Gesellschaft | 16.10.2015

Vertrauen in die Medien

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von Alisa Garcia)
«Lügenpresse" ist das Unwort des Jahres 2014. Die Unwort-Jury begründete ihren Entscheid unter anderem damit, dass das Wort die Demokratie gefährde. Doch was hat Pressefreiheit mit Demokratie zu tun? Diese Frage beantwortete Gabriele Krone-Schmalz und warf mit ihren Antworten unausweichlich weitere Fragen auf.
"Es lohnt sich, Gabrielle Krone-Schmalz' Worten Gehör zu schenken. Sie betreibt einen integren Journalismus, ohne den Transparenz (Glasnost) und Demokratie nicht existieren können." Michail Gorbatschows Zitat auf dem Buchcover. (
Bild: Alisa Garcia)

Wie viel Pressefreiheit verträgt die Demokratie? Dürfen Medienschaffende ihr Wissen ohne Rücksicht auf Verluste preisgeben? Müssen sie das sogar?

 

Eines habe die Journalistin und Bestseller-Autorin Prof. Dr. Gabriele Krone-Schmalz im Hinblick auf diese Fragen gelernt. “Wenn du Demokratie ernst nimmst, dann darfst du nicht kneifen”, sagt sie in ihrem Vortrag am 7. Oktober an der Universität Luzern.

 

Lügen Journalisten?

Doch “Was ist die Wahrheit?” fragt die Journalistin und lässt das Publikum zunächst ohne Antwort zurück. Ohne anschliessendes Einordnen der recherchierten Informationen habe das blosse Wahrnehmen keinen eigentlichen Sinn, stellt sie später fest.

 

Unterschiedliche Perspektiven führten zu unterschiedlichen Wahrnehmungen und eine objektive Berichterstattung könne es damit per se nicht geben. Ebenso wenig eine einzige objektive Wahrheit. Denn alles, was Medienschaffende wiedergeben können, geht zunächst durch ein Subjekt hindurch und auch wenn Bilder und Töne oft für sich sprechen, so wählt das Subjekt immer noch aus, was gesendet wird (und was nicht).

 

Wer an die Existenz einer objektiven Wahrheit glaube, entwickle missionarische Ambitionen, diese zu verteidigen, so die Autorin. Dennoch heisst das nicht, dass es Journalisten erlaubt ist, die Realität zu verzerren. Krone-Schmalz kritisiert die (westliche) Berichterstattung im Ukraine-Konflikt und die hiesigen Ansichten über den Osten an sich.

 

Das Feindbild

“Wenn es um Russland geht, dann trieft das Barbarische aus jeder Silbe”, kritisiert Krone-Schmalz die Berichterstattung im Ukraine-Konflikt. Russland ist seit geraumer Zeit als Feind in den Medien erkennbar: “Mit Blick auf Amerika sprechen wir von Patriotismus, mit Blick auf Russland von Nationalismus.”

 

Äusserst besorgt zeigen sich Autorin sowie Publikum über den Umstand, dass sich durch die Medien sehr leicht ein Feindbild schaffen liesse. Eine Dame aus dem Publikum erhält Applaus, als sie ihre Sorge über diese Tatsache äussert.

 

Die Interessen der Politik

Politik handle unter dem Deckmantel ideologischer Interessen. Was oftmals als humanitärer Handlungsgrund verkauft wird, sei im Grunde das Interesse einer Politik, die bestimmte Absichten verfolge. Und die Rolle der Medienschaffenden ist dabei gravierend, denn “Journalisten sind oftmals nur die nützlichen Idioten beim Schaffen eines Feindbildes”, so die langjährige Russland-Korrespondentin.

 

Krone-Schmalz nennt drei Feinde professioneller Berichterstattung. Erstens die gezielte Manipulation, diese finde Annahmen zufolge in 95% der Berichte statt. Vorauseilender Gehorsam, wie die Sorge um den Ruf oder die Angst um den Jobverlust, bildet den zweiten Feind. Nicht zuletzt werde professionelle Berichterstattung durch schlampige Sprache gefährdet. So sei es beispielsweise von bedeutendem Unterschied, EU und Europa voneinander zu unterscheiden.

 

Informations-overkill

“Aktuell ist das, was heute wichtig ist und nicht, was heute passiert”. Mit diesem Zitat spricht die Autorin den Umstand der Informationsflut an. Die Zahl derer, die durch zu viel Information nicht mehr informiert werden, wachse. Um die Information hervorzuheben, müsse oftmals ein Skandal her.

 

Die Lösung?

Die Autorin spricht mit Leidenschaft über ihren Beruf und betont, dass sie nicht nur kritisieren möchte. In Ihrem Buch “Russland verstehen” schreibt sie, dass die doppelten Standards (Gut und Böse) nicht zwangsläufig aus böser Absicht resultierten. Auch räumt sie ein, dass sich die Arbeitsbedingungen für Journalisten dramatisch verändert haben. “Zeitungen sterben, Fachredaktionen werden durch Pools ersetzt, in denen sich die Kollegen heute um eine Theaterpremiere und morgen um die Einordnung deutscher Aussenpolitik kümmern müssen.”

 

Es gebe kein Patentrezept für Journalisten und “es bedarf immer wieder eines Abwägens”, sagt Krone-Schmalz. Dass sich Journalisten von ihren eigenen Sympathien und Antipathien so gut wie eben möglich trennen müssten, gehöre aber zum kleinen Einmaleins der Berufsethik.