Kultur | 22.09.2015

Vom Spiel mit dem Schatten und dem schweren Gang des Riesen

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von Sabina Galeazzi)
Das FigurenTheaterFestival Basel bestritt letzte Woche unter einem neuen Leitungsteam und mit einem aufgefrischten Konzept seine achte Ausgabe. Das diesjährige Programm bot insbesondere spartenübergreifenden Projekten eine Plattform.
Die mit Alltagsgegenständen und Museumsexponaten bestückten Mobiles der RaumZeitPiraten projizierten Schattenbilder aus der Welt der Alchemie. Die acht Meter grosse Marionette des Kollektivs L'Homme debout unternahm am Mittwoch eine spektakuläre Reise rund um den Münsterplatz. Mit den selbstkonstruierten "LichtAngeln" der RaumZeitPiraten wurden im Rahmen des Workshops am Samstag die Fassaden auf dem Münsterplatz mit Licht-Graffiti versehen. (
Bild: Sabina Galeazzi)

Auf Marionetten-, Objekt- und Figurenspiel ausgerichtete Darbietungen führen zu Unrecht noch ein gewisses Schattendasein auf Kleinkunstbühnen. Ziel der neuen künstlerischen Festivalleitung um Kathrin Doppler und Marius Kob ist genau diese Befreiung des Figurentheaters aus ihrer Nischenposition. Das aktuelle Festivalprogramm soll, so liess der freischaffende Figurenspieler Marius Kob auf der Pressekonferenz verlauten, die Vielfältigkeit der Disziplin aufzeigen und ein möglichst breit gefächertes Publikum ansprechen.

 

Entsprechend bildete die Synthese von Theater und installativer Arbeit einen der vier thematischen Schwerpunkte des diesjährigen Festivals. In diese Kategorie fielen insbesondere die raumspezifische Installation „SchattenSpielAutomaten – Die Erzählung eines unbekannten Alchemisten“ des deutschen Kollektivs RaumZeitPiraten im Museum der Kulturen und die effektgeladene Darbietung „Vénus“ der französischen Gruppe l’Homme debout, welche auch den Auftakt des achten FigurenTheaterFestival bildete.

 

Wo Schattentheater auf Club-Atmosphäre trifft

Bedeutungsverschiebung und Transformation sind zentrale Elemente des Figurentheaters und tatsächlich zeigte sich der Hedi Keller Saal im Museum der Kulturen nach den Eingriffen der auf kinetische Lichtinstallationen spezialisierten RaumZeitPiraten in völlig neuem Gewand. Der schummrig beleuchtete Raum mit den stroboskopartig flirrenden Lichtquellen, welche in rasender Folge Schattenfiguren an die nackten Wände projizieren, weckte nun eher Erinnerungen an einen avantgardistischen Club als an einen Tagungsraum.

 

Von der Decke baumelten vier in ausgeklügelter Weise aus Laborstativmaterial zusammengeschraubte Mobiles, welche mit einem kunterbunten Sammelsurium aus ethnographischen Exponaten des Museums und Alltagsgegenständen behangen waren. Gezielt wurden die Objekte von Spotlichtern beleuchtet und ihre Umrisse wie beim Schattentheater an die Wände geworfen.

 

Von Metamorphosen und Zellteilungen

Wie der Titel „Die Erzählung eines unbekannten Alchemisten“ schon andeutet, behandelte die installative Ausstellung zentrale Aspekte der alchemistischen Praxis, darunter die Umwandlung von Stoffen und die künstliche Erzeugung von Leben. So tragen zwei Mobiles die Titel „Mitose“ und „Metamorphose“ und ihre Schattenwürfe geben mittels der Technik der Überblendungen die Teilung einer Zelle und die Verwandlung eines Objektes wieder.

 

„Unser ästhetisches Material sind Fundstücke, die wir in Installationen zum Leben erwecken“, erklärte Jan Ehlen vom Kollektiv während der Vernissage. „Unser Team hat die ethnographischen Ausstellungsobjekte zusammen mit dem Haus ausgewählt, wobei darauf geachtet wurde, welche Gegenstände sich am ehesten als Projektionsmedium eignen.“ Ausgewählt wurden schliesslich vor allem geflochtene Gegenstände, deren gitterförmige Umrisse einen interessanten Schattenwurf ergaben. Für die RaumZeitPiraten war diese Kollaboration mit dem Museum eine neue Erfahrung, da das Kollektiv nie zuvor mit Fremdmaterial gearbeitet hatte.

 

Angeln nach Licht

Das Prinzip der Lichtprojektion spielte auch im Workshop der RaumZeitPiraten am Samstag eine tragende Rolle. Das Kollektiv stellte den Teilnehmern eigens konstruierte „LichtAngeln“ zur Verfügung, die sie mit Plastikfiguren, Pflanzenteilen und Stoffresten bestückten, wobei die Objekte nach dem Eindunkeln schliesslich als „Licht-Graffitis“ an die Hauswände projiziert wurden. Die einfachste Version dieser tragbaren Projektionsinstrumente bestand dabei aus nicht viel mehr als einem ausfahrbaren Selfie-Stick, einem LED-Spot, Klemmen und einer Lupe.

 

Durch ein simples Verstellen der einzelnen Bestandteile liessen sich jeweils die Grösse des Lichtkegels und die Schärfe der vor die Linse geklemmten Objekte variieren. Den Höhepunkt des Workshops bildete die nächtliche Projektionsaktion auf dem Münsterplatz, welche in eine spontane Schattenspiel-Choreographie mündete. Die Teilnehmer des Workshops steuerten dabei die klangliche Begleitung gleich a capella selber bei. Zu Pfeiflauten und Grollen krabbelten geisterhafte Schatteninsekten neben dem Umriss eines Fahrradfahrers an den Fassaden entlang und verschmolzen mit den Umrissen von Häkelspitze zu einem zauberhaften Wandteppich.

 

Synthesizer statt Piccolo

Monumental präsentierte sich am Mittwoch der nächtliche Gang der gut acht Meter hohen Marionette aus flexiblen Weidenruten des Kollektivs l’Homme debout – der aufrechte Mensch – rund um den Münsterplatz. Das Erlöschen der Lichter kurz vor der Vorstellung weckte Erinnerungen an den alljährlichen Morgestraich, jedoch untermalten nicht etwa fröhliche Piccoloklänge, sondern synthetische Beats den Auftritt des Giganten.

 

„Eindeutig besser als die Fasnacht“

Das Spektakel „Vénus“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der einst sein vom Krieg zerrüttetes Land verliess und Jahre später die Stationen seiner Flucht von neuem besucht. Geleitet wird er dabei von dem Morgenstern, der Venus in der Gestalt einer schwebenden Kugel. Diese komplexe Narration erschloss sich zwar nur ansatzweise aus dem Ablauf des mit pyrotechnischen Effekten durchsetzten Spektakels, dies minderte jedoch nicht die Faszination, welche die Riesenmarionette auf Gross und Klein ausübte.

 

Von sieben Puppenspielern geführt, schälte sich die hell erleuchtete Figur in einem Nebel aus Trockeneis aus den Schatten der Kastanienbäume. Die Figurenspieler von l’Homme debout zeigten sich dabei als ein eingespieltes Team. Beeindruckend waren ihre aufeinander abgestimmten Bewegungen, mit denen sie die Gliedmassen des Riesen bedienten und ihn rennen, schweben, an einer Blume riechen und tanzen liessen. „Eindeutig besser als die Fasnacht“, lautete schliesslich auch das Urteil einer begeisterten Zuschauerin. Und das will in Basel etwas heissen.

 

 


 

Weitere Informationen und Eindrücke zum FigurenTheaterFestival vom 16. – 20.9.2015

 

www.figurentheaterfestival.ch

raumzeitpiraten.com/raumzeitpiraten/

www.cie-lhommedebout.fr