Kultur | 23.09.2015

Plädoyer für mehr Polyphonie

"Humor" - so lautet das Motto der diesjährigen Sommerausgabe des Lucerne Festivals. Tink.ch besuchte gleich zwei Veranstaltungen an einem Tag und hat die unterschiedlichen künstlerischen Ausführungen des Humoristischen betrachtet.
Es wird viel gelacht an der Diskussionsrunde am NZZ Podium zum Thema Humor. (
Bild: Peter Fischli, Lucerne Festival)

„Sie haben alle Humor bewiesen, dass Sie bei dem schönen Wetter hier sind“, witzelt Martin Meyer zu Beginn der ersten Veranstaltung, des NZZ Podiums zum Thema Humor. Das Motto des diesjährigen Lucerne Festivals soll am Samstag, den 29.8.2015, in einer intellektuellen Runde in all ihren Facetten besprochen werden. Dementsprechend aus unterschiedlichen Bereichen kamen die geladenen Gäste: Neben dem Chef des Feuilleton der NZZ waren die isländische Schriftstellerin Steinum Sigurðardóttir, der ungarische Starpianist András Schiff und der deutsche Komödiant und neu auch „Rentier“ Harald Schmidt geladen.

 

„Eine Diskussion über Humor ist nicht unbedingt lustig!“, mahnt Sigurðardóttir gleich zu Beginn ihres Einführungsreferates. Trotzdem wird während der ganzen Diskussion viel gelacht, nicht zuletzt dank des ironischen Umgangs mit dem Thema seitens Harald Schmidt. Als letzterer erklärt, wie er zur Komödie kam – über die Imitation anderer Leute – fällt bald das Stichwort der „political correctness“. Darf man über andere lachen? „Ja worüber denn sonst?“ kontert er. Es sei gut, über andere zu lachen. Derselben Meinung ist die Schriftstellerin: Wenn über Minderheiten gewitzelt werden kann, sieht man sie nicht mehr als benachteiligte Gruppe, sondern auf einer Ebene mit der Mehrheit.

 

Schmidt spart nicht an Pragmatik, was im Antlitz der intellektuellen Runde komisch wirkt und beim Publikum als auch im Podium für Gelächter sorgt. Ganz untypisch für die „bierernste“ Mentalität der Deutschen – ein Wort, das Sigurðardóttir aufnimmt, um auf lokalen Humor hinzuweisen. Das Verständnis von Humor ist ihrer Erfahrung nach nämlich von Land zu Land sehr verschieden: „Wenn man erfährt, worüber andere lachen, weiss man, woher sie sind“ schlussfolgert sie. In ihrer Heimat Island sei es zum Beispiel unmöglich, über sich selbst zu lachen.

 

Humor und Musik – ein schwieriges Verhältnis?

Ähnlich ergeht es der Musik. Sie nimmt sich nicht gerne selbst auf’s Korn. Schiff erzählt von seinen Erfahrungen, wie solchen, dass bei selbst den lustigsten Stücken das Publikum sich nicht traut, zu lachen. Sogar der barocke Komponist Bach, den man eher als ernsten, sehr gläubigen und strengen Mann wahrnimmt, hatte laut Schiff Humor: Er habe beispielsweise in den berühmten Goldberg-Variationen Elemente von einfachen Volksliedern eingebaut und so humoristische Elemente einfliessen lassen.

 

Als grösster Meister des Humors erwähnt er einen anderen Komponisten: Haydn habe humoristische Akte auf eine sehr feine Art eingebaut. Dennoch, ist Humor in der Kunst ein schwieriges Thema. Schiff, der als Kind der Klassenclown war, plädiert daher für mehr Polyphonie, für mehr Toleranz, für mehr Witz in einer ernsten, heterogenen Welt.

 

Till Eulenspiegel im KKL

Wie gut sich Humor und Musik wirklich vertragen, wird sich im Laufe des Abends präsentieren: Unter anderem steht Strauss‘ Till Eulenspiegel auf dem Programm.

Das Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta legt einen fantastischen Auftritt hin, qualitativ bleiben keine Wünsche offen. Man merkt, dass es den Musikern Freude macht, sich der lustigen Figur zu widmen.

 

Auch das zweite Stück, eine Kammersinfonie des modernen Komponisten Schönberg, das in einer viel kleineren Formation aufgeführt wird, bildet einen Kontrast zur „typischen“ Klassik, die im letzten Stück, der Pathétique von Tschaikowsky, zur Geltung kommt. Über das gesamte Konzert ist eine extreme Spannung spürbar, die im Publikum keinen Raum für Entspannung zulässt, wie sie für Humor notwendig ist. Gut, dass sich das Lucerne Festival dieses Jahr dem Humor, einem in der Musikszene heiklem Thema, widmet. Vielleicht können sich so Humor und Musik zu einem Zusammenspiel bewegen.