt. Initiativen verleihen der Reitschule immer einen Kreativitätsschub. Viel Neues entsteht.

Zurück zur Filmkritik. Mit Verlaub: Die Machart des Filmes lässt Zweifel am professionellen Handwerk des Filmemachers aufkommen. Deine Schnitte sind wild, das Zoom-Element setzt du exzessiv ein und die Bilder sind verwackelt.

Das wilde und ungestüme gehört zur autonomen Reitschulbewegung und muss sich in meinen Augen auch in der Form des Films niederschlagen. Das ist ein bewusster Entscheid. Und meine Handkamera wackelt weniger stark als in etlichen Dogma-95-Spielfilmen.

Der inflationäre Gebrauch des Zooms wirkt trotzdem unprofessionell.

Klar, man sagt, das Zoom-Element sei das Travelling der armen Leute. Wer Geld hat, arbeitet mit Kamerakränen auf Schienen und macht ruhige Fahrten. Trotzdem habe ich mit dem bewussten Einsatz des Zooms schöne Bewegungen hingekriegt und einen eigenen Stil geschaffen. Die erfahrene Cutterin Kathrin Plüss nannte es einmal “Freestyle”.

Freestyle ist auch ein Kameraschwenk im Stadtratssaal. Im entscheidenden Moment verpasst du eine Szenerie auf der Zuschauerbühne. Sind das die Leiden des Low-Budget-Films?

Wenn man als Ein-Mann-Unternehmen arbeitet, kann es immer wieder passieren, dass man mit der Kamera in einem entscheidenden Moment am falschen Ort ist. Das gehört einfach dazu und ist zugleich Motivation, mit der Arbeit weiterzufahren – damit man es beim nächsten Mal besser macht.

Im Film bezeichnet sich Sabine, eine Protagonistin, als kreativ militant. Du sagst von dir, du seiest ein kreativer Aktivist. Was soll das sein?

Die einen machen Avantgarde-Theater, andere zeigen schräge Filme im Kino und ich dokumentiere die Reitschule. Die Kamera ist meine Waffe, um den Wahnsinn der Welt in Schach zu halten.

Du bist aber nicht nur Aktivist, sondern auch Journalist. Ein Jahrzehnt hast du für den “Bund” als Redaktor gearbeitet und schreibst heute noch für das Blatt – wenn auch sehr selten. Welche journalistischen Ansprüche hast du an deine Filme?

Ich versuche gegenüber allen fair zu sein. Ich erlaube mir Verdichtungen und Zuspitzungen. Aber ich würde nie Inhalte manipulieren. Und so halte ich mich an viele weitere journalistische Prinzipien. Grundsätzlich spiele ich mit offenen Karten. Mein Anspruch ist es auch, ein komplett anderes Bild der Reitschule als Telebärn und andere Mainstreammedien zu zeigen.

Die “Mainstreammedien” berichten aber aus verschiedenen Perspektiven über die Reitschule. Man könnte sogar sagen, die Berichterstattung ist ausgewogen.

Wenn die Zeitungen nachfragen, was sich bei einem bestimmten Ereignis zugetragen hat, dann sind die Berichte fair. Häufig aber wird gerade an Wochenenden das Polizeicommunique unkommentiert in der Montagsausgabe abgedruckt. Das ärgert mich.

Hast du deshalb deinen Redaktor-Job an den Nagel gehängt?

Nein. Ich habe immer gesagt: Entweder macht man Filme oder Kinder. Beides aber gibt ein Chaos. Und als ich mich für Kinder entschied, war ich auf ein geregeltes Einkommen angewiesen. Als die Kinder flügge wurden, begann ich wieder zu filmen.

Filme machen ist aber viel anstrengender.

Wenn ich einen Film schneide, komme ich oft “auf 180” nach Hause. Beim Computer kann man “leave this application” drücken. Im Kopf fehlt dieser Knopf leider. Häufig nahm ich die Arbeit sogar in den Schlaf mit. Ich träumte, dass ich die Kamera vergessen hätte, das Filmmaterial zur Neige ging oder wie ich von der Polizei verhaftet wurde.

Gutes Stichwort. Freud würde den Grund der Verhaftung im Traum wohl in der Realität suchen. Wann wurdest du das letzte Mal von der Polizei verhaftet?

In den 80er-Jahren hat mich die Polizei als linken Aktivisten noch gejagt und hat einmal sogar nach einer Verhaftung das Filmmaterial gegen Demonstranten verwendet. Heute ist es so, dass man sich gegenseitig respektiert: Bei Demos macht die Polizei ihren Job und ich den meinen. Und seit dem Wagenplatzfilm “Zaffaraya 3.0” (2011) gibt es in jedem meiner Filme auch Interviews mit Vertretern der Polizei. Deswegen stehe ich auch regelmässig mit dem Mediendienst der Kantonspolizei in Kontakt.

Zum Ende ein Blick in die Zukunft: Darf man von Andreas Berger dereinst einen Dokumentarfilm à la SRF erwarten?

Nein. Vorderhand ganz sicher nicht. Ich könnte mich nicht mehr so autonom austoben wie bisher. Beim neuen Film genoss ich es, das pure, anarchistische Lustprinzip auszuleben.

Illusion eines idealen Internets

Das Internet verändert die menschliche Kommunikation so einschneidend, wie dies nur dem Buchdruck, der Reformation und der damit verbundenen «Enthierarchisierung» der Kommunikation zu Beginn der Neuzeit gelang.

Damals wie heute erhofften wir uns durch die neuen Formen der Kommunikation, alle Menschen miteinander zu verbinden und zu einer globalen Gesellschaft ohne Grenzen zu werden. Damals wie heute stellt sich die Frage, ob das Publikum mündig genug ist, um die verbreiteten Botschaften differenziert genug aufzunehmen, ohne dass es einer Regelung durch Zensur bedarf.

Medienrevolution

Die vernetzte Welt des digitalen Lebensraums lädt aufgrund ihres unerforschten Wesens fortwährend zu Entdeckungsfahrten ein. Jeder Mensch kann sich durch die schier unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten zu Wort melden und seine Botschaft weltweit Gehör finden lassen. Etablierte Medien scheinen überflüssig zu werden. Doch darf die Autorität des herkömmlichen Journalismus deshalb hinterfragt werden?

Während sich etablierte Medien an Richtlinien und Standards eines nationalen Presserates oder unternehmensinternen Bestimmungen orientieren, zwängt sich ein Grossteil der Menschen in der digitalen Lebenswelt nicht in ein vergleichbares Korsett.

Internet als Ideal

Dieses Ungezwungene entspricht dem “Ideal einer vollkommenen Zeitung”, das der deutsche Schriftsteller Karl Philipp Moritz 1784 formulierte. Für ihn ist der Grundgedanke hinter einer erfolgreichen Aufklärung die Miteinbeziehung aller Bevölkerungsschichten in den Dialog. Die „öffentliche Zeitung“ soll eine mediale Öffentlichkeit schaffen, sie sei ein «unbestechliches Tribunal», «der Mund, wodurch zu dem Volke gepredigt, und die Stimme der Wahrheit, so wohl in die Paläste der Grossen, als in die Hütten der Niedrigen dringen kann.»

Der aktive Austausch über die vermittelten Informationen gehört für Moritz ebenso zur Einbindung aller Menschen in den Dialog: «Eltern, Erzieher, Menschen die in einer Stadt zusammen, oder entfernt leben, könnten sich einander ihre wichtigsten Vorschläge und Entdeckungen mitteilen, und sich durch die Zeitung miteinander über die angelegentlichsten Dinge besprechen.»

Mit der geforderten Partizipation knüpft Moritz an Immanuel Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ an. Kant nimmt die Menschen selbst in die Verantwortung, sich aufzuklären um damit zur Unabhängigkeit zu gelangen, denn «Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben.»

Social Media-Terror

Das digitale Neuland wurde im Namen der Freiheit entdeckt. Die Gründerväter dieser Technologien feiern ihre neue Welt bis heute als Ort mit endlosem Freiheitspotential und würden in ihrer Euphorie auch von Kant und Moritz gestärkt werden. Doch die Vision, eine “digitale Basisdemokratie” zu schaffen, birgt auch seine Gefahren.

Das Internet wird von terroristisch agierenden Milizen wie dem Islamischen Staat (IS) genutzt, um ihre Hassbotschaften und vergifteten Vorstellungen von Religion zu proklamieren. Zusätzlich nutzt der IS die Sozialen Medien, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Twitter reagiert, wenn auch mit schwulstiger Sorgfalt. Der Mikroblogging-Dienst beruft sich auf seine selbstauferlegte Neutralität, die Mündigkeit seiner Nutzer und die freie Meinungsäusserung, die er auf seiner Kommunikationsplattformen gewähren will.

Mehr denn je drängt sich nicht nur die Frage auf, ob es für Inhalte im Internet ebenso Regulierungen und Grenzen braucht wie für etablierte Medien, sondern auch, ob solche Normierungen auf globaler Stufe sowohl rechtlich als auch kulturell und gesellschaftlich überhaupt umsetzbar sind.

Differenzierung und Einschränkung

«Auch das Elend und die Armut in den verborgnen Winkeln muss aufgedeckt, und nicht aus einer falschen Empfindsamkeit vor unserm Blick in Dunkel eingehüllt werden», schreibt Moritz in seinem Konzept der vollkommenen Zeitung und spricht sich damit gänzlich gegen eine Zensur von Unmenschlichkeit und Terror aus, fordert aber einen differenzierten und aufklärerischen Ansatz, der in das Gezeigte einfliessen muss: «Das Elend, wenns einmal da ist, muss unter uns zur Sprachen kommen, und auf Mittel gedacht werden, wie man demselben abhelfen kann.»

Dienen Videoaufnahmen von Enthauptungen als unabdingbares Anschauungsmaterial, oder taugen sie lediglich zum Stillen der Sensationsgier des Publikums? Eine mediale Thematisierung des Terrors und ein Abwägen von möglichen Lösungsansätzen gegen extremistische Ideologien müsste in einer aufgeklärten Gesellschaft auch ohne das gezeigte Bildmaterial möglich sein.

Grenzen der Freiheit

Die von Moritz formulierten Ideale einer vollkommenen Zeitung werden zu Recht kritisch hinterfragt. Globale Konsequenzen wurden vom deutschen Schriftsteller nicht berücksichtigt. Das Internet würde unter seinen Wertvorstellungen zu einem Nährboden und Brutplatz für Terrorismus verkommen.

Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. Dieser Gedanke kann nicht isoliert von den Grundsätzen der Aufklärung betrachtet werden. In der “Dialektik der Aufklärung”, die Max Horkheimer und Theodor Adorno 1944 formulierten, behaupten die beiden Sozialphilosophen, dass ebendieses Denken schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalte: «Nimmt Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal.»

Ob ein Korsett der Regulierungen und Zensur das Endprodukt attraktiver macht, oder ob ihm dieser Schnürleib lediglich die Luft zum Atmen nimmt, ist je nach Sichtweise des Rezipienten unterschiedlich.

Aufklärung durch Eigenverantwortung

Es ist immanent, dass jeder Mensch etablierte und neue Medien sowie deren Autoritätsanspruch fortwährend hinterfragt. In der “Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte” festgehaltene Artikel wie «Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten» werden für das Internet beharrlich ihre Geltungsdauer haben, da Normierungen an der Mauer der Anonymität und Globalisierung gnadenlos zerbrechen.

Eine Umsetzung jedwelcher Zensur im Internet ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es liegt, frei nach Kant, in der Verantwortung jedes Menschen, sich durch eigene Bearbeitung seines Geistes aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf sandrobucher.com

Die Leidenschaften des jungen Frey

Er liebt den Fussball mit jeder Faser seines Körpers, dieser Michael Frey. Wenn er von seiner grössten Leidenschaft spricht, gerät er ins Schwärmen und lässt sich nur schwer bremsen. «Ich liebe den Fussball, ich liebe ihn einfach über alles», sagt der 21-Jährige bestimmt und gleichzeitig träumerisch. Sowohl die einfachsten Situationen des Spiels, der Mannschaftsgedanke und auch die Möglichkeit, viele Menschen glücklich zu machen, faszinieren den jungen Mann.

Sein Weg zum Profifussballspieler begann mit dieser riesigen Spielfreude, als er als kleiner Knirps auf dem Rasenplatz hinter seinem Elternhaus mit Kollegen kickte. Seine Leidenschaft, gepaart mit sehr hartem Training, führte Michael Frey zu den Young Boys und danach zum OSC Lille. Fussball war sein einziger Lebensinhalt. Bis zu dem verhängnisvollen Spiel im Januar dieses Jahres, in dem er mit den Stollen im Rasen hängenblieb und sich den Knöchel brach. «Durch die Verletzung musste ich lernen, dass es noch andere Dinge gibt als nur Fussball», sagt Michael Frey. Seine Wahrnehmung habe sich verschoben, er sei gezwungen worden, seine Einstellung dem Fussball gegenüber zu überdenken. Wenn er auf die Zeit vor dem Knochenbruch zurückblickt, gesteht er ein, dass er teilweise «trainingssüchtig, überfokussiert und schon fast fussballwahnsinnig» war.

Verschobener Fokus

Das hat sich durch die lange verletzungsbedingte Pause verändert. «Ich habe gelernt, mich an kleinen Dingen im Leben zu freuen und alles mehr zu geniessen», meint der Stürmer. So widmet sich Frey momentan vermehrt dem künstlerischen Schaffen, er zeichnet und malt viel, ausserdem lernt er seit etwa einem halben Jahr Gitarre spielen. «Fussball ist für mich auch Kunst», sagt der junge Mann und spannt damit geschickt den Bogen von seinen Hobbies wieder zurück zu seinem Beruf. Sein Knöchelbruch und die damit verbundenen Komplikationen sind jetzt schon fast komplett verheilt, er hofft, im Winter wieder auf dem Platz zu stehen. «Jetzt ist alles super, dieser Knöchel ist dann besser als vorher», meint der Nutella-Liebhaber glücklich und fügt in lockerem Ton an: «Nach 10 Monaten gewöhnst du dich an die Verletzung und kannst mit der Situation umgehen».

Doch auch Michael Frey konnte seine Situation nicht immer so entspannt betrachten. Die schlimmste Zeit seien die ersten Wochen nach der Verletzung gewesen sowie die niederschmetternde Nachricht, dass die erste Operation leider nicht das gewünschte Ergebnis zur Folge hatte.  Die Bänder seien nicht nachgezogen worden, deshalb sei das Gelenk sehr instabil gewesen, ausserdem war die Stelle entzündet. Anstatt wieder auf dem Platz zu stehen, musste sich der Stürmer im vergangenen Sommer erneut operieren lassen. Im ersten Moment sei er natürlich wütend gewesen, «ich habe ein halbes Jahr wie ein Besessener gearbeitet, um wieder zurückzukommen, und dann das!»

Doch Michael Frey wäre nicht Michael Frey, würde er nicht sofort wieder zu seinem scheinbar unzerstörbaren Optimismus zurückkehren. «Es bringt nichts, sich immerzu aufzuregen, das ist lächerlich», meint er deshalb und lächelt. Er versuche, das Beste aus seiner Situation zu machen. Diese Eigenschaft zeichnet den Münsinger aus, neben seinem unbändigen Ehrgeiz besitzt er genug Humor, Durchhaltevermögen und Optimismus, um auch nach knapp einem Jahr Fussballentzug nicht genervt oder gar verzweifelt zu sein.

Weg vom Herzensverein

Eine andere Eigenschaft, die Michael Frey ausmacht, ist seine Emotionalität. Er sagt von sich selber, dass er oft andere Menschen mit seinen Stimmungen anstecken kann- sowohl positiv als auch negativ. Eine Grauzone scheint da fast nicht zu existieren. Am deutlichsten zeigt sich diese temperamentvolle Seite des Stürmers, wenn er die Geschichte von seinem Wechsel zu Lille erzählt. Das war im Sommer 2014, die Saison hatte gerade erst begonnen, Frey war super in Form und schoss nicht wenige Tore. Alles gut, könnte man denken. Nichts deutete auf einen Wechsel in letzter Minute hin. Genau das ist dann passiert. Am letzten Tag, an dem das Transferfenster in Europa noch offen war, wechselte Frey zum OSC Lille. Für viele Fans war seine Entscheidung unverständlich, überstürzt, unüberlegt, vom Geld bestimmt.

Michael Frey selbst hat eine ganz andere Perspektive. Auch für ihn war alles in Ordnung, bis zu dem Tag, als ihm sein Trainer mitteilte, dass er im wichtigen Spiel gegen Basel nicht eingesetzt werden würde. «Ich war sehr enttäuscht und wurde wütend», beschreibt er heute seine Reaktion auf diese Entscheidung. Genau in diesem Moment habe er dann das Angebot von Lille bekommen. Danach ging alles sehr schnell. Innerhalb von einem Tag flog er nach Lille und unterschrieb einen Vertrag bis 2018. «Der Wechsel entstand aus dieser Wut heraus, es war ein Bauchentscheid», sagt Frey heute nachdenklich, fährt sich durch die kurzen braunen Haare und fügt an: «In diesem Moment war ich unzufrieden und wollte mich beweisen».

Es sei aber schon immer sein Traum gewesen, in einer grösseren Liga zu spielen; die Philosophie von Lille habe ihn überzeugt, auch das Angebot habe gestimmt. Trotzdem bleibt die Frage, was gewesen wäre, wenn Frey an diesem Sonntag von Anfang an gespielt hätte. Hätte er ohne die Enttäuschung und ohne die Wut wohl genauso entschieden? Die Frage bleibt unbeantwortet. Aber egal wie es war und wie anders die Trennung von seinem Herzensverein YB hätte sein können, eines bleibt für ihn klar: «Der Wechsel war ganz sicher kein Fehler», sagt Michael Frey bestimmt.

Kulturschock in Lille

Heute, fast eineinhalb Jahre nach seiner emotionalen Entscheidung, steht er immer noch voll und ganz hinter seinem Wechsel in die nordfranzösische Studentenstadt, zu einem Klub, der dafür bekannt ist, junge Spieler zu fördern. Die grösste Umstellung und Herausforderung war dann aber gar nicht so sehr die Arbeit auf dem Feld, sondern viel mehr alles rundherum. Dabei hat er viel mehr gelernt als nur Französisch. «Ich war vom einen auf den anderen Tag in einer völlig anderen Welt, erlebte eine Art Kulturschock», sagt er. Er habe lernen müssen, einen Haushalt alleine zu führen, allgemein sei es ihm anfangs schwergefallen, alleine zu sein. «Ich lernte mich dadurch selber besser kennen und bin als Persönlichkeit extrem gewachsen und gereift», sagt Michael Frey. Doch auch sportlich habe er vom neuen Verein profitieren können. So habe er stundenlang alleine an seiner Technik gefeilt. Die harte Arbeit zahlte sich aus, Frey spielte oft und schoss erste Tore. Doch dann bremste der Knöchelbruch im Januar 2015 die Karriere des Schweizer U-21 Nationalspielers.

Heute trainiert Frey vor allem mit seinem Physiotherapeuten Hanspeter Sterki. Dieser ist für den Angreifer viel mehr als einfach nur ein medizinischer Fachmann. Sterki sei gleichzeitig auch Mentor, Berater und Mentaltrainer des jungen Mannes aus Münsingen. Mental hat Michael Frey während der letzten Zeit viel gelernt. «Auf dem Platz bin ich immer noch ein absoluter Draufgänger, aber neben dem Platz bin ich ruhiger und geduldiger geworden», beschreibt er seine Arbeit an sich selber.

Fussball und sonst nichts

Wenn man Michael Frey zuhört, wird schon nach wenigen Sätzen klar, dass er trotz aller Erfolge, Fehler, Hochs und Tiefs vor allem eines geblieben ist: ehrlich. Er versteckt sich nicht hinter leeren Worthülsen, ist absolut authentisch und hat keine Bedenken davor, seine Meinung klar auszudrücken. «Es ist mein Ziel, immer ehrlich zu den Leuten zu sein», sagt er bestimmt. Er weiss, dass er damit eine Ausnahme darstellt: «Ehrliche Leute sind im Fussballbusiness selten».

Der selbstbewusste Frey will sich aber nicht anders darstellen als er ist, will sich selber treu bleiben. Seine unbändige Leidenschaft gehört nur dem Fussball, auf alles andere, das damit zusammenhängt, könnte er ohne Probleme verzichten. «Fussball ist ein Spiel, das Spass machen sollte, da hat kein Geld oder sonst irgendetwas anderes Platz», ist sich der Kebab-Liebhaber sicher.

Gar noch nicht sicher ist, bei welchem Verein Michael Frey nach der Winterpause spielen wird. Ob das Lille sein wird, ein Verein aus einer anderen Liga oder gar wieder YB, ausschliessen will der 21-Jährige nichts. Das Einzige, das Michael Frey will, ist, wieder seiner Leidenschaft auf dem Platz nachgehen zu können. Egal wie sehr ihn die Verletzung verändert und geprägt hat, seine Begeisterung für den Fussball ist immer noch riesengross. Fast schon ungeduldig sagt er: «Im Moment kann ich mir ziemlich vieles vorstellen, ich will einfach wieder spielen.»

Lobbywatch – für mehr Transparenz in der Politik

Tink.ch: Wie ist Lobbywatch entstanden?

Thomas Angeli: Alles begann etwa 2010. Für Artikel im Beobachter untersuchten wir immer wieder Lobby-Verbindungen, stellten jedoch fest, dass diese Angaben immer sehr unvollständig waren. Einerseits gab und gibt es bei den Parlamentariern sehr unvollständige Angaben, andererseits hat man eine vollkommene Intransparenz bezüglich der Gäste der Parlamentarier.

Die Parlamentarier müssen heute nach wie vor nicht angeben, für wen ihre Gäste eigentlich arbeiten. Man kann irgendeinen Lobbyisten einfach als “Gast” bezeichnen und dies wird dann von den Parlamentsdiensten so akzeptiert. Wir fanden, dass wir da mehr Transparenz schaffen und ebenso ein Arbeitsinstrument erstellen sollten, um einerseits selber einen besseren Überblick zu haben und  andererseits der Öffentlichkeit zu zeigen, für wen die Parlamentarier und ihre Gäste tatsächlich unterwegs sind.

Wie gehen Sie bei der Recherche vor?

Der grösste Teil unserer Recherche geschieht per Internet. Unsere Recherche-Grundlage bildet immer die Meldung, welche die National- und Ständeräte gegenüber den Parlamentsdiensten über ihre Interessenbindungen machen müssen. Diese überprüfen wir mit dem Handelsregister und mit speziellen Google-Suchen, welche wir mittlerweile standardisiert haben. Dazu recherchieren wir auf den Webseiten und Social Media-Kanälen der Parlamentarier und suchen nach weiteren Interessenbindungen.

Bei den Gästen ist dies etwas schwieriger. Zuerst muss man jeweils den Namen der Person, die Eintritt ins Bundeshaus hat, mit Sicherheit zuordnen können (Anm. der Redaktion: Jeder Parlamentarier kann zwei Personen sogenannte Gästebadges vergeben und ihnen somit Zutritt zum Bundeshaus ermöglichen). Dann recherchieren wir auch über Handelsregister und Google-Suchen. Und was ganz wichtig zu sagen ist: Wir geben alle unsere Rechercheergebnisse den Gästen und Parlamentariern zum Autorisieren.

Wie viele Interessenbindungen zwischen Politikern, Firmen, Institutionen und Organisationen haben Sie schon recherchiert?

Dies ist etwas schwierig einzuschätzen, da es im Parlament einen grossen Wechsel gegeben hat. Insgesamt haben wir schon etwa 120 Politiker recherchiert. Inklusive ihrer Gäste dürften das ungefähr um die 280 bis 300 Personen sein, die wir bisher erfasst haben.

Wie viele fehlen Ihnen für die nächsten Wahlen?

Einerseits sind es diejenigen, die wir bei der letzten Legislatur nicht geschafft haben und die wiedergewählt worden sind, dies dürften um die 80 sein, von den neu Gewählten fehlen uns noch etwa 60 Personen.

Wie viele Personen arbeiten bei Ihnen?

Zu wenig (lacht). Wir sind etwa ein halbes Dutzend Journalistinnen und Journalisten, die regelmässig für die Datenbank recherchieren. Diese machen dies grösstenteils auf Freiwilligenbasis.

Sie haben jetzt schon zum zweiten Mal eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Ist Ihre Absicht, die Journalisten mit dem gesammelten Geld für ihre Arbeit zu bezahlen?

Wir sehen ganz genau, dass es für manche schwierig ist, nach Feierabend zu arbeiten, dies gilt vor allem für junge Journalisten. Speziell diese stehen oft sehr unter Druck und arbeiten ohnehin schon unglaublich viel.

Um unsere Datenbank möglichst schnell zu ergänzen, möchten wir deshalb freischaffende Journalisten einstellen, welche nach sorgfältiger Einführung unsererseits diese Datenbank bis zur Frühlingssession dann vollständig ergänzen würden, so dass wir sie nur noch regelmässig auf den neusten Stand bringen müssten.

Sind Sie bei der Recherche auch schon auf etwas gestossen, das sie überhaupt nicht erwartet haben, das sie überrascht hat?

Ja, da gibt es Verschiedenes. Das erste ist, dass es relativ viele Parlamentarier mit ihren Meldungen nicht sehr genau nehmen. Etwa bei 50% aller Parlamentarier finden wir noch irgendeinen Posten oder ein Mandat, welches sie nicht angegeben haben. Wir finden, dass die Hälfte schon relativ viel ist. Dann stellen wir auch immer wieder fest, dass es immer noch Lobby-Unternehmungen gibt, welche überhaupt kein Interesse an Transparenz haben und die alles tun, um ihre Mandate und Auftraggeber möglichst geheim zu halten.

Weiter fanden wir heraus, dass bei vielen parlamentarischen Gruppen (jeder kann eine parlamentarische Gruppe gründen und dann die Parlamentarier dazu einladen, Mitglied zu werden) sehr viele Lobby-Firmen und Interessenverbände dahinter stecken, welche die Parlamentarier vollkommen für ihre Sache organisieren und einspannen.

Wie ist das Feedback von Seiten der Politiker und das der Öffentlichkeit?

Das Feedback ist sehr gespalten. Wir haben Parlamentarier, die uns beschimpfen und die uns vorwerfen, wir seien die Totengräber der Demokratie. Andere loben uns ausdrücklich für unseren Einsatz für ebendiese Demokratie. Die Spannweite des Feedbacks ist sehr gross.

Wie soll Lobbywatch in ein paar Jahren aussehen?

Wir haben sehr viele Ideen. Man könnte beispielsweise nachforschen, wie Lobbying in der Verwaltung aussieht, wir möchten gerne eine Art Ansprechstelle für Fragen zu Lobbyismus und transparenter Politik werden. Zudem möchten wir mehr Events organisieren, wie beispielsweise den Lobbyspaziergang in Bern (Anm. der Redaktion: dieser fand bereits am 24.11. statt). Und wir würden auch gerne mit ausländischen Organisationen vermehrt die Zusammenarbeit suchen. Im Moment konzentrieren wir uns aus Kapazitätsgründen darauf, unsere Datenbank zu vervollständigen. Danach sehen wir weiter.

Weitere Informationen:

lobbywatch.ch/de

wemakeit.com/projects/neues-parlament-neue-lobbys

«Wenn Sie schon nicht helfen können, fügen Sie wenigstens keinen Schaden zu»

Er war zum ersten Mal in Neuchâtel. Sogyal Rinpoché, in Rot und Safrangelb gekleidet, mit einer Brille auf der Nase, sprach im Temple Du Bas in einem voll besetzten Saal vor einem enthusiastischen und aufnahmebereiten Publikum. Der Tibeter, kräftig und mit einer schönen Leibesfülle ausgestattet, witzig und charismatisch, hat es verstanden, das Publikum zum Lachen zu bringen.

«Vive la Suisse!» (“Es lebe die Schweiz!”) So leitete er lachend und auf Französisch seine Rede ein, während er die Faust schwang. Dennoch war der buddhistische Lehrmeister eigentlich anwesend, um über sehr ernste Themen zu sprechen. Womit er nicht gebrochen hat und sein Publikum gleich vorab warnte: «Ein Grossmeister sagte, dass es notwendig sei, etwas abzugeben, nicht zu bekommen. Haben Sie heute Abend also nicht zu hohe Erwartungen.»

Beeindruckende Zahlen

Sogyal Rinpoché, der 1947 in Tibet geboren wurde, ist Gründer und spiritueller Leiter von Rigpa, einem internationalen Netzwerk mit rund 130 buddhistischen Zentren, die auf etwa 40 Länder verteilt sind. Ausserdem ist er der Autor des tibetischen Buchs vom Leben und vom Sterben – ein Werk, das in 34 Sprachen herausgegeben und fast drei Millionen Mal verkauft wurde. Zahlen, die beeindrucken und die Anziehungskraft des Buddhismus weltweit bezeugen. Der Vortrag des tibetischen Lama in Neuchâtel war die Gelegenheit, im Wesentlichen auf zwei Aspekte einzugehen: einerseits auf inneren Frieden und Zufriedenheit, andererseits auf das Wesentliche der Lehren des Buddhas.

Innerer Frieden und Zufriedenheit

“Eigentlich bin ich nicht hier, um einen Vortrag zu halten”, sagte der Tibeter, “sondern um eine Lehre zu vermitteln”. Sein Ziel war tatsächlich nicht, einfach nur zu reden, sondern dem Publikum zu erklären, wie man seinen Geist verändern kann. “Es gibt zwei Sorten von Glück”, behauptete er. “Dasjenige, das mit den Sinnen und materiellem Reichtum verknüpft ist. Und dasjenige, das mit einer tieferen Zufriedenheit, mit innerem Frieden verknüpft ist.”

Reichtum anzuhäufen und zu behalten, erfordert viel Zeit und Energie und macht verwundbar. Zugegeben: Man hat keine oder wenig Kontrolle über ein Glück, das sich ausserhalb von sich selbst befindet. “Wir reden und denken zu viel”, versicherte Sogyal Rinpoché, “und wir haben den Sinn des Seins verloren. Diesen und den inneren Frieden müssen wir wiederfinden.” Und der buddhistische Lehrmeister nannte in Verbindung damit Paulus, Sokrates, den Propheten Mohammed und – trotzdem – Buddha.

Das Wesentliche der Lehren des Buddha

“Die Lehre des Buddha umfasst mehr als hundert Bände und tausende Seiten”, betonte Sogyal Rinpoché. Erinnern wir uns auch daran, dass Buddha nie selbst schrieb. Diese Lehre kann dem Tibeter zufolge in drei Geboten zum Ausdruck kommen: 1.) Begehen Sie keinerlei negative Handlungen. 2.) Bauen Sie sich einen Schatz an Tugenden auf. 3.) Disziplinieren Sie Ihren Geist, verändern Sie ihn.

Das erste Gebot leitet sich vom Grundsatz ab, dass man sich, wenn man Schlechtes tut, im Endeffekt selbst Schlechtes zufügt. Folglich liegt es im eigenen Interesse, nichts Schlechtes zu tun. Und “wenn Sie schon nicht helfen können, fügen Sie wenigstens keinen Schaden zu”, sagen die Grossmeister. Das zweite Gebot besteht darin, seinen reinen Geist und sein reines Herz zu bewahren, indem man positive Gefühle aufbaut und sich von der negativen Haltung loslöst. Schliesslich geht es darum, seinen Geist zu verändern. Wie kann man das tun? Indem man meditiert. Indem man betet. Indem man Liebe und Mitgefühl aufbaut. Was ist Meditation überhaupt? Das ist Präsenz, Aufmerksamkeit und Bewusstsein. Sie ermöglicht es, sich im Jetzt festzusetzen, um sich von den Konzepten zu befreien, die den Geist beschmutzen. “Ich lehre heute auf eine sehr einfache Art und Weise, ich nehme einige Abkürzungen”, versicherte Sogyal Rinpoché.

Von der Bescheidenheit

“Ich bin kein Buddha, sondern ein “boudin” (Blutwurst; Fettwanst)”, sagte der buddhistische Lehrmeister plötzlich, bewies damit Selbstironie und brach in sein ansteckendes Lachen aus. Er fügte auf Französisch zur Erklärung hinzu: “Un saucisson!” (“Eine Wurst!”) Der Tibeter unterstrich den Bedeutungsunterschied, bescheiden und nicht arrogant zu sein. Und nicht zu lügen. “Manche sagen, dass ihnen der Herr erschienen ist. Was bedeutet das? Ich kann dies akzeptieren, ich habe jedoch keinerlei Vision, keinerlei Offenbarung. Dafür habe ich Gefühle, Intuitionen.”

Gut zwei Stunden lang bezeugte Sogyal Rinpoché den buddhistischen Glauben, “einen Glauben, der auf Argumentation basiert, es ist kein blinder Glaube”. Und weil der Abend eindeutig mit einem weiteren Lacher abgeschlossen werden sollte, wandte er sich folgendermassen an das Publikum und sorgte dadurch für allgemeine Erheiterung: “Wenn ich noch einmal nach Neuchâtel komme, dann nur aus einem Grund: nicht wegen Ihnen, sondern wegen eines ausgezeichneten japanischen Restaurants, das ich entdeckt habe.”

Übersetzt aus dem Französischen von Alexander Fischer für Tink.ch