Gesellschaft | 07.11.2015

Dummheit messen?

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von Yves Haltner)
In unserer Kolumne "er fragt, sie fragt, er fragt..." stellen sich Sofiya und Kaspar wechselseitig Fragen zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben. Im Wochenrhythmus wird der jeweils andere seine geistigen Ergüsse zu dem Thema auf Tink.ch zum Besten geben.
Wie dumm ist der Mensch wirklich? (
Bild: Yves Haltner)

Kaspar fragt: Wie dumm ist der Mensch wirklich?

 

Lieber Kaspar,

 

Von welcher Dummheit sprichst du? Tiefer IQ? Niedriger EQ? Mangel an Kausalitätsbewusstsein? Fehlen von Verstand? Geistlosigkeit? Dummheit als universelles Schimpfwort?

 

(Diese Liste lässt sich endlos fortführen.)

 

Dumm ist, wer keinen natürlichen Menschenverstand besitzt. Dümmer ist, wer einen hat, den er nicht braucht. Dumm ist, wer blind den Gesetzen folgt. Dumm ist, wer sich langweilt. Dumm ist, wer faul ist.

 

(Diese Liste lässt sich ebenso endlos fortführen.)

 

Nicht selten versteckt sich Dummheit hinter Arroganz, einer durch das Individuum gefühlten Überlegenheit, die im Grunde nichts anderes als die eigene Geistlosigkeit verbirgt. Der Dummheit wird nachgesagt, sie sei mit dem Glück verheiratet, denn das Wesen niederen Geistes merkt ja gar nicht, wie es um es steht.

 

Das Mass an Dummheit lässt sich immer wieder übertreffen. Spannend wird es, wenn Dumme Schlaues sagen. Ja, in der Dummheit liegt manchmal die Schönheit begraben.

 

Die Daseinsberechtigung erhalten die Dummen jedoch aus einem anderen Grund. Sehr gerne umgeben wir uns mit einem Dummkopf, um uns überlegen zu fühlen. Doch genau da liegt der Fehler. Wir sollten uns nicht mit Dummköpfen, sondern mit inspirierenden Personen umgeben.

 

Dies ist auch der Grund warum Trash-TV so beliebt ist. Wir stopfen nicht nur unseren Magen, sondern auch unser Hirn mit Junkfood voll. Das Resultat ist unschön mitanzusehen und noch viel hässlicher zu ertragen. Die Menschen sind faul, wählen den leichten Weg. Konsumieren lieber, statt selbst etwas zu kreieren. Sie denken einen Gedanken nach, statt ihn selbst zu formen.

Wie wundervoll unsere Welt doch wäre, würden die Torheiten durch die Faszination für eigene Gedanken jedes Einzelnen ersetzt werden.

 

Zwischenstopp: Haben wir erstmal die begrifflichen Definitionen geklärt, kann ich nun auf deine Frage eingehen.

 

Der Mensch ist unendlich dumm.

 

So dumm, dass er sich nicht mal die Unendlichkeit vorstellen kann. Geschweige denn die Unendlichkeit seiner Dummheit.

 

Ein Messversuch

 

Dummheit bemisst sich am ehesten im Vergleich mit der Gesellschaft. Hierbei geht es nicht darum wie einer handelt, sondern wie er seine Handlungen und Ansichten begründet und reflektiert: Dumm ist nicht wer Dummes tut, sondern wer Dummes aus dümmeren Gründen tut.

 

Nehmen wir an, ich wollte beweisen, dass ich schlauer bin als du, lieber Kaspar. Das zu tun wäre dumm. (Die schlauste Lösung wäre, es gar nicht zu versuchen.)

 

Nehmen wir an, ich wollte beweisen, dass ich schlauer bin als du, um dir zu zeigen, wie dumm ich wirklich bin. (Das wäre eine etwas elegantere Begründung.)

 

Ich würde es wie folgt versuchen.

 

Ich sage nicht: “Ich schlau, du dumm.”

 

Auch behaupte ich nicht: “Ich dumm, du dümmer.”

 

Vielleicht würde ich sagen: “Ich bin im Bewusstsein meiner Dummheit, du tappst im Dunkeln.”

 

Oder aber ich behaupte, dass wir beide dumm sind. Unendlich dumm auf endlos viele Arten und Weisen. (Dies wiederrum ist zu einfach.)

 

Aber ich will hier nicht vom hohen Ross hinuntersprechen. Sich für schlauer als die anderen zu halten ist dumm. Und Dummheit messen zu wollen ist in etwa so schlau, wie zu behaupten, dass ein hoher IQ allein die Abwesenheit von Dummheit beweist.

 

In diesem Sinne, lieber Kaspar, lass uns dumm und fröhlich sein.

 

Sofiya

 

PS: Wer oder was regiert die Welt?