Gesellschaft | 03.11.2015

Redefreiheit – Erlebnisse aus Bali

Vorträge über indonesische Kriegsverbrechen auf Bali? Trotz offizieller Redefreiheit muss ein internationales Schriftstellerfestival kurzfristig sein Programm ändern - auf Druck der Polizei. Die blutigen Aspekte der indonesischen Geschichte sind noch immer ein Tabuthema.
Hier herrscht keine Redefreiheit. (
Bild: Stanny Angga, Ubudwritersfestival, zvg)

Im Oktober 1965 begann in Indonesien im Auftrag des neuen Präsidenten Suharto eine Kommunistenverfolgung.

In den etwa ein Jahr andauernden Massakern wurden über 500 000 unbewaffnete Kommunisten und angebliche Sympathisanten der Kommunisten ausgelöscht. Auch viele chinesische Immigranten fielen den Massakern zum Opfer.

 

Mindestens 700 000 Indonesier wurden in Konzentrationslager und Gefängnisse gesteckt. Die New York Times veröffentlichte diese Zahlen am 30.9.2015, zum fünfzigsten Jahrestag der Massaker. Andere Quellen wie corpswatch.org und wikipedia.com sprechen von bis zu 3 Millionen Toten. Die genauen Zahlen werden wohl nie bekannt werden, weil dieses Kriegsverbrechen in Indonesien ein Tabuthema ist. Die Kriegsverbrecher wurden nie bestraft.

 

Offizielle Redefreiheit

Indonesien ist eine der grössten Demokratien der Welt und offiziell herrscht Rede- und Meinungsfreiheit. Zwischen dem 28.10.15 und dem 1.11.15 findet auf Bali das international bekannte “ubudwritersfestival” statt. Neben weltweit renommierten Schriftstellern und Journalisten sollen auch einige Künstler auftreten, die über die indonesischen Kommunistenmassaker reden wollen.

 

Die balinesische Polizei droht, das ganze Festival zu verbieten, falls diese Vorträge nicht aus dem Programm genommen würden. Der offizielle Angriff auf die öffentliche Redefreiheit in Indonesien trifft eine der beliebtesten Destinationen des balinesischen Massentourismus: Ubud. Die Organisatoren des Festivals müssen sich fügen und haben die Vorträge nun gestrichen. Auch zum fünfzigsten Jahrestag bleiben die Massaker unaussprechbar.

 

Kriegsverbrecher und ihre Macht

Noch immer besetzen Kriegsverbrecher in Indonesien hohe politische und wirtschaftliche Positionen. Die Verbrecher der Massaker von 1965 werden bald das Zeitliche segnen oder haben es schon getan. Doch was passiert mit den Verantwortlichen für die Massaker im Unabhängigkeitskrieg Osttimors? Laut globalissues.org wurden dort seit 1975 um die 200 000 Menschen ermordet.

 

Was passiert mit den Verantwortlichen für die noch immer andauernden Massaker an Eingeborenen in West-Papua? West Papua ist das rohstoffreichste Gebiet Südostasiens. Alle, die dort dem finanziellen Gewinn im Wege stehen, werden vertrieben oder umgebracht. Journalisten kriegen auf West-Papua keine Einreiseerlaubnis. Die indonesische Politik kann es sich trotz offizieller Redefreiheit nicht leisten, öffentliche Gespräche über indonesische Kriegsverbrechen zu erlauben. Auch auf der weltweit bekannten Trauminsel Bali nicht.