Kultur | 29.10.2015

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Text von Anne-Lea Berger | Bilder von Tobias Häberli
Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: «Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen ...
Vier Freundinnen, vier Musikerinnen: Jua*
Bild: Tobias Häberli

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: „Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…“ Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: „Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.“

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession „play yourself“, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: „Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne“. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? „Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!«, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. „Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.“, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: „Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.“

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

„Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: «oh shit« irgendwas ist wohl nicht in Ordnung“, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

„Heute war gut“ sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: „Wir haben Tabletten…Baldrian etwa“ Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.