Politik | 11.11.2015

Jugendansichten

Die immer multikulturellere Jugend überrascht mit konservativen Ansichten. Jung und Alt waren dabei, um die Resultate der repräsentativen Umfrage "Ich und meine Schweiz" unter 17-jährigen in der Schweiz zu diskutieren und Zukunftspläne zu schmieden, wie die Vorstellungen der jüngeren Generationen berücksichtigt werden können.
Das jüngste Bundesratsmitglied appelliert an die Gesellschaft, Jugendliche in politische Prozesse miteinzubeziehen...
Bild: Anne-Lea Berger

Die immer multikulturellere Jugend überrascht mit konservativen Ansichten. Jung und Alt waren dabei, um die Resultate der repräsentativen Umfrage “Ich und meine Schweiz” unter 17-jährigen in der Schweiz zu diskutieren und Zukunftspläne zu schmieden, wie die Vorstellungen der jüngeren Generationen berücksichtigt werden können.

Die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) hat zur nationalen Tagung geladen – nicht gerade ein Event, für das Jugendliche von weit her anreisen würden. Oder vielleicht doch? An der Bar mit Kaffee, Orangensaft und Gipfeli sind jedenfalls auch viele jugendliche Gesichter anzutreffen: einige Schüler, die bei der Umfrage mitgemacht haben, Studenten und Lehrlinge aus Münsingen oder Lugano. Sie sind nach Bern gereist, um sich die Ergebnisse der Studie “Ich und meine Schweiz” anzuhören.

Dafür interessieren sich nicht nur Jugendliche, sondern besonders auch Jugendarbeiter, Politiker, Mitarbeiter diverser Fachstellen wie die der Jugendpartizipation, der Suchtprävention oder der Integration. Es ist ein gemischtes Volk, das sich im Konferenzsaal an der Fabrikstrasse in Bern versammelt hat.

Nach der Präsentation der Ergebnisse und einer Fragerunde fast ohne Fragen betreten junge Waadtländerinnen und Waadtländer die Bühne, als Vertreter ihrer kantonalen Jugendkommission. Beeindruckend redegewandt und selbstsicher präsentieren sie ihre persönlichen Ansichten. Der Kommissionspräsident Alexander Omuku sagt, wie überrascht und besorgt er über die ablehnende Haltung der Jugendlichen gegenüber einer Herabsetzung des Stimmrechtsalters sei. Als möglichen Grund sieht er das politische System, das in vielen jugendlichen Augen zu kompliziert und negativ belastet sei.

Für einen stärkeren Einbezug von Jugendlichen in politische Entscheidungsvorgänge plädiert auch Alexandre Legrain: “Wenn unsere Stimmen gehört werden, werden wir eher das Wort ergreifen” (“si notre voix est ecoutée, on a plus de tendence de parler”). Zwei andere Rednerinnen, Sara Pinar und Marta Zaragoza Navarro, wünschen sich die Schule als einen Ort, an dem man auf das Leben vorbereitet wird. Praktische Dinge wie der Umgang mit Geld und Medien, aber auch ein Verständnis für Politik sollen gelehrt werden.

An grossen Tischen, die wie Inseln im Raum der Fabrikhalle in Bern liegen, setzen sich die Teilnehmenden der Tagung nun in kleineren Gruppen zusammen. In deutschen und französischen Diskussionsrunden wird leise getuschelt, argumentiert, einander zugehört. Ausgearbeitet werden sollen konkrete Massnahmen für die Zukunft. Wie kann Integration gefördert werden? Welche Massnahmen muss die Schule ergreifen, um den Anforderungen der Jugendlichen gerecht zu werden? Welche Familienmodelle sollen in Zukunft gefördert und unterstützt werden? Laut der Studie favorisieren immer noch viele junge Männer eine traditionelle Aufteilung, bei der der Mann Vollzeit arbeitet, die Frau höchstens Teilzeit.

In einer Diskussionsrunde, der nur ein Mann beisitzt, wird das lachend mit einem “kommt nicht in Frage” abgelehnt. Das deckt sich auch mit dem Resultat der Studie: Viele junge Frauen lehnen dieses Familienmodell ab.

Obwohl die Gespräche sehr zielgerichtet verlaufen, finden sich unter den konkreten Massnahmenvorschlägen keine revolutionären Ideen. Die Forderung der Möglichkeit, an den Arbeitsplatz neben dem Hund auch das Kind mitzunehmen, ist da noch der gewagteste Vorschlag.

Am frühen Nachmittag wird es ganz leise in der Fabrikhalle. Mit einer kleinen Verspätung trifft Bundesrat und Innenminister Alain Berset ein. Das Publikum lauscht gespannt, Berset geniesst volle Aufmerksamkeit. Wie die Frauen während der Diskussionsrunde, ist auch er etwas besorgt über das Ideal junger Männer einer traditionellen Rollenteilung. Er nennt die heutigen 17-Jährigen eine “paradoxe Generation”: Einerseits seien sie vernetzt, international und informiert wie keine Generation vor ihr.

Andererseits lege sie eine konservative Haltung an den Tag und gewichte den Beruf stärker als das soziale und politische Engagement. Berset betont, wie wichtig es sei, Jugendliche zu informieren und in politische Prozesse einzubeziehen: “Damit sie vermeintlich naive, aber tief schürfende Fragen stellen.” Der Bundesrat hält seine Rede zweisprachig – er wechselt zwischen Deutsch und Französisch. Dabei schafft er es, das Publikum immer wieder zum Lachen zu bringen. Der Bundesrat halte jung, sagt er. “Wenn man sich mit älteren umgibt, fühlt man sich immer jung!”

Nicht nur Alain Berset spricht sowohl Deutsch als auch Französisch. Die ganze Tagung wird zweisprachig gehalten, Deutsche Panels werden auf Französisch simultan übersetzt und umgekehrt. An der nationalen Tagung der EKKJ scheint nicht nur der Röstigraben zu schwinden, auch andere Grenzen scheinen aufgehoben. Die zwischen der Lehrlingstochter aus dem Emmental und dem Geschäftsführer aus Zürich zum Beispiel. Maurus Blumenthal, Geschäftsleiter des Verbands Schweizer Jugendparlamente, bringt es auf den Punkt: “Wenn ich normalerweise so viele verschiedene Leute treffen möchte, muss ich mindestens zehn Termine ansetzen. Hier kommen sowohl fachliche Partner als auch Jugendliche zusammen.”

Es sind wohl nicht nur die Resultate der Studie, die rund 150 Personen aus der ganzen Schweiz angelockt haben. Mindestens ebenso wichtig ist das Programm zwischen dem Programm: Sich vernetzen, austauschen, Kontakte knüpfen. So verwundert es nicht, dass sich die Leute nach der (knapp bemessenen) Pause Zeit lassen, wieder an ihre Plätze zurückzukehren. Die nationale Tagung der EKKJ enthält mehr Programmpunkte, als in diesen Artikel passen würde. Jeder für sich ist interessant – alle zusammen sind wohl dem ein oder anderen Teilnehmenden etwas zu viel.