Politik | 20.11.2015

Kartografie der Jugend

Text von Alexandre Babin | Bilder von Anne-Lea Berger
Auf Wunsch der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen wurden rund 2000 Jugendliche im Alter von 17 Jahren zu verschiedenen Themen befragt: von ihrem Verhältnis zur Familie und zur Armee bis hin zu Migrationsfragen. Eine Klarstellung.
Michelle Beyeler, Verantwortliche für Lehrveranstaltungen in Sozialpolitik an der Berner Fachhochschule, präsentierte die Ergebnisse der Studie "Meine Schweiz und ich".
Bild: Anne-Lea Berger

Die Tagung, die der Studie “Ma Suisse et Moi” (“Ich und meine Schweiz”) gewidmet war, fand im zweiten Stockwerk der Fabrikhalle in Bern statt. Die 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer trafen sich in einem geräumigen und hellen Saal, um über die Ergebnisse der Studie zu diskutieren.

 Auf dem Programm standen Gruppengespräche, Redebeiträge von Politikern (Pierre Maudet, Alain Berset), die Analyse der Umfrageergebnisse, und es wurde ein Ausblick in die Zukunft gewagt. Danach betraten drei Forscherinnen das Podium, um die wichtigsten Lehren aus der Befragung zu ziehen.

Sind Jugendliche angepasst?

Unterstützt durch zahlreiche Grafiken ziehen Michelle Beyeler (Berner Fachhochschule), Sarah Bütikofer (Universität Zürich) und Isabelle Stadelmann-Steffen (Universität Bern) eine einfache Bilanz: Die befragten Jugendlichen heben sich bezüglich ihrer Meinung nicht wesentlich von den Erwachsenen ab. Sie sind zwar fortschrittlicher, was familiäre Fragen angeht, aber sie geben ziemlich genau die Links-Rechts-Diskrepanz wieder, und ihre Einstellung gegenüber Migration ist ziemlich ähnlich verglichen mit den Haltungen, die unter den älteren Bevölkerungsschichten beobachtet werden können.

Porträt einer Generation

Die Forscherinnen begannen ihren Redebeitrag damit, dass sie einige hervorstechende Ergebnisse der Studie betonten. Zuallererst – und das verhält sich vielleicht konträr zur eigenen Intuition – bemerkten sie, dass es nur sehr wenige Unterschiede gibt zwischen den Meinungen, die von den 1900 befragten Jugendlichen geäussert wurden, und denen der übrigen Bevölkerung. “Die Überzeugungen der Jugendlichen stimmen mit denen der Erwachsenen überein.”

Eine Bemerkung, welche die Forscherinnen jedoch sehr schnell abschwächten: “Es gibt nicht die eine Jugend, in der Gesamtheit der Gesellschaft findet man Gruppen mit sehr unterschiedlichen Empfindungen bei identischen Fragen.” Diese verschiedenen Stufen bei Jugendlichen werden von ähnlichen Faktoren bestimmt wie bei Erwachsenen: “Kulturelle und sprachliche Regionen, Jungen und Mädchen sowie Schweizer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger oder ausländische Einwohnerinnen und Einwohner haben einen unterschiedlichen Blick auf identische Problematiken.”

Nationalität, Region und Geschlecht

Junge Tessinerinnen und Tessiner beispielsweise unterscheiden sich in mehreren Fragen von der übrigen Bevölkerung. So denken knapp 45% von ihnen, dass Ausländer eine Bedrohung für die Arbeitsplätze von Schweizern darstellen – ein sehr hoher Anteil im Vergleich zum nationalen Durchschnitt. Entsprechend ist die grösste Sorge im italienisch-sprachigen Kanton die Arbeitslosigkeit (39%).

Eine Problematik, die lediglich 10% aller Befragten beunruhigt, gleichauf mit dem Thema Einwanderung zum Beispiel. Ein weiterer Unterschied zwischen sprachlichen Regionen: Die Mehrheit der Jugendlichen aus romanischen Sprachregionen ist der Ansicht, dass die Stimmabgabe für Bürgerinnen und Bürger obligatorisch sein sollte, für die Jugendlichen aus der Deutschschweiz hingegen soll das Einwerfen eines Stimmzettels in die Wahlurne “eine freiwillige Handlung” bleiben.

Die Empfindung zum Thema Einwanderung variiert nicht nur je nach sprachlicher Region, sondern auch nach Nationalität. So ist jeder zweite Besitzer eines Schweizer Passes der Meinung, dass Ausländer die gleichen Chancen haben sollen wie die Schweizer Staatsbürger. Dieser Anteil beläuft sich bei Personen mit zwei Staatsangehörigkeiten auf 70 %, während er bei ausländischen Staatsangehörigen bei 90 % liegt.

Schliesslich hat auch das Geschlecht einen entscheidenden Einfluss auf mehrere Themen, insbesondere, was die Familie angeht. Obwohl die Jugendlichen insgesamt für ein sogenanntes “egalitäres” Familienmodell sind, variiert der Begriff der Egalität stark – je nachdem, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. 40% von Letzteren sind der Meinung, dass beide Elternteile in Teilzeit arbeiten sollten, während 40% dafür sind, dass der Vater in Vollzeit und die Mutter in Teilzeit arbeitet; dieser Anteil beträgt bei den befragten Jungen nur 30%. Noch auffälliger: Mehr als 35% der befragten jungen Männer möchten, dass einzig der Mann arbeitet. Ein weiterer hervorstechender Fakt ist, dass junge Frauen stark für das Recht auf Adoption für homosexuelle Paare sind (72%), eine Meinung, die von weniger als der Hälfte der Jungen unterstützt wird.

Vereint in der Opposition gegen die EU

Dennoch ist sich diese pluralistische Jugend auch in mehreren Themen einig. Zuallererst ist sie besonders optimistisch, was ihre Zukunft anbelangt. Lediglich einer von zwanzig Jugendlichen sieht die Zukunft negativ, wohingegen 90% der Ansicht sind, sehr gute Ausbildungschancen zu haben. Diese Zahlen stehen den Forscherinnen zufolge in einem starken Gegensatz zu den Zahlen, die man beispielsweise in Frankreich und Deutschland finden kann.

Die befragten Jugendlichen sind ausserdem vereint in ihrer Opposition gegen einen Beitritt der Schweiz zur Europäischen Union jedweder Art (knapp 90%). Eine Statistik, welche die Nähe der Jugend zur übrigen Bevölkerung veranschaulicht. Übrigens betonten die Forscherinnen, dass die jungen Bürgerinnen und Bürger den verfügbaren Daten zufolge ähnlich abstimmten wie die Erwachsenen bei den Eidgenössischen Wahlen 2015.

Übersetzt aus dem Französischen von Alexander Fischer für Tink.ch