Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

Zwei aus dem hohen Norden

Vök und Emilie Nicolas stammen beide aus dem Norden. Damit scheinen die Gemeinsamkeiten bereits ein Ende zu haben, denn zahlreiche Bands stammen von “da oben” und klingen dennoch vollständig unterschiedlich. Den nordischen Sound soll es geben, nur herrscht kaum Einigkeit darüber, was das genau sein soll.

Vök ist ein Trio aus Island um die Leadsängerin Margrét Rán und macht ruhigen, intensiven Pop in Richtung Trip Hop, ganz kühl, ganz cool und gleichzeitig total toll. Als Retro-Element bringt die Band ein Saxophon für Klänge, wo andere auf digitale Geräte vertrauen. Gegründet hat sich die Band angeblich für einen Musikwettbewerb, für den sie innert kürzester Zeit Musik schreiben mussten.

Emilie Nicolas stammt aus Norwegen und macht ebenso Pop, etwas verruchter vielleicht und gleichzeitig viel cleaner. In ihrer Heimat ist sie bereits ein grosser Star. Das mag auch daran liegen, dass sie neben ihrem ganz eigenen Stil bei gewissen Songs etwas gar stark nach Sia klingt, die hierzulande ja ebenso bereits ein grosser Star ist. Damit bringt sie etwas mehr Massentauglichkeit mit, als die ersten Töne vermuten lassen.

Die Isländer präsentierten ihren Sound in Hamburg an drei Konzerten jeweils in kleinen Clubs und verdienten sich so über die Tage eine grosse Schar von Fans. Die sehr lange Schlange an ihrem letzten Konzert zeigte dies ganz deutlich. Nicolas hingegen spielte im eher perfekten Rahmen des Electronic Beats. Ihr Auftritt folgt so dem Interview mit New Order, der Band, die an jenem Abend das erste Album nach zehn Jahren präsentierte.

Während Vök nunmehr zwei EPs in diesem Jahr veröffentlicht haben, hat die Norwegerin bereits ein vollständiges Album “Like I’m a Warrior” herausgebracht. Vök sind im Februar 2016 für verschiedene Konzerte in der Schweiz, bei Emilie Nicolas sind momentan keine hiesigen Auftritte angekündigt.

Weitere Informationen

www.vok.is

www.emilienicolas.com

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Reithalle, schön gibt es euch!”

Sanft, schon fast verschlafen, verträumt verloren, langsam an Fahrt gewinnend, sich selbst überbietend, das Tempo steigernd. Dann, ein lässig lockerer Drop. Das Tempo pendelt sich ein. Eine Leichtigkeit erfüllt die Bühne. Eine hohe Stimme begleitet die ruhige Aufregung. Definitiv elektronisch, weich, soulig. So klingt der Berner Durchstarter Pablo Nouvelle. Den Durchbruch in England hat er jedenfalls geschafft. “The Guardian” hat Pablo Nouvelle zur “band of the day” gewählt. Nun stellt er sein Können erneut zuhause in Bern unter Beweis.

Die Menschen im Publikum verschieben das Gleichgewicht von links nach rechts und zurück. Die Menge im Dachstock Bern scheint hypnotisiert von dem Mann zu sein, auf dessen Stirn winzige Schweissperlen im Scheinwerferlicht glänzen.

Eine Pause zwischen den Liedern. “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne”, sagt Pablo zur Menge, bevor es ans nächste Stück geht.

Von den Drums zum Leben erweckt, scheinen die Lieder eine Eigendynamik zu entwickeln. “You don’t understand how much I love you babe” (Du verstehst nicht wie sehr ich dich liebe, Baby) klingt es aus dem Lautsprecher. Ruhige Gitarrentöne begleiten den unaufgeregten Beat. Auch wenn der Text emotional und traurig ist, stellt sich beim Zuhören nicht Melancholie, sondern viel eher eine Leichtigkeit des Seins, ein Verständnis für die Situation ein. Gerade als das Gefühl aufkommt, dass es sich zu dieser Musik nicht ausrasten lässt, dreht das Publikum – getragen von aufgewühlten Drums – durch.

Zum Schluss macht Pablo etwas, das er noch nie getan hat – ein Selfie mit dem Publikum.

Schon bald gibt es wieder Neues von Pablo zu hören: sein neues Album erscheint im Januar.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

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Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Der Bart muss weg, Lucas!” – Teil 1

Meine Matura habe ich im Sack und die Rekrutenschule ist auf März verschoben worden. Das heisst für mich konkret: viel frei verfügbare Zeit. Zeit um Neues auszuprobieren, wie zum Beispiel die Reise-Community couchsurfing.

 

Dabei handelt es sich um eine Webseite, auf welcher sich Reisende gegenseitig ihr Sofa kostenlos zur Verfügung stellen. Das Surfen auf der Couch eines Fremden sollte aber auf keinen Fall als budgetschonender Hotelersatz angesehen werden. Bei couchsurfing geht es um kulturellen Austausch. Man trifft fremde Leute und Kulturen, tauscht Erfahrungen aus, kocht miteinander und erzählt von sich und seinem Heimatland.

 

Die Vorbereitung

Voller Erwartungen stürze ich mich in die zahlreichen Foren auf der entsprechenden website und suche nach Reisepartnern und Trip-Ideen. Alles was ich angebe, ist der Zeitraum, in dem ich frei bin. Schnell erhalte ich diverse Einladungen. Der Vorschlag von Ania (24) aus Polen gefällt mir besonders gut.

 

Sie schlägt vor, von Warschau aus quer durchs Baltikum nach Tallinn zu trampen. Ich stimme zu, kaufe meine Flugtickets, für deren teuren Preis mich Ania später noch auslachen wird, und mache mich vierzehn Tage später auf nach Warschau. Es beginnt die Reise mit einer Person, von der ich gerade mal weiss, dass sie nicht denselben Musikgeschmack hat wie ich.

 

Erlebnis Couchsurfing

Soviel vorne weg: Ich hatte die Möglichkeit, viele verschiedene Leute zu treffen und mir interessante Geschichten und Ansichten anzuhören. Doch im Grunde genommen sind die meisten Couchsurfer gleich. Begriffe wie: open-minded, easy-going, cultural und Ähnliches finden sich in jedem Profil. Klar, denn Leute, die bereit sind, einen grossen Teil ihres Privatlebens mit Fremden zu teilen, haben viele gemeinsame Charaktereigenschaften.

 

Die Profile sind meist sehr ausführlich und persönlich. Deshalb mögen es viele Gastgeber, wenn man sich in einer Anfrage auf ihr Profil bezieht. Dabei gilt: je grösser und touristischer die Zielstadt, desto personalisierter sollte eine Anfrage sein. Hosts, welche in Grossstädten wohnen, bekommen täglich duzende Anfragen und sind schnell gelangweilt.

 

Entgegen dieser Theorie gingen Ania und ich eher spontaner vor. In einer neuen Stadt angekommen, suchten wir den nächsten McDonalds, um dort das WLAN zu nutzen. Von dort aus verschickten wir meistens an die zwanzig Anfragen, in welchen wir lediglich unsere Situation beschrieben. Wir hatten extrem Glück, denn normalerweise sollte man ein bis zwei Wochen im Voraus eine Anfrage an potentielle Gastgeber verschicken.

 

Individuelle Erfahrungen

Wie sehen sie nun also aus, diese Hosts? – Komisch! Das wäre meine Antwort, wenn ich mich lediglich auf meine erste Erfahrung beziehen würde. In BiaŠ‚ystok, Polen, übernachteten Ania und ich bei einem jungen Freigeist namens Marcel, seines Zeichens leidenschaftlicher Seifenblasen-Künstler. Seine Wohnung: einzigartig.

 

Die Küche, welche Marcel liebevoll “Labor” nannte, war vollgestopft mit Abwaschmittel. Dieses brauchte er für seine Seifenblasen. Die Ironie am Ganzen? Inmitten all dieser Spülmittelflaschen stapelte sich schmutziges Geschirr zu einem riesigen Berg. Hinzu kamen noch das Zelt in Marcels Zimmer und die Dusche, welche sich nur unter Zuhilfenahme einer Zange benutzen liess.

 

Grenzen überschreiten

In dieser ersten Nacht gestand mir die versierte Couchsurferin Ania, dass sie weit aus ihrer Komfortzone rausgehen musste. Ich fand es eigentlich noch ganz lustig, doch auch ich kam in diesen zwei Wochen an meine Grenzen. Die danach folgenden Couchsurfer waren vergleichsweise harmlos. Die (über-)spontane Wahl einer völlig fremden Reisebegleiterin würde ich aber noch bereuen.

 


 

Der zweite Teil dieses Erlebnisberichts erscheint in Kürze auf Tink.ch

 

 

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.