Gesellschaft | 26.10.2015

„Der Bart muss weg, Lucas!“ – Teil 1

Während eines Zeitraums von zwei Wochen habe ich mich mit mehreren unkonventionellen Arten des Reisens auseinandergesetzt. Ich auf bin auf gutem Wege, den Massentouristen in mir vollends loszuwerden. Dieser Wandel ist jedoch alles andere als leicht.
Der Autor Lucas Ackermann auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit. (
Bild: Ania. Der Name ist der Redaktion bekannt.)

Meine Matura habe ich im Sack und die Rekrutenschule ist auf März verschoben worden. Das heisst für mich konkret: viel frei verfügbare Zeit. Zeit um Neues auszuprobieren, wie zum Beispiel die Reise-Community couchsurfing.

 

Dabei handelt es sich um eine Webseite, auf welcher sich Reisende gegenseitig ihr Sofa kostenlos zur Verfügung stellen. Das Surfen auf der Couch eines Fremden sollte aber auf keinen Fall als budgetschonender Hotelersatz angesehen werden. Bei couchsurfing geht es um kulturellen Austausch. Man trifft fremde Leute und Kulturen, tauscht Erfahrungen aus, kocht miteinander und erzählt von sich und seinem Heimatland.

 

Die Vorbereitung

Voller Erwartungen stürze ich mich in die zahlreichen Foren auf der entsprechenden website und suche nach Reisepartnern und Trip-Ideen. Alles was ich angebe, ist der Zeitraum, in dem ich frei bin. Schnell erhalte ich diverse Einladungen. Der Vorschlag von Ania (24) aus Polen gefällt mir besonders gut.

 

Sie schlägt vor, von Warschau aus quer durchs Baltikum nach Tallinn zu trampen. Ich stimme zu, kaufe meine Flugtickets, für deren teuren Preis mich Ania später noch auslachen wird, und mache mich vierzehn Tage später auf nach Warschau. Es beginnt die Reise mit einer Person, von der ich gerade mal weiss, dass sie nicht denselben Musikgeschmack hat wie ich.

 

Erlebnis Couchsurfing

Soviel vorne weg: Ich hatte die Möglichkeit, viele verschiedene Leute zu treffen und mir interessante Geschichten und Ansichten anzuhören. Doch im Grunde genommen sind die meisten Couchsurfer gleich. Begriffe wie: open-minded, easy-going, cultural und Ähnliches finden sich in jedem Profil. Klar, denn Leute, die bereit sind, einen grossen Teil ihres Privatlebens mit Fremden zu teilen, haben viele gemeinsame Charaktereigenschaften.

 

Die Profile sind meist sehr ausführlich und persönlich. Deshalb mögen es viele Gastgeber, wenn man sich in einer Anfrage auf ihr Profil bezieht. Dabei gilt: je grösser und touristischer die Zielstadt, desto personalisierter sollte eine Anfrage sein. Hosts, welche in Grossstädten wohnen, bekommen täglich duzende Anfragen und sind schnell gelangweilt.

 

Entgegen dieser Theorie gingen Ania und ich eher spontaner vor. In einer neuen Stadt angekommen, suchten wir den nächsten McDonalds, um dort das WLAN zu nutzen. Von dort aus verschickten wir meistens an die zwanzig Anfragen, in welchen wir lediglich unsere Situation beschrieben. Wir hatten extrem Glück, denn normalerweise sollte man ein bis zwei Wochen im Voraus eine Anfrage an potentielle Gastgeber verschicken.

 

Individuelle Erfahrungen

Wie sehen sie nun also aus, diese Hosts? – Komisch! Das wäre meine Antwort, wenn ich mich lediglich auf meine erste Erfahrung beziehen würde. In BiaŠ‚ystok, Polen, übernachteten Ania und ich bei einem jungen Freigeist namens Marcel, seines Zeichens leidenschaftlicher Seifenblasen-Künstler. Seine Wohnung: einzigartig.

 

Die Küche, welche Marcel liebevoll „Labor“ nannte, war vollgestopft mit Abwaschmittel. Dieses brauchte er für seine Seifenblasen. Die Ironie am Ganzen? Inmitten all dieser Spülmittelflaschen stapelte sich schmutziges Geschirr zu einem riesigen Berg. Hinzu kamen noch das Zelt in Marcels Zimmer und die Dusche, welche sich nur unter Zuhilfenahme einer Zange benutzen liess.

 

Grenzen überschreiten

In dieser ersten Nacht gestand mir die versierte Couchsurferin Ania, dass sie weit aus ihrer Komfortzone rausgehen musste. Ich fand es eigentlich noch ganz lustig, doch auch ich kam in diesen zwei Wochen an meine Grenzen. Die danach folgenden Couchsurfer waren vergleichsweise harmlos. Die (über-)spontane Wahl einer völlig fremden Reisebegleiterin würde ich aber noch bereuen.

 


 

Der zweite Teil dieses Erlebnisberichts erscheint in Kürze auf Tink.ch