Motorradslalom– Erlebnisse aus Bali

Der kaum geregelte Linksverkehr Balis macht sofort hellwach. Die Motorräder fahren zu viert nebeneinander auf der gleichen Spur. An der Kreuzung kommt der Verkehr zum erliegen. Die Autos sind ineinander verkeilt und stecken fest. Mit dem Motorrad kann ich mich in fünf Minuten durchschlängeln. Wieder in Fahrt, schert ein Lastwagen von rechts auf meine Spur ein, um zu überholen. Geschickt weichen die Motorräder in Richtung Strassenrand aus. Sobald der Lastwagen überholt hat, nutze auch ich mit meinem Roller die Gegenspur, um schneller voran zu kommen.

Auf Bali wird gefahren wie das eigene Verantwortungsgefühl erlaubt. Einzig die Helmpflicht wird von der Polizei regelmässig durchgesetzt. Einige haben ihren Fahrstill zu etwas erhoben, was ich eine Kunstform nennen will: Mit ihren Motorrädern nutzen sie in hohem Tempo den Mittelstreifen als kleine Überholspur. Das sieht aus wie eine Art Slalom. Von der Schwerkraft des umliegenden Verkehrs scheinbar befreit, liegen sie in die persönlich gewählten Kurven und fahren mal links, mal rechts an allen Verkehrsmitteln vorbei. Für das ungeübte Auge nicht selten haarscharf an einem Crash vorbei. Die zum Teil schlechten Strassen und der chaotische Verkehr erhöhen das Unfallrisiko stark. In den letzten 7 Monaten wurde ich Zeuge von zehn Motorradunfällen. Zum Glück wurde niemand schwer verletzt. Um 10 Uhr komme ich bei der Polizei an, ich will meinen Führerschein erneuern lassen.

Ein alltäglicher Dienstag

Noch immer hängen die kunstvoll gefertigten Dekorationen von der letzten Zeremonie an unseren vier Haustempeln. Zusammen mit der 12-jährigen Schwester meines Gärtners, Kadek Manis, entferne ich diese farbigen Schirme und die mit Spiegeln und farbigem Glas besetzten Stoffe. Ich verstaue sie in unserem Abstellraum.

Ansonsten immer für einen Spass zu haben, wird Kadek Manis sehr ernsthaft, wenn es um ihre Religion geht und erledigt diese Arbeit mit feierlicher Würde.

Auf dem Markt im nahegelegenen Singaraja wird fast alles verkauft was im Alltag gebraucht wird: Messer, Putzmittel, Schreibwaren und natürlich alle Arten von Nahrungsmitteln. Das geordnete Chaos lädt zum Stöbern und Verweilen ein. Es gibt exotische Früchte, die ich auch in den grössten Supermärkten der Schweiz noch nie gesehen habe. Die Serikaya ist eine stachlige grüne Frucht mit süss-saurem, weissem Fruchtfleisch. Diese wird gerne für köstliche Fruchtsäfte verwendet. Utensilien für religiöse Zwecke sind ganze Läden gewidmet. Manchmal unterbreche ich den Einkauf zu einem kleinen Schwatz mit den Verkäufern und rede über freundliche Belanglosigkeiten. Für 160 000 Rupiah, umgerechnet etwa 12 Franken, fülle ich zwei grosse Säcke mit Nahrungsmitteln.

Am Abend hüte ich die Kinder meines Stiefvaters. Wir fangen Fische und setzen sie wieder aus, kochen und essen zusammen. Zum Schluss will der Älteste, neun Jahre alt, noch eine Geschichte über Schweizer Vampire hören. Er will wissen, ob es in der Schweiz nur weisse Vampire oder auch braun- oder schwarzhäutige gibt. Auch, ob ich schon einen umgebracht habe, interessiert ihn brennend. Mit einem Hauch von Gefahr in der Stimme erkläre ich ihm: Mit 18 Jahren müsse jeder Schweizer Mann einen Vampir umbringen, um seine Männlichkeit zu beweisen.

Kaspar Anderegg

«Persönlichen Verzicht anstreben»

“Wie können wir die Distanz zwischen der persönlichen Betroffenheit und den globalen, grossräumigen Flüchtlingsdramen verringern?” steht auf dem Veranstaltungsflyer der Hochschulseelsorge Luzern. Stellvertretend für die globalen Player sowie für individuelle Ansichten wurden Werner Riedweg, Dozent für Soziale Arbeit an der Hochschule Luzern, Ruedi Fahrni, Asylkoordinator des Kantons Luzern und Beatrice Panaro, Mitglied des Scalabrini-Säkularinstitutes zum Podiumsgespräch geladen. Nicola Neider, Präsidentin vom Trägerverein Sans-Papier, durfte sich kaum an der Diskussion beteiligen, da sie ebendiese moderierte.

Vorzeigeflüchtling als Ehrengast

Nach 40 Minuten durfte sich auch der “Ehrengast” zu den Diskussionsteilnehmern gesellen und über seine Erfahrungen als mittlerweile anerkannter Flüchtling und Dolmetscher bei Caritas berichten. “Sie brauchen Zeit!” gibt er als Antwort auf die Frage, was für die Integration von Bedeutung sei und fügt in solidem Deutsch hinzu, dass bei ihm die Integration noch nicht vollständig gelungen sei. Er sei aber auf dem Wege dorthin und habe viele Freunde, die ihn dabei unterstützten.

Der vielleicht grösste Migrationskritiker im Raum war Ruedi Fahrni vom Kanton. Wobei von Kritik kaum die Rede sein kann. Fahrni sei für die Bewirtschaftung der Flüchtlinge verantwortlich. Rein praktisch könne die Schweiz noch viel mehr als die derzeit im Kanton Luzern 1500 untergebrachten Menschen aufnehmen. “Die viel grössere Herausforderung ist die Integration”, sagt er.

Staat oder Zivilgesellschaft?

Das Gespräch drehte sich eine Weile um den verlorenen Leistungsauftrag der Caritas im Kanton Luzern und um den Diskurs darüber, wer die Verantwortung tragen soll. Bisher hat sich die Caritas um die Betreuung von Asylsuchenden in Luzern gekümmert. Nun ist der Auftrag an den Kanton übergegangen. Der Kanton gehe durch die Kündigung des Leistungsvertrages mit der Caritas Risiken ein. Durch den Wegfall des Caritas-Netzwerkes würden unabsehbare Kosten für den Kanton entstehen, meinte Werner Riedweg.

Insgesamt drehte sich das Gespräch darum, wer in welchem Ausmass helfen soll oder darf. Politik oder freiwillige Helfer? Oder gar beide? Die Eingangsfrage scheint aus dem Fokus geraten zu sein. Oft hätten wir ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Flüchtlingsdramen, die uns täglich erreichen und suchten diese Distanz zu verringern – aber wie? An diesem Abend wurde weder über Ideale noch über Einstellungen zur Flüchtlingsthematik gesprochen. Es herrschte Einigkeit im Saal, die sich durch einen genervten Laut im Raum zeigte, als das Wort “Integration” aus Sicht der Kritiker beleuchtet wurde. Integration – ein Wort, das im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik Verwirrung stiftet. Denn die Politik und die helfende Zivilgesellschaft scheinen sich darüber uneinig zu sein, inwiefern Integration überhaupt sinnvoll ist, wenn die Betroffenen nach Kriegsende in ihr Heimatland zurückkehren sollen.

Saal voller “Gutmenschen”

Es waren sich alle einig, dass geholfen werden muss, nur nicht darüber, ob Staat oder Zivilgesellschaft das übernehmen sollen. Fest stand, dass nur wenige der Anwesenden das Zepter allein der Politik in die Hand geben wollen. Diese Menschen wollen helfen. Sie wollen das Gefühl der Ohnmacht verringern. “Von der Ohnmacht zum Engagement”, sagte Beatrice Panaro in ihrem Schlussstatement.

Ruedi Fahrni sieht die Lage pragmatischer: “Technisch ist es möglich, dass wir 100’000 Flüchtlinge unterbringen können. Aber wie geht’s dann weiter mit der Integration?” Es müsse gelingen, dass die Bevölkerung zur Integration beiträgt und vielleicht auch “persönlichen Verzicht anstrebt.” Schade nur, dass dieses Statement in der lauen Debatte um die Frage, wer helfen soll, untergegangen ist. Obwohl weder Ursachen noch klare Lösungen für die dramatischen Ereignisse angesprochen wurden, ist den Menschen in Luzern dennoch etwas gelungen. Sie sind der eigenen Ohnmacht begegnet. Gemeinsam.

Kartografie der Jugend

Die Tagung, die der Studie “Ma Suisse et Moi” (“Ich und meine Schweiz”) gewidmet war, fand im zweiten Stockwerk der Fabrikhalle in Bern statt. Die 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer trafen sich in einem geräumigen und hellen Saal, um über die Ergebnisse der Studie zu diskutieren.

 Auf dem Programm standen Gruppengespräche, Redebeiträge von Politikern (Pierre Maudet, Alain Berset), die Analyse der Umfrageergebnisse, und es wurde ein Ausblick in die Zukunft gewagt. Danach betraten drei Forscherinnen das Podium, um die wichtigsten Lehren aus der Befragung zu ziehen.

Sind Jugendliche angepasst?

Unterstützt durch zahlreiche Grafiken ziehen Michelle Beyeler (Berner Fachhochschule), Sarah Bütikofer (Universität Zürich) und Isabelle Stadelmann-Steffen (Universität Bern) eine einfache Bilanz: Die befragten Jugendlichen heben sich bezüglich ihrer Meinung nicht wesentlich von den Erwachsenen ab. Sie sind zwar fortschrittlicher, was familiäre Fragen angeht, aber sie geben ziemlich genau die Links-Rechts-Diskrepanz wieder, und ihre Einstellung gegenüber Migration ist ziemlich ähnlich verglichen mit den Haltungen, die unter den älteren Bevölkerungsschichten beobachtet werden können.

Porträt einer Generation

Die Forscherinnen begannen ihren Redebeitrag damit, dass sie einige hervorstechende Ergebnisse der Studie betonten. Zuallererst – und das verhält sich vielleicht konträr zur eigenen Intuition – bemerkten sie, dass es nur sehr wenige Unterschiede gibt zwischen den Meinungen, die von den 1900 befragten Jugendlichen geäussert wurden, und denen der übrigen Bevölkerung. “Die Überzeugungen der Jugendlichen stimmen mit denen der Erwachsenen überein.”

Eine Bemerkung, welche die Forscherinnen jedoch sehr schnell abschwächten: “Es gibt nicht die eine Jugend, in der Gesamtheit der Gesellschaft findet man Gruppen mit sehr unterschiedlichen Empfindungen bei identischen Fragen.” Diese verschiedenen Stufen bei Jugendlichen werden von ähnlichen Faktoren bestimmt wie bei Erwachsenen: “Kulturelle und sprachliche Regionen, Jungen und Mädchen sowie Schweizer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger oder ausländische Einwohnerinnen und Einwohner haben einen unterschiedlichen Blick auf identische Problematiken.”

Nationalität, Region und Geschlecht

Junge Tessinerinnen und Tessiner beispielsweise unterscheiden sich in mehreren Fragen von der übrigen Bevölkerung. So denken knapp 45% von ihnen, dass Ausländer eine Bedrohung für die Arbeitsplätze von Schweizern darstellen – ein sehr hoher Anteil im Vergleich zum nationalen Durchschnitt. Entsprechend ist die grösste Sorge im italienisch-sprachigen Kanton die Arbeitslosigkeit (39%).

Eine Problematik, die lediglich 10% aller Befragten beunruhigt, gleichauf mit dem Thema Einwanderung zum Beispiel. Ein weiterer Unterschied zwischen sprachlichen Regionen: Die Mehrheit der Jugendlichen aus romanischen Sprachregionen ist der Ansicht, dass die Stimmabgabe für Bürgerinnen und Bürger obligatorisch sein sollte, für die Jugendlichen aus der Deutschschweiz hingegen soll das Einwerfen eines Stimmzettels in die Wahlurne “eine freiwillige Handlung” bleiben.

Die Empfindung zum Thema Einwanderung variiert nicht nur je nach sprachlicher Region, sondern auch nach Nationalität. So ist jeder zweite Besitzer eines Schweizer Passes der Meinung, dass Ausländer die gleichen Chancen haben sollen wie die Schweizer Staatsbürger. Dieser Anteil beläuft sich bei Personen mit zwei Staatsangehörigkeiten auf 70 %, während er bei ausländischen Staatsangehörigen bei 90 % liegt.

Schliesslich hat auch das Geschlecht einen entscheidenden Einfluss auf mehrere Themen, insbesondere, was die Familie angeht. Obwohl die Jugendlichen insgesamt für ein sogenanntes “egalitäres” Familienmodell sind, variiert der Begriff der Egalität stark – je nachdem, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. 40% von Letzteren sind der Meinung, dass beide Elternteile in Teilzeit arbeiten sollten, während 40% dafür sind, dass der Vater in Vollzeit und die Mutter in Teilzeit arbeitet; dieser Anteil beträgt bei den befragten Jungen nur 30%. Noch auffälliger: Mehr als 35% der befragten jungen Männer möchten, dass einzig der Mann arbeitet. Ein weiterer hervorstechender Fakt ist, dass junge Frauen stark für das Recht auf Adoption für homosexuelle Paare sind (72%), eine Meinung, die von weniger als der Hälfte der Jungen unterstützt wird.

Vereint in der Opposition gegen die EU

Dennoch ist sich diese pluralistische Jugend auch in mehreren Themen einig. Zuallererst ist sie besonders optimistisch, was ihre Zukunft anbelangt. Lediglich einer von zwanzig Jugendlichen sieht die Zukunft negativ, wohingegen 90% der Ansicht sind, sehr gute Ausbildungschancen zu haben. Diese Zahlen stehen den Forscherinnen zufolge in einem starken Gegensatz zu den Zahlen, die man beispielsweise in Frankreich und Deutschland finden kann.

Die befragten Jugendlichen sind ausserdem vereint in ihrer Opposition gegen einen Beitritt der Schweiz zur Europäischen Union jedweder Art (knapp 90%). Eine Statistik, welche die Nähe der Jugend zur übrigen Bevölkerung veranschaulicht. Übrigens betonten die Forscherinnen, dass die jungen Bürgerinnen und Bürger den verfügbaren Daten zufolge ähnlich abstimmten wie die Erwachsenen bei den Eidgenössischen Wahlen 2015.

Übersetzt aus dem Französischen von Alexander Fischer für Tink.ch

Jugendliche über Integration

Wie sehen die heute in der Schweiz lebenden 17-Jährigen ihre Zukunft und die Zukunft der Schweiz? Wie wichtig sind ihnen Ausbildung, Beruf, Freizeit und Familie? Welche Haltung nehmen sie gegenüber der EU und der Einwanderung ein?

Am Dienstag, den 10.November, fand eine Tagung der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) statt. Die EKKJ stellte an diesem Tag die Resultate einer Meinungsumfrage mit 17-Jährigen vor. Die Ergebnisse der Studie sind hier zu finden.

Doch halten die Ergebnisse auch einer Strassenumfrage stand? Tink.ch hat sich auf die Suche nach Antworten begeben.

Schnitt und Ton: Matthias Cotting
Schnitt: Alexandre Babin
Umfrage: Cyrill Pürro, Riccardo Schmidlin, Michael Scheurer, Lukas Blatter, Sofiya Miroshnyk, Anne-Lea Berger

Bild: Anne-Lea Berger
Text: Sofiya Miroshnyk

Armee oder Zivildienst?

Wie sehen die heute in der Schweiz lebenden 17-Jährigen ihre Zukunft und die Zukunft der Schweiz? Wie wichtig sind ihnen Ausbildung, Beruf, Freizeit und Familie? Welche Haltung nehmen sie gegenüber der EU und der Einwanderung ein?

Am Dienstag, den 10.November, fand eine Tagung der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) statt. Die EKKJ stellte an diesem Tag die Resultate einer Meinungsumfrage mit 17-Jährigen vor. Die Ergebnisse der Studie sind hier zu finden.

Doch halten die Ergebnisse auch einer Strassenumfrage stand? Tink.ch hat sich auf die Suche nach Antworten begeben.

Schnitt und Ton: Matthias Cotting
Schnitt: Alexandre Babin
Umfrage: Cyrill Pürro, Riccardo Schmidlin, Michael Scheurer, Lukas Blatter, Sofiya Miroshnyk, Anne-Lea Berger
Bild: Anne-Lea Berger
Text: Sofiya Miroshnyk

Moderne Jugend?

Wie sehen die heute in der Schweiz lebenden 17-Jährigen ihre Zukunft und die Zukunft der Schweiz? Wie wichtig sind ihnen Ausbildung, Beruf, Freizeit und Familie? Welche Haltung nehmen sie gegenüber der EU und der Einwanderung ein?

Am Dienstag, den 10.November, fand eine Tagung der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) statt. Die EKKJ stellte an diesem Tag die Resultate einer Meinungsumfrage mit 17-Jährigen vor. Die Ergebnisse der Studie sind hier zu finden.

Doch halten die Ergebnisse auch einer Strassenumfrage stand? Tink.ch hat sich auf die Suche nach Antworten begeben.

Schnitt und Ton: Matthias Cotting
Schnitt: Alexandre Babin
Umfrage: Cyrill Pürro, Riccardo Schmidlin, Michael Scheurer, Lukas Blatter, Sofiya Miroshnyk, Anne-Lea Berger
Bild: Anne-Lea Berger
Text: Sofiya Miroshnyk

Wünsch dir was!

Wie sehen die heute in der Schweiz lebenden 17-Jährigen ihre Zukunft und die Zukunft der Schweiz? Wie wichtig sind ihnen Ausbildung, Beruf, Freizeit und Familie? Welche Haltung nehmen sie gegenüber der EU und der Einwanderung ein?

Am Dienstag, den 10.November, fand eine Tagung der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) statt. Die EKKJ stellte an diesem Tag die Resultate einer Meinungsumfrage mit 17-Jährigen vor. Die Ergebnisse der Studie sind hier zu finden.

Doch halten die Ergebnisse auch einer Strassenumfrage stand? Tink.ch hat sich auf die Suche nach Antworten begeben.

Schnitt und Ton: Matthias Cotting
Schnitt: Alexandre Babin
Umfrage: Cyrill Pürro, Riccardo Schmidlin, Michael Scheurer, Lukas Blatter, Sofiya Miroshnyk, Anne-Lea Berger

Bild: pixelio.de (Marvin Siefke)
Text: Sofiya Miroshnyk

Zukunft der Politik

Wie sehen die heute in der Schweiz lebenden 17-Jährigen ihre Zukunft und die Zukunft der Schweiz? Wie wichtig sind ihnen Ausbildung, Beruf, Freizeit und Familie? Welche Haltung nehmen sie gegenüber der EU und der Einwanderung ein?

Am Dienstag, den 10.November, fand eine Tagung der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) statt. Die EKKJ stellte an diesem Tag die Resultate einer Meinungsumfrage mit 17-Jährigen vor. Die Ergebnisse der Studie sind hier zu finden.

Doch halten die Ergebnisse auch einer Strassenumfrage stand? Tink.ch hat sich auf die Suche nach Antworten begeben.

Schnitt und Ton: Matthias Cotting
Schnitt: Alexandre Babin
Umfrage: Cyrill Pürro, Riccardo Schmidlin, Michael Scheurer, Lukas Blatter, Sofiya Miroshnyk, Anne-Lea Berger
Bild: Anne-Lea Berger
Text: Sofiya Miroshnyk

Jugendansichten

Die immer multikulturellere Jugend überrascht mit konservativen Ansichten. Jung und Alt waren dabei, um die Resultate der repräsentativen Umfrage “Ich und meine Schweiz” unter 17-jährigen in der Schweiz zu diskutieren und Zukunftspläne zu schmieden, wie die Vorstellungen der jüngeren Generationen berücksichtigt werden können.

Die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) hat zur nationalen Tagung geladen – nicht gerade ein Event, für das Jugendliche von weit her anreisen würden. Oder vielleicht doch? An der Bar mit Kaffee, Orangensaft und Gipfeli sind jedenfalls auch viele jugendliche Gesichter anzutreffen: einige Schüler, die bei der Umfrage mitgemacht haben, Studenten und Lehrlinge aus Münsingen oder Lugano. Sie sind nach Bern gereist, um sich die Ergebnisse der Studie “Ich und meine Schweiz” anzuhören.

Dafür interessieren sich nicht nur Jugendliche, sondern besonders auch Jugendarbeiter, Politiker, Mitarbeiter diverser Fachstellen wie die der Jugendpartizipation, der Suchtprävention oder der Integration. Es ist ein gemischtes Volk, das sich im Konferenzsaal an der Fabrikstrasse in Bern versammelt hat.

Nach der Präsentation der Ergebnisse und einer Fragerunde fast ohne Fragen betreten junge Waadtländerinnen und Waadtländer die Bühne, als Vertreter ihrer kantonalen Jugendkommission. Beeindruckend redegewandt und selbstsicher präsentieren sie ihre persönlichen Ansichten. Der Kommissionspräsident Alexander Omuku sagt, wie überrascht und besorgt er über die ablehnende Haltung der Jugendlichen gegenüber einer Herabsetzung des Stimmrechtsalters sei. Als möglichen Grund sieht er das politische System, das in vielen jugendlichen Augen zu kompliziert und negativ belastet sei.

Für einen stärkeren Einbezug von Jugendlichen in politische Entscheidungsvorgänge plädiert auch Alexandre Legrain: “Wenn unsere Stimmen gehört werden, werden wir eher das Wort ergreifen” (“si notre voix est ecoutée, on a plus de tendence de parler”). Zwei andere Rednerinnen, Sara Pinar und Marta Zaragoza Navarro, wünschen sich die Schule als einen Ort, an dem man auf das Leben vorbereitet wird. Praktische Dinge wie der Umgang mit Geld und Medien, aber auch ein Verständnis für Politik sollen gelehrt werden.

An grossen Tischen, die wie Inseln im Raum der Fabrikhalle in Bern liegen, setzen sich die Teilnehmenden der Tagung nun in kleineren Gruppen zusammen. In deutschen und französischen Diskussionsrunden wird leise getuschelt, argumentiert, einander zugehört. Ausgearbeitet werden sollen konkrete Massnahmen für die Zukunft. Wie kann Integration gefördert werden? Welche Massnahmen muss die Schule ergreifen, um den Anforderungen der Jugendlichen gerecht zu werden? Welche Familienmodelle sollen in Zukunft gefördert und unterstützt werden? Laut der Studie favorisieren immer noch viele junge Männer eine traditionelle Aufteilung, bei der der Mann Vollzeit arbeitet, die Frau höchstens Teilzeit.

In einer Diskussionsrunde, der nur ein Mann beisitzt, wird das lachend mit einem “kommt nicht in Frage” abgelehnt. Das deckt sich auch mit dem Resultat der Studie: Viele junge Frauen lehnen dieses Familienmodell ab.

Obwohl die Gespräche sehr zielgerichtet verlaufen, finden sich unter den konkreten Massnahmenvorschlägen keine revolutionären Ideen. Die Forderung der Möglichkeit, an den Arbeitsplatz neben dem Hund auch das Kind mitzunehmen, ist da noch der gewagteste Vorschlag.

Am frühen Nachmittag wird es ganz leise in der Fabrikhalle. Mit einer kleinen Verspätung trifft Bundesrat und Innenminister Alain Berset ein. Das Publikum lauscht gespannt, Berset geniesst volle Aufmerksamkeit. Wie die Frauen während der Diskussionsrunde, ist auch er etwas besorgt über das Ideal junger Männer einer traditionellen Rollenteilung. Er nennt die heutigen 17-Jährigen eine “paradoxe Generation”: Einerseits seien sie vernetzt, international und informiert wie keine Generation vor ihr.

Andererseits lege sie eine konservative Haltung an den Tag und gewichte den Beruf stärker als das soziale und politische Engagement. Berset betont, wie wichtig es sei, Jugendliche zu informieren und in politische Prozesse einzubeziehen: “Damit sie vermeintlich naive, aber tief schürfende Fragen stellen.” Der Bundesrat hält seine Rede zweisprachig – er wechselt zwischen Deutsch und Französisch. Dabei schafft er es, das Publikum immer wieder zum Lachen zu bringen. Der Bundesrat halte jung, sagt er. “Wenn man sich mit älteren umgibt, fühlt man sich immer jung!”

Nicht nur Alain Berset spricht sowohl Deutsch als auch Französisch. Die ganze Tagung wird zweisprachig gehalten, Deutsche Panels werden auf Französisch simultan übersetzt und umgekehrt. An der nationalen Tagung der EKKJ scheint nicht nur der Röstigraben zu schwinden, auch andere Grenzen scheinen aufgehoben. Die zwischen der Lehrlingstochter aus dem Emmental und dem Geschäftsführer aus Zürich zum Beispiel. Maurus Blumenthal, Geschäftsleiter des Verbands Schweizer Jugendparlamente, bringt es auf den Punkt: “Wenn ich normalerweise so viele verschiedene Leute treffen möchte, muss ich mindestens zehn Termine ansetzen. Hier kommen sowohl fachliche Partner als auch Jugendliche zusammen.”

Es sind wohl nicht nur die Resultate der Studie, die rund 150 Personen aus der ganzen Schweiz angelockt haben. Mindestens ebenso wichtig ist das Programm zwischen dem Programm: Sich vernetzen, austauschen, Kontakte knüpfen. So verwundert es nicht, dass sich die Leute nach der (knapp bemessenen) Pause Zeit lassen, wieder an ihre Plätze zurückzukehren. Die nationale Tagung der EKKJ enthält mehr Programmpunkte, als in diesen Artikel passen würde. Jeder für sich ist interessant – alle zusammen sind wohl dem ein oder anderen Teilnehmenden etwas zu viel.