Kultur | 10.10.2015

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Text von Anne-Lea Berger | Bilder von zvg.)
Eileen Hofer, eine Schweizer Filmemacherin und Journalistin aus Genf, nimmt am internationalen Wettbewerb des Kurzfilmfestivals shnit teil. Ihr Beitrag ist aktueller denn je.
Beide sind Weitgereiste: Eileen Hofer traf Berivan in einem bulgarischen Flüchtlingszentrum. (
Bild: zvg.)

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

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Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.