Gesellschaft | 10.11.2015

Adoray – Bunter Katholiken-Konservativismus

Text von Sandro Bucher | Bilder von Sandro Bucher)
Rund 500 Interessierte haben vom 6. bis 8. November das diesjährige «Adoray»-Festival im Schweizer Kanton Zug besucht. Die katholische Gebetsgruppe lockt mit einer jugendlichen Frische und umhüllt ihre konservativ-erzkatholische Vision hinter einem Schleier der Aufgeschlossenheit.
Nebelhafte Kernbotschaften: Zurzeit ist in gewissen Punkten unklar, in welche Richtung die «Adoray»-Bewegung geht. (
Bild: Sandro Bucher)

Am Anfang war der Entstehungsmythos. Die Gründung von «Adoray» geht nämlich auf eine Legende zurück: Mehrere Jahre lang haben Brüder in einem Zuger Kloster dafür gebetet, dass sich eine junge und frische Gebetsgruppe bilden werde, die die katholischen Werte vertreten würde. Bis eines Tages zwei junge Männer an die Klostertür geklopft und die Brüder um Unterstützung bei der Gründung einer ebensolchen Gebetsgruppe gebeten haben.

 

Das war 2004. Heute, elf Jahre später, präsentiert sich die Adoray-Gebetsgruppe als bunt verpacktes Erzkatholiken-Geschenk, das trotz oder gerade wegen seiner Farbvielfalt kaum auffällt neben all den evangelikalischen Geschenken unter dem Freikirchen-Weihnachtsbaum der Schweiz.

 

Elegantis Feder

In den Adoray-Gebetsgruppen wird katholisches Gedankengut vermittelt und auch in dem diesjährigen Festival-Flyer scheinen die Organisatoren nur knapp daran vorbeizuschrammen, von einer römischen Linie und Papsttreue zu sprechen: «Adoray wird von engagierten, vom Glauben an Jesus Christus begeisterten, katholischen, jungen Menschen organisiert. Adoray untersteht dem Jugendbischof der Schweizerischen Bischofskonferenz, der die Statuten bestätigt hat.»

 

Auffallend ist, dass der Jugendbischof der Schweizerischen Bischofskonferenz nicht namentlich erwähnt wird. Nur im Programm des Flyers findet man dessen Namen beim Abschlussgottesdienst am Sonntag: Marian Eleganti. Zur Erinnerung: Marian Eleganti ist jener Bischof, der im Mai dieses Jahres dazu aufgerufen hat, den modernen Menschen zur Umkehr zu bewegen und dass sich nicht die Kirche der heutigen Zeit anpassen solle, sondern umgekehrt.

 

Die Schweizer Bischofskonferenz ist dafür bekannt, dass sie in sozial-ethischen und prophetischen Fragen für den römischen Revolutionsgeist Franziskus-˜ nicht empfänglich ist. Unter dieser Prämisse wird sich Adoray nur schwer als zeitgemässe Institution mit katholischem Gedankengut etablieren können.

 

Schönborns Rede

Was Adoray dennoch schon jetzt von der römisch-katholischen Kirche abhebt, ist, dass «fehlerhafte» Menschen überall und immer willkommen sind. Unter Fehlerhaftigkeit versteht man beispielsweise Sex vor der Ehe oder Homosexualität.

 

So haben die Veranstalter des diesjährigen Adoray-Festivals in Christoph Schönborn den perfekten Kandidat für die Kanzel  gefunden: der 70-jährige Erzbischof von Wien ist ein Kardinal ganz im Sinne von Franziskus. Vordergründig fährt er eine liberale Schiene (ja zu Empfängnisverhütung, offen für Dialog mit anderen Glauben, etc.), hintergründig würde er jedoch auf ebendieser Schiene das Papstmobil gegen die Wand fahren (Stillschweigen zu Missbrauchsskandalen, Stillschweigen zu Vatileaks, etc.). Diese Zerrissenheit und Unschlüssigkeit widerspiegelt sich, zumindest gegen aussen, auch in den derzeitigen Adoray-Wertvorstellungen.

 

Adorays Jugend

Die junge Adoray-Community wird sich in den nächsten Jahren bestimmt noch formen, entwickeln, spezifizieren und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch ausdehnen. Die Frage ist, ob sie im Laufe dieses Prozesses noch offener wird oder sich unter der Führung der Schweizer Bischofskonferenz noch strenger auf den Hauptgehalt der katholischen Kirche stütz.

 

Und wie synchron sie den Kurs mit Rom fahren wird. Und wie gewissenhaft sich das jugendliche Publikum überhaupt an den gepredigten Grundsätzen orientiert, oder ob es für die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur eine «neo-traditionellere» Form eines Jugendtreffs ist. Die Entwicklung der Religiosität in der Schweiz deutet darauf hin, dass es eher Letzteres ist.

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf sandrobucher.com