Gesellschaft | 03.10.2015

Lächelnde Idioten

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von Yves Haltner)
Kaspar fragt: Der World Happiness Index hat die Schweiz 2015 zum glücklichsten Land erklärt. Warum ziehen die Leute auf der Strasse und im ÖV trotzdem immer einen "Lätsch"?
Sind Herr und Frau Schweizer glücklich? (
Bild: Yves Haltner)

Lieber Kaspar,

 

Dies ist der zweite Versuch, dir eine Antwort zu schreiben. Der erste beinhaltete die These, dass es uns zu gut gehe und wir uns deshalb von Kleinigkeiten die Laune vermiesen liessen. Ich stehe noch immer zu dieser Meinung, doch möchte ich nun einen anderen Aspekt in den Vordergrund rücken.

 

Ich weiss nicht, wie es dir geht, aber ich finde Menschen, die ständig lächeln, unheimlich. Es ist dieser krankhafte Versuch, ständig glücklich und zufrieden zu wirken, den oft entweder Psychopathen an den Tag legen, oder Menschen, die dann urplötzlich einfach explodieren. Ohne Vorwarnung. Peng!

 

Lieber begebe ich mich ins Gespräch mit einem grimmigen, “Lätsch”- ziehenden Mitmenschen. Dann jammern wir uns gegenseitig voll, und steigen – mit einem Lächeln – aus dem Zug. Dieses Lächeln kommt nicht etwa daher, dass wir Verständnis füreinander aufbringen (zumindest nicht nur), sondern viel eher ist es Ausdruck eines wunderbaren Sarkasmus, denn an diesem Punkt hören wir auf, uns selbst zu wichtig zu nehmen und lächeln wie Idioten vor uns hin.

 

Es ist eine Krankheit unserer Gesellschaft, ständig das Positive in allem sehen zu wollen. Zahlreiche Selbsthilfebücher von Hobbypsychologen wollen uns seit Jahrzehnen weismachen, dass wir einfach nur das Positive sehen und lächeln sollen – in jeder noch so aussichtslosen Situation.

 

Die Frau ist mit dem Bofrost-Mann durchgebrannt? “Egal, ich find eine bessere.” (Nicht mal “vielleicht”.)

 

Socken zu Weihnachten gekriegt? “Ist doch toll.” (No, it sucks.)

 

Krebs im Endstadium? “Ein Wunder kann geschehen!” (Wird es aber nicht.)

 

Der Tagesanzeiger zitiert einen der Forscher der Studie wie folgt: “Layard zufolge ist auch eine in der Kindheit angelegte positive Grundeinstellung für ein glückliches Erwachsenenleben wichtig. `Wir müssen früh im Leben unserer Kinder investieren, sodass aus ihnen unabhängige, produktive und glückliche Erwachsene werden, die sozial und wirtschaftlich ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten.`”

 

Lasst eure Kinder positiv denken, damit sie später fleissige Ameisen werden, der Wirtschaft durch ihre Produktivität dienen und dabei nicht merken, dass sie ausgenutzt werden. Oder viel besser: Sie merken es und sehen das Positive daran.

 

Oder hab ich da was falsch verstanden?

 

Lieber Kaspar, ich möchte dich an der Stelle auffordern, die Frage umzudrehen und dich mit mir zu wundern, ob die Schweizer nicht viel eher die Glücklichsten sind, weil sie eben nicht immer lächeln? Müssen Menschen immer wie Mühleberg strahlen, um als glücklich zu gelten? Warum gelte ich als unglücklich und negativ, wenn ich nicht allen vorbeilaufenden Gestalten in die Fresse grinse? Kennst du das Gefühl, wenn du so richtig miese Laune hast und einer pfeifend und gut gelaunt in deine Richtung kommt? Dachtest du nicht auch schon einmal, dieser Typ solle auf der Stelle im Erdboden verschwinden?

 

Gute Laune ist ansteckend, miese dagegen verbreitet sich im Tempo einer Epidemie. Die Optimisten sind froh, von der Krankheit des Pessimismus verschont zu sein. “Seht her, ich habe keine Vogelgrippe, keine Schweinegrippe und keinen Tropfen Pessimismus im Blut”, denken sie sich. Klar, es gibt Optimisten, die die Situation durchaus realistisch einschätzen können und dann gibt es andere, die an den Weihnachtsmann und andere Phantasiefreunde glauben.

 

Meine Lehrpersonen sagten immer, ich kann werden was ich will. Doch je älter man wird, umso mehr begreift man, dass das gequirlte Scheisse ist, denn sie haben mir etwas dabei verschwiegen. Sogar wenn du auf der Pole-Position geboren bist und einen riesigen Vorsprung in dieser Welt hast, nämlich den in der Schweiz zu leben, kannst du zwar tun was du willst, doch kannst du nicht wollen was du willst, das hat schon Schopenhauer gesagt. Vielleicht lächeln die Schweizer deshalb so wenig, weil sie das begriffen haben.

 

Und vielleicht reichen ein hohes Einkommen, eine lange Lebenserwartung, ein soziales Netzwerk und gefühlte Freiheit nicht aus, um zu lächeln, wenn dir die heisse Starbucksbrühe auf die teure weisse Bluse spritzt, weil die neuen Schuhe zu rutschig sind und du auf dem Teppich der ersten Klasse wie die Bowlingkugel, die deine teuren Freunde dir geschenkt haben, dahinschwebst.

 

Vielleicht ist in diesem Moment alles scheisse. Trotzdem wird dir die Umfrage bestätigen, dass du glücklich und zufrieden bist. Vor allem, weil du den direkten Vergleich mit dem Rest der Welt hast. Vielleicht besteht unser Glück darin, dass es uns einfach nur besser geht als den anderen.

 

Hielte ich was von Menschen, so würde ich behaupten, dass sie zu Mitleid fähig sind, und deshalb des Öfteren einen “Lätsch” ziehen, da sie wissen, dass es dem Grossteil der Erdbewohner eben nicht so geht. “Wenn mich ein verschütteter Kaffee so verstimmen kann, wie muss es den hungernden, durstigen, vom Krieg geplagten, kurz: den wirklich und tatsächlich leidenden Menschen ergehen?” fragen sich Herr und Frau Schweizer in diesem Augenblick.

 

(Nein, tun sie nicht.)

 

Grimmige Grüsse,

 

Sofiya

 

 

PS: Meine Frage für nächste Woche: Warum glauben intelligente Menschen an komische Dinge?