Gesellschaft | 19.09.2015

Über die Unvernunft

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von Yves Haltner)
In unserer Kolumne "er fragt, sie fragt, er fragt..." stellen sich Sofiya und Kaspar wechselseitig Fragen zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben. Im Wochenrhythmus wird der jeweils andere seine geistigen Ergüsse zu dem Thema auf Tink.ch zum Besten geben.
Kaspar verlangt nach einer Antwort zum Thema Unvernunft. (
Bild: Yves Haltner)

Kaspar fragt Sofiya: Warum macht „unvernünftig sein“ so viel Spass?

 

Lieber Kaspar,

 

Goethe soll gesagt haben: „Die Vernunft ist grausam, das Herz ist besser“. Vernunft gibt vor, das Leben liesse sich durch bestimmte Entschlüsse einrenken, kontrollieren, wodurch sie dem Leben auf grausame Weise den Spass abspricht. Wenn wir uns durch und durch vernünftig benehmen, so ist dies, als würden wir uns selbst in eine Kiste zwängen, sie zuschliessen und vorgeben, darin gemütlich Platz zu finden.

 

Während sich die einen mit Platzmangel und einem tauben Arm abgeben, lassen andere es gar nicht so weit kommen. Natürlich haben wir Verpflichtungen, die wir erfüllen MÜSSEN, wobei es schöner wäre, diese Verpflichtungen erfüllen zu WOLLEN, doch zwischendurch gibt es nichts Schöneres, als seinem Wahnsinn Platz zu lassen und durchzudrehen.

Es gibt Menschen, die jede Kiste der Vernunft mit einem Japanmesser zerstückeln und sich Löcher reinstanzen. Das fühlt sich dann an, als sei man eine Schildkröte. Klar, da ist der verdammt schwere Panzer, der dir am Rücken hängt, doch hast du Bein-, Arm- und Kopffreiheit.

 

Um bei Metaphern zu bleiben: Das Lustigste am Schildkrötendasein ist doch der Moment, wenn sie auf dem Rücken liegen geblieben ist, und, ähnlich wie ein Mensch nach übermässigem Alkoholkonsum, wild mit den Armen und Beinen strampelt, in der Hoffnung, jemand möge doch beim Umdrehen behilflich sein. Eine solche Geschichte wird nicht erlebt und erzählt als: Da kam einer und half, sondern viel eher: Und da war ich, eingewickelt in Handtrocknungstüchern von CWS und konnte mich nicht mehr befreien, ohne die Schuhe auszuziehen.

 

Die meisten Menschen halten sich für etwas Besonderes und wollen gleichzeitig perfekt wirken, vernünftig entscheiden. Zwei in sich unvereinbare Dinge, denn es gibt nichts Besonderes daran, sich freiwillig in eine Kiste zu zwängen. Sich in dieser völlig unvernünftigen Welt in eine Box der Vernunft zu zwängen, soll den Assistentinnen der Magier vorbehalten bleiben.

Selbstverständlich ist die Vernunft eines der grössten Vermögen des denkenden Menschen. Durch die Vernunft sind wir in der Lage, Zusammenhänge zu erkennen und unser Handeln nach diesen zu richten. Doch Vernunft allein verspricht noch lange keinen Spass. Der Beweis dafür liegt darin, dass wir zwar nicht selten vernünftig denken, noch seltener aber vernünftig handeln.

 

Du, lieber Kaspar, fragst aber nach dem „Warum?“. Den Grund dafür sehe ich in der menschlichen Natur. So fortschrittlich und vernunftbegabt wir auch sein mögen, unserer Natur können wir nicht immer entfliehen. „Auch der vernünftigste Mensch bedarf von Zeit zu Zeit wieder der Natur, das heisst seiner unlogischen Grundstellung zu allen Dingen“, so Nietzsche. Wer nicht daran glaubt, dass die Natur im Kern unlogisch ist, soll sich einmal in der Thermodynamik umsehen, denn zumindest nach R. Clausius – von dem auch der zweite Hauptsatz der Thermodynamik stammt – streben die Atome und somit das Universum nach maximaler Entropie – also der grössten Unordnung. (Meiner Meinung nach eines der schönsten und ehrlichsten Modelle des Universums.)

 

In der bereits verwendeten Metapher klingt das wie folgt: Da ist also diese Vernunftkiste, die uns in einen kristallinen Zustand von Starrheit zwängt. Wir aber, erwärmt vom Feuer der Leidenschaft, der Liebe, erwärmt von Emotionen, strampeln uns aus der Kiste heraus. Nicht, um zu vermeiden, langsam gekocht zu werden, sondern viel eher, weil wir, wiederum dank unserer Vernunft, feststellen, dass wir nicht in der Kiste bleiben müssen, wenn uns der Arm eingeschlafen ist.

 

Sind wir ehrlich: Wir erinnern uns an die Momente, in denen wir alle Vernunft verloren haben und ohne Schuhe in Barcelona aufgewacht sind. Wir erinnern uns an Dinge, die wir getan haben, obwohl uns unser Verstand strikt davon abgeraten hat.

Das soll kein Freifahrtschein für alle Idioten da draussen sein, doch bin ich fest davon überzeugt, dass es in Ordnung ist, ab und zu mal durchzudrehen und entgegen jeglicher Vernunft zu handeln. Denn erst wenn wir die Vernunft verlieren, finden wir zu ihr zurück.

 

Unvernünftige Grüsse,

 

Sofiya

 

PS: Meine Frage für die nächste Woche: Warum fällt es einigen Menschen so schwer, ja zu sagen, während andere einfach nicht nein sagen können?