Kultur | 18.09.2015

Kein Paradies – Erlebnisse aus Bali

Text von Kaspar Anderegg | Bilder von Kaspar Anderegg)
Bali - Die Insel der etwa 4.5 Millionen Einwohner wurde 2014 von über 3.5 Millionen Touristen überschwemmt. Javanesische und chinesische Einwanderer, Touristen und die Einheimischen vermischen sich scheinbar zu einer multikulturellen Masse. Gibt es das vielbesungene «echte« Bali trotzdem noch?
Die Priester beten für das Familienwohl. (
Bild: Kaspar Anderegg)

Eine paradiesische Tropeninsel, bewohnt von einer freundlichen, toleranten Kultur. Exotische und leicht archaisch anmutende religiöse Riten überziehen die Insel mit einer mystischen Atmosphäre. So könnte eine Vorstellung des “echten Balis” aussehen. Tatsache ist aber: Bali ist kein Paradies, zumindest nicht für deren Einwohner.

 

Einer nationalen Erhebung zufolge wurden im Jahr 2010 174 900 Balinesen und Balinesinnen gezählt, die unter der Armutsgrenze lebten. Sie hatten ein Tageseinkommen von unter 2 Dollar. Die Frauen sind Männern hierarchisch unterlegen. Weil es keine funktionierende, inselweite Kanalisation gibt, hat die überbevölkerte Insel der Götter ein grosses Müllproblem. Bereits spiegel.de berichtete von psychisch kranken Balinesen/Balinesinnen, die eingesperrt und manchmal gar angekettet ein schreckliches Dasein fristen müssen. Eine Tatsache, die etwaige Vorstellungen von Bali als Paradies sofort zerstören kann.

 

Streng religiös

Persönlich habe ich noch keinen Balinesen und keine Balinesin getroffen, der oder die nicht an der religiösen Kultur festhält. Sei es eine Lehrkraft, ein Bauarbeiter oder eine Bauarbeiterin, ein Barkeeper oder eine Barkeeperin: Sie alle leben ihren Glauben aktiv.

 

Der hinduistischen Religion gehören nach kuoni.de 92.3% der Balinesen und Balinesinnen an. Die restlichen Einwohner sind Muslime, Christen und Buddhisten. Atheismus wird offiziell und gesellschaftlich nicht anerkannt. Deshalb lüge ich auf Bali immer, wenn ich nach meiner Religion gefragt werde und bezeichne mich als Christ.

 

Unser Haus hat verschiedenen Gottheiten vier Tempel gewidmet, denen täglich kleine Opfergaben dargebracht werden. Egal wo man sich im besiedelten Teil Balis befindet, die Tempel sind allgegenwärtig und nicht selten kann man dort eine religiöse Zeremonie beobachten. Auch heute noch können diese exotischen und manchmal archaischen Zauber entfalten.

Die balinesische Kultur ist insofern einzigartig, als das es das einzige Inselvolk ist, bei dem die guten Götter in den Bergen leben und die bösen im Meer.

 

 

Das “echte” Bali

Wenn ich mit meinem Motorrad abgelegene Strassen befahre, durch Reisfelder, Hügel, kleine Dörfer, bis nach nur wenigen Kilometern kein Tourist mehr vorhanden ist, dann komme ich dem echten Bali näher. Auf dem Weg ist eine Zeremonie im Gange und ich beobachte Frauen, die mit eleganter Sicherheit kiloweise Opfergaben auf dem Kopf in Richtung Tempel tragen. An einem Warung Überbezeichnung für Restaurants, Imbissbuden oder Kaffeestände) halte ich an und bestelle einen Kaffee.

 

Ein Polizist freut sich, dass ich indonesisch spreche und bezahlt mir den Kaffee. Auf dem Rückweg darf ich an der Zeremonie teilnehmen. Noch immer werden Opfergaben gebracht und die Priester beten mit tiefer Stimme zu ihren Göttern. Etwa 150 Leute befinden sich im Innern des Tempelkomplexes. Es sei eine Zeremonie zum Wohle der Familie.

Nun bin ich da angekommen, wo für mich das echte Bali ist: Bali ist gastfreundlich, familiär und vor allem religiös.