Gesellschaft | 30.11.2015

Motorradslalom– Erlebnisse aus Bali

Text von Kaspar Anderegg | Bilder von Kaspar Anderegg
Fremdartige Früchte auf dem Basar, gefährliche Motorradmanöver, religiöse Farbenvielfalt und Vampirgeschichten: Auf der Insel der Götter kann das Ungewöhnliche nicht Alltägliche zum Alltag werden.
Die quirligen Märkte Balis laden zum Entdecken ein.
Bild: Kaspar Anderegg

Der kaum geregelte Linksverkehr Balis macht sofort hellwach. Die Motorräder fahren zu viert nebeneinander auf der gleichen Spur. An der Kreuzung kommt der Verkehr zum erliegen. Die Autos sind ineinander verkeilt und stecken fest. Mit dem Motorrad kann ich mich in fünf Minuten durchschlängeln. Wieder in Fahrt, schert ein Lastwagen von rechts auf meine Spur ein, um zu überholen. Geschickt weichen die Motorräder in Richtung Strassenrand aus. Sobald der Lastwagen überholt hat, nutze auch ich mit meinem Roller die Gegenspur, um schneller voran zu kommen.

Auf Bali wird gefahren wie das eigene Verantwortungsgefühl erlaubt. Einzig die Helmpflicht wird von der Polizei regelmässig durchgesetzt. Einige haben ihren Fahrstill zu etwas erhoben, was ich eine Kunstform nennen will: Mit ihren Motorrädern nutzen sie in hohem Tempo den Mittelstreifen als kleine Überholspur. Das sieht aus wie eine Art Slalom. Von der Schwerkraft des umliegenden Verkehrs scheinbar befreit, liegen sie in die persönlich gewählten Kurven und fahren mal links, mal rechts an allen Verkehrsmitteln vorbei. Für das ungeübte Auge nicht selten haarscharf an einem Crash vorbei. Die zum Teil schlechten Strassen und der chaotische Verkehr erhöhen das Unfallrisiko stark. In den letzten 7 Monaten wurde ich Zeuge von zehn Motorradunfällen. Zum Glück wurde niemand schwer verletzt. Um 10 Uhr komme ich bei der Polizei an, ich will meinen Führerschein erneuern lassen.

Ein alltäglicher Dienstag

Noch immer hängen die kunstvoll gefertigten Dekorationen von der letzten Zeremonie an unseren vier Haustempeln. Zusammen mit der 12-jährigen Schwester meines Gärtners, Kadek Manis, entferne ich diese farbigen Schirme und die mit Spiegeln und farbigem Glas besetzten Stoffe. Ich verstaue sie in unserem Abstellraum.

Ansonsten immer für einen Spass zu haben, wird Kadek Manis sehr ernsthaft, wenn es um ihre Religion geht und erledigt diese Arbeit mit feierlicher Würde.

Auf dem Markt im nahegelegenen Singaraja wird fast alles verkauft was im Alltag gebraucht wird: Messer, Putzmittel, Schreibwaren und natürlich alle Arten von Nahrungsmitteln. Das geordnete Chaos lädt zum Stöbern und Verweilen ein. Es gibt exotische Früchte, die ich auch in den grössten Supermärkten der Schweiz noch nie gesehen habe. Die Serikaya ist eine stachlige grüne Frucht mit süss-saurem, weissem Fruchtfleisch. Diese wird gerne für köstliche Fruchtsäfte verwendet. Utensilien für religiöse Zwecke sind ganze Läden gewidmet. Manchmal unterbreche ich den Einkauf zu einem kleinen Schwatz mit den Verkäufern und rede über freundliche Belanglosigkeiten. Für 160 000 Rupiah, umgerechnet etwa 12 Franken, fülle ich zwei grosse Säcke mit Nahrungsmitteln.

Am Abend hüte ich die Kinder meines Stiefvaters. Wir fangen Fische und setzen sie wieder aus, kochen und essen zusammen. Zum Schluss will der Älteste, neun Jahre alt, noch eine Geschichte über Schweizer Vampire hören. Er will wissen, ob es in der Schweiz nur weisse Vampire oder auch braun- oder schwarzhäutige gibt. Auch, ob ich schon einen umgebracht habe, interessiert ihn brennend. Mit einem Hauch von Gefahr in der Stimme erkläre ich ihm: Mit 18 Jahren müsse jeder Schweizer Mann einen Vampir umbringen, um seine Männlichkeit zu beweisen.

Kaspar Anderegg