Kultur | 24.10.2015

“Chillen mit Marx”

Text von Tobias Häberli | Bilder von Anne-Lea Berger
Der wohl umstrittenste Fleck in Bern: Die Reitschule. Dieses Wochenende lädt sie zum grossen Fest. Tink.ch berichtet direkt von dem Ort in der Hauptstadt, der die Berner Politik polarisiert wie kein anderer. Ein Rundgang durch die Räumlichkeiten macht den Auftakt der Serie.
  • Lebensqualität wegen Überbevölkerung? Auf dem Vorplatz der Reitschule dürfte das zutreffen.

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  • Grosse Produktionen in der Grossen Halle für grosse Gäste: Schon Bundesräte waren hier zu Besuch.

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  • Noch ist der Innenhof am Freitagabend leer. Die Besucher tummeln sich noch auf dem Vorplatz.

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  • Ein Stern für Marx im Dojo.

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  • Der Frauenraum widmet sich dem Kampf gegen bestehende Machtverhältnisse in der zweipoligen Geschlechterwelt.

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  • Die Bibliothek à la Reitschule: Der Infoladen versorgt Wissensbegierige mit einschlägiger Literatur.

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  • Zwei ungleiche Gaststätten: Der Kursaal im Hintergrund und die Reitschule.

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  • Hinter den Mauern im Innenhof befindet sich auch ein Kino.

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  • Lebensqualität wegen Überbevölkerung? Auf dem Vorplatz der Reitschule dürfte das zutreffen.

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  • Wenn die Stadt schläft, erwacht die Reitschule zum Leben.

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Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.