Politik | 23.11.2015

«Persönlichen Verzicht anstreben»

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von Matthias Bättig
Hörsaal acht der Universität Luzern platzte aus allen Nähten. Anzutreffen war ein Generationenmix, der sich der eigenen Ohnmacht gegenüber herrschenden Flüchtlingsdramen stellen wollte. Vertretende der Zivilgesellschaft und des Staates sprachen zum vollen Saal. Auch ein Flüchtling wurde eingeladen.
Werner Riedweg (Dozent Soziale Arbeit HSLU), Larissa Werren (Mitarbeiterin Hoschulseelsorge), Nicola Neider (Präsidentin Trägerverein Sans-Papier, Moderation), P. Andreas Schalbetter (Hochschulseelsorger), Béatrice Panaro (Mitglied Scalabrini-Säkularinstitut), Herr Tesfalem (anerkannter Flüchtling aus Eritrea und Dolmetscher) und Ruedi Fahrni (Asylkoordinator Kanton Luzern) (v.l.n.r.).
Bild: Matthias Bättig

„Wie können wir die Distanz zwischen der persönlichen Betroffenheit und den globalen, grossräumigen Flüchtlingsdramen verringern?“ steht auf dem Veranstaltungsflyer der Hochschulseelsorge Luzern. Stellvertretend für die globalen Player sowie für individuelle Ansichten wurden Werner Riedweg, Dozent für Soziale Arbeit an der Hochschule Luzern, Ruedi Fahrni, Asylkoordinator des Kantons Luzern und Beatrice Panaro, Mitglied des Scalabrini-Säkularinstitutes zum Podiumsgespräch geladen. Nicola Neider, Präsidentin vom Trägerverein Sans-Papier, durfte sich kaum an der Diskussion beteiligen, da sie ebendiese moderierte.

Vorzeigeflüchtling als Ehrengast

Nach 40 Minuten durfte sich auch der „Ehrengast“ zu den Diskussionsteilnehmern gesellen und über seine Erfahrungen als mittlerweile anerkannter Flüchtling und Dolmetscher bei Caritas berichten. „Sie brauchen Zeit!“ gibt er als Antwort auf die Frage, was für die Integration von Bedeutung sei und fügt in solidem Deutsch hinzu, dass bei ihm die Integration noch nicht vollständig gelungen sei. Er sei aber auf dem Wege dorthin und habe viele Freunde, die ihn dabei unterstützten.

Der vielleicht grösste Migrationskritiker im Raum war Ruedi Fahrni vom Kanton. Wobei von Kritik kaum die Rede sein kann. Fahrni sei für die Bewirtschaftung der Flüchtlinge verantwortlich. Rein praktisch könne die Schweiz noch viel mehr als die derzeit im Kanton Luzern 1500 untergebrachten Menschen aufnehmen. „Die viel grössere Herausforderung ist die Integration“, sagt er.

Staat oder Zivilgesellschaft?

Das Gespräch drehte sich eine Weile um den verlorenen Leistungsauftrag der Caritas im Kanton Luzern und um den Diskurs darüber, wer die Verantwortung tragen soll. Bisher hat sich die Caritas um die Betreuung von Asylsuchenden in Luzern gekümmert. Nun ist der Auftrag an den Kanton übergegangen. Der Kanton gehe durch die Kündigung des Leistungsvertrages mit der Caritas Risiken ein. Durch den Wegfall des Caritas-Netzwerkes würden unabsehbare Kosten für den Kanton entstehen, meinte Werner Riedweg.

Insgesamt drehte sich das Gespräch darum, wer in welchem Ausmass helfen soll oder darf. Politik oder freiwillige Helfer? Oder gar beide? Die Eingangsfrage scheint aus dem Fokus geraten zu sein. Oft hätten wir ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Flüchtlingsdramen, die uns täglich erreichen und suchten diese Distanz zu verringern – aber wie? An diesem Abend wurde weder über Ideale noch über Einstellungen zur Flüchtlingsthematik gesprochen. Es herrschte Einigkeit im Saal, die sich durch einen genervten Laut im Raum zeigte, als das Wort „Integration“ aus Sicht der Kritiker beleuchtet wurde. Integration – ein Wort, das im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik Verwirrung stiftet. Denn die Politik und die helfende Zivilgesellschaft scheinen sich darüber uneinig zu sein, inwiefern Integration überhaupt sinnvoll ist, wenn die Betroffenen nach Kriegsende in ihr Heimatland zurückkehren sollen.

Saal voller „Gutmenschen“

Es waren sich alle einig, dass geholfen werden muss, nur nicht darüber, ob Staat oder Zivilgesellschaft das übernehmen sollen. Fest stand, dass nur wenige der Anwesenden das Zepter allein der Politik in die Hand geben wollen. Diese Menschen wollen helfen. Sie wollen das Gefühl der Ohnmacht verringern. „Von der Ohnmacht zum Engagement“, sagte Beatrice Panaro in ihrem Schlussstatement.

Ruedi Fahrni sieht die Lage pragmatischer: „Technisch ist es möglich, dass wir 100’000 Flüchtlinge unterbringen können. Aber wie geht’s dann weiter mit der Integration?“ Es müsse gelingen, dass die Bevölkerung zur Integration beiträgt und vielleicht auch „persönlichen Verzicht anstrebt.“ Schade nur, dass dieses Statement in der lauen Debatte um die Frage, wer helfen soll, untergegangen ist. Obwohl weder Ursachen noch klare Lösungen für die dramatischen Ereignisse angesprochen wurden, ist den Menschen in Luzern dennoch etwas gelungen. Sie sind der eigenen Ohnmacht begegnet. Gemeinsam.