Gesellschaft | 21.10.2015

Über die Ehe

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von Yves Haltner)
In unserer Kolumne "er fragt, sie fragt, er fragt..." stellen sich Sofiya und Kaspar wechselseitig Fragen zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben. Im Wochenrhythmus wird der jeweils andere seine geistigen Ergüsse zu dem Thema auf Tink.ch zum Besten geben.
Kaspar fragt Sofiya: Willst du mal heiraten? (
Bild: Yves Haltner)

Kaspar fragt: Willst du mal heiraten?

 

Lieber Kaspar,

 

Im Zuge eines Streits habe ich vor vielen Jahren aus einem Affekt heraus die Fernbedienung nach meinem Bruder geworfen («die« Gewalttat meines Lebens).

 

Einige Jahre zuvor ist der Ärmste aus Versehen auf einen Kaktus gesessen. (Hierfür konnte ich – wirklich – nichts.)

Wenn ich daran denke zu heiraten, so kommt die Vorstellung, auf einem Kaktus zu sitzen, während ein Fernsehkästchen in meine Richtung fliegt, diesem Gedanken ziemlich nahe.

 

«Mein Bruder wird sich um das Heiraten kümmern, ich hab anderes im Kopf.« Diese Antwort mag kaum überraschen, schliesslich ist er die schmerzhaften Erfahrungen gewohnt.

 

Nein, ich will nicht heiraten. Und nein, ich will auch keine Kinder. Und ja, ich weiss, dass du denkst, das würde sich noch ändern, wenn ich älter bin. Und wenn ich dann mal «den Richtigen« finde, dann, ja dann…

 

Ich weiss was jetzt kommt: Ihr schreit lauthals «Emanze«. Doch lasst mich bitte erklären. Denn ich bin weder besonders karrieregeil, noch fähig, eine Lampe an die Wand zu hängen.

 

Früher, als die Ehe der Existenzsicherung diente, war sie zumindest rentabel und konnte rational begründet werden. Wer heute in unseren Breitengraden heiratet, tut dies oft nicht um der Beziehung willen, sondern um allen anderen zu sagen: Wir gehören zusammen. Oder kurz: «Meins!« Doch will ich keinen Menschen auf diese Weise besitzen (müssen).

Meinen Beobachtungen zufolge ist eine Beziehung umso stabiler, je weniger andere von ihr mitkriegen. Sobald eine Freundin mit 87 Paarbildern pro Stunde die Facebook-Wall zumauert, weiss ich: das hält nicht mehr lange.

 

Über all dies bin ich bereit hinwegzusehen, doch auch wenn ich mich einer romantischen Phantasie der Ehe hingebe, wird sich eine Überlegung nicht so schnell ändern.Wenn wir heiraten, binden wir uns für immer an eine Person – so die Theorie. Mein Philosophiedozent mag mich an dieser Stelle erneut als «hyperrational« bezeichnen, doch glaube ich nicht daran, dass uns eine einzige Person alles Glück der Welt bescheren kann – bis das der Tod oder die Scheidung uns erlaubt, das Glück anderswo zu suchen.

 

So beziehungsunfähig wie ich klinge, bin ich (hoffentlich) nicht. Auch ich wünsche mir manchmal eine stabile Partnerschaft. Doch die Ehe will ich aus dem einfachen Grund nicht eingehen, weil ich befürchte, mein Versprechen nicht halten zu können. Vor allem aber, weil ich niemanden dazu zwingen will, mir das gleiche Versprechen geben zu müssen.

 

Was aber, wenn die Person das Versprechen geben will?

 

Ich liebe Lachsnudeln. Doch weigere ich mich, diese Köstlichkeit jeden Tag zu verspeisen. Ich will Penne Arrabiata, Spaghetti Carbonara, Marcarponesauce, Pilzsaucen, Safranrisotto und vieles mehr. Genauso hoffe ich, in meinem Leben viele, möglichst verschiedene Menschen kennenzulernen, von ihnen zu lernen und mir von ebendiesen zwischendurch den Appetit verderben zu lassen.

 

Wenn du mich fragst, ob ich einmal heiraten WILL, so sag ich nein. Fragst du mich aber, ob ich einmal heiraten WERDE, so sag ich: ziemlich sicher werde ich einmal schlau genug sein, auch diesen wunderbaren Fehler zu begehen.

 

Mit grosser Wahrscheinlichkeit werde ich einmal feststellen, dass, egal was ich esse, Essen eben Essen bleibt. Vielleicht finde ich in all den unterschiedlichen Menschen auch einen gemeinsamen Nenner wieder. Möglicherweise werde ich zu einem späteren Zeitpunkt überhaupt dafür dankbar sein, Essen auf dem Teller liegen zu sehen (Wenn ich so weiterheirate, wird mich ja sowieso keiner mehr essen wollen, möge sich hier mancher denken).

 

Jetzt aber geniesse ich mein Wassermelonen-Erdbeer-Sandwich. Luft und Liebe kann warten.

 

Ungebundene Grüsse,

Sofiya

 

PS: Was ist heutzutage noch «alternativ«?