Gesellschaft | 02.11.2015

“Der Bart muss weg, Lucas!” – Teil 2

Text von Lucas Ackermann | Bilder von Lucas Ackermann)
Während eines Zeitraums von zwei Wochen habe ich mich mit mehreren unkonventionellen Arten des Reisens auseinandergesetzt. Ich auf bin auf gutem Wege, den Massentouristen in mir vollends loszuwerden. Dieser Wandel ist jedoch alles andere als leicht.
Zufällige Begegnungen von Autostoppern auf der Autobahn. (
Bild: Lucas Ackermann)

Mein zweiwöchiger Trip durch das Baltikum kostete mich gerade mal hundert Franken (ohne die überteuerten Flugtickets). Im ersten Teil meines Reiseberichts habt ihr bereits Einiges über das Couchsurfen erfahren.  Couchsurfing ist einer der Gründe für die geringen Reisekosten. Eine weitere, äusserst lukrative Strategie ist das Autostoppen.

 

Die Autofahrer

Meine Reisepartnerin Ania und ich wussten praktisch nie, wo oder wann wir am Abend ankommen würden. Anfangs haben wir noch gedacht, wir würden es von Warschau direkt nach Tallinn schaffen und von dort aus das Baltikum bereisen. Eine grobe Fehleinschätzung. Ania ist schon auf eigene Faust durch Europa getrampt und hatte dabei viel mehr Glück. Ihr Erfolgsrezept: Frau kann sich auf LKW-Fahrer verlassen, die gerne Gesellschaft haben und lange Strecken fahren. Auf diese wertvolle Ressource konnten wir leider nicht zurückgreifen. Kein einziger Brummi hat auch nur Anstalten gemacht, uns mit zunehmen.

 

Als wir einmal fünf Stunden an einer Strasse warteten, meinte Anja, es liege wohl an meinem Bart. Ich würde einfach verdächtig aussehen. Sie schlug vor, mich zu rasieren. Ich lehnte dankend ab – zu lange hatte ich ihn wachsen lassen! Mir wurde klar, dass man beim Autostoppen so nett wie möglich erscheinen muss, will heissen: keine Sonnenbrille, helle Kleider und immer ein Lächeln auf den Lippen. Und wie gesagt: Frauen haben es wohl leichter als Männer.

 

Bevor ihr “echte Kultur” an einem Touristenort suchen geht, steigt lieber in ein wildfremdes Auto. Auch wenn man manchmal Einiges in Kauf nehmen muss, um die Ortsansässigen und ihre Geschichten kennenzulernen. Vom russischen Folklore-Groupie über den Boss einer lettischen Biker-Gang (ausnahmsweise im Auto unterwegs) bis zum Kettenraucher, welcher sich alle fünf Minuten eine neue Zigarette drehte; mit beiden Händen natürlich. Ania und ich haben sie alle erlebt.

 

Meine Reisepartnerin

“Was, du stehst auch auf Festivals?! Cool! Welches Genre? Rock? Aha.” Ania und ich teilten zwar nicht denselben Musikgeschmack, aber was soll’s, dachte ich mir. Abgesehen davon, hatten wir eigentlich ziemlich viel gemeinsam. Wenn wir über Filme oder Kunst sprachen, waren wir immer gleichermassen Feuer und Flamme.

 

Meine Reisepartnerin, sieben Jahre älter als ich, hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert. Sie war eine richtige Globetrotterin. Alles Geld, das sie verdiente, floss sofort in eine neue Reise. Doch meine Faszination für ihren Lebensstil reichte nicht aus, um die immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen zu verhindern. Bald zankten wir uns wegen jeder Kleinigkeit.

 

Rückblickend verstehe ich, worin das Problem wahrscheinlich lag. Wir hatten unterschiedliche Erwartungen an diese Reise. Ania, welche schon etliche Male trampen war, wollte so viel sehen wie möglich. Mir hingegen ging es um das Erlebnis Autostopp. Ich hatte somit also auch kein Problem damit, länger auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten oder sogar eine Stadt auszulassen.

 

Was ich sicher gelernt habe ist: Reisepartner müssen nicht die ganze Zeit aneinander kleben. Es ist immer gut, eine Bezugsperson zu haben, wenn man von A nach B reist. Aber es ist überhaupt nicht schlimm, von Zeit zu Zeit mal getrennte Wege zu gehen. Das taten wir dann auch. Ania raste von Kirche zu Kirche, während ich im Park mit einem Buch auf sie wartete.

 

Mein Fazit

Zwei Wochen ohne Rückzugsmöglichkeit, nonstop unter (fremden) Leuten, das ist anstrengend. Doch dieses Bad in der Fremde hat mir einen völlig neuen Blick auf mich selbst gegeben. Ich durfte Grenzen kennenlernen und das wahre Reisen, jenseits von Reisebüros und Ferienressorts, erleben. Mehr Planung hätte Vieles leichter gemacht. Doch wäre das Spontane, das Abenteuerliche verloren gegangen.

 

Ania erzählte mir, wie sie einmal für eine Woche nach Norwegen reiste, um die Polarlichter zu beobachten. Alles was sie sah, war ein grüner Dunst. Als wir nach zweistündigem Warten in einem Kaff an der Grenze zu Estland aufgeben wollten, weil es bereits dunkel wurde, nahm uns, im letzten Moment, ein Geschäftsmann aus Tallinn mit. Er lud uns sogar ein, bei ihm und seiner Familie zu übernachten und mit ihnen die Stadt zu besichtigen.

 

Wir fuhren mit ihm durch die Nacht und unterhielten uns gelegentlich. Plötzlich tauchten vor uns, völlig unerwartet, die Polarlichter auf. Sie waren klar erkennbar und bewegten sich sogar. Als ich diese Geschichte Zuhause erzählte, fragte man mich: “Hast du ein Foto gemacht?” und darauf konnte ich nur antworten: “Nein, sicher nicht!”

 

Weitere Informationen für die Umsetzung eines derartigen Trips:


 

Vom Reisepartner bis zum Gastgeber: www.couchsurfing.com

Alles Wichtige rund ums Autostoppen: hitchwiki.org

Mitfahren und Benzinkosten teilen: www.blablacar.com