Gesellschaft | 26.09.2015

Jasager, Neinsager

Text von Kaspar Rechsteiner | Bilder von Yves Haltner)
In unserer Kolumne "er fragt, sie fragt, er fragt..." stellen sich Sofiya und Kaspar wechselseitig Fragen zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben. Im Wochenrhythmus wird der jeweils andere seine geistigen Ergüsse zu dem Thema auf Tink.ch zum Besten geben.
Warum fällt es einigen Menschen so schwer, ja zu sagen, während andere einfach nicht nein sagen können? (
Bild: Yves Haltner)

Sofiya fragt Kaspar: Warum fällt es einigen Menschen so schwer, ja zu sagen, während andere einfach nicht nein sagen können?

 

Liebe Sofiya,

 

Diese beiden Typen kenn ich natürlich auch. Der eine ist einfach immer dabei. Manchmal ist er schon an Bord, bevor die Idee überhaupt auf dem Tisch liegt. Sein Gegenüber jedoch verlangt übermenschliche Rhetorikkenntnisse, um sich zu einem vielleicht zu bewegen, das dann meist doch nein heisst.

 

Obwohl sich beide im Zusammenleben wie Stacheln und Katzenfell zueinander verhalten, werden die vielen Jas und Neins mit dem gleichen Benzin produziert: Angst. Jepp.

 

Fangen wir beim Naheliegenderen an, nämlich dem Neinsager. Wobei ich da schon präzise sein will, ich rede von den tatsächlichen Neinsagern, und nicht den Oberlangweilern, die einfach bloss mit den Schultern zucken und sich dann wieder in ihre Sofaritze oder ihren Kräutergarten zurückziehen.

 

Nein, die Neinsager, die haben Angst vor dem Abriss ihrer Komfortzone. Jeder Schritt in unbekannte oder potentiell unvorhersehbare Gefilde bringt die Gefahr mit sich, aus Versehen in eine Komfortabrissbirne hineinzulatschen. Und Klirr! Wobei es nicht unbedingt gleich eine Abrissbirne sein muss. Ein doofer Spruch aus einem Türrahmen oder eine Rösti, die nicht genau so schmeckt, wie er Neinsager findet, dass eine Rösti schmecken muss, kann reichen, um ein Quartier nachhaltig mit einem Nein zu belegen.

 

Der Jasager hingegen fürchtet auch um seine Komfortzone – und die ist nur da, wenn Aufmerksamkeit und Gesellschaft gegeben sind. Wobei ich auch da schon präzise sein will, ich rede von tatsächlichen Jasagern, nicht Mitläufern, die bloss mit den Schultern zucken und den Ärschen vor sich beim Wackeln zusieht, während er hinterherdackelt.

 

Nein, die Jasager brauchen das Dabeisein und in-der-Gunst-Stehen zum Überleben. Hey, gehen wir ein Bier trinken? Ja! Er zieht immer mit, um ja nicht allein sein zu müssen. Hey, kannst Du mir heute Abend die Nägel lackieren? Ja! Um sich immer ablenken zu können. Hey, kannst Du mir am Samstag beim Umzug helfen – ich werd leider nicht da sein können? Klar!

 

Um ja niemanden irgendwo zu haben, der einen nicht für den tollen Kumpel hält, welcher  der Jasager gerne sein möchte.

 

Wobei wichtig ist zu sagen, dass der Neinsager dem Jasager etwas voraus hat: Er ist alleine überlebensfähig. Nehmen wir an, es gibt nur noch zwei Menschen auf der Welt – Einen Jasager und einen Neinsager.

 

Der Jasager so: „Ja!“ Der Neinsager so: „Nein“ – „Ja!“ – „Nein“ – „Ja!“

 

Daraufhin findet es der Neinsager zu doof und verkrümelt sich auf oder in sein Sofa. Der Jasager bleibt zurück und wird kurz darauf von einem bengalischen Tiger gefressen. Was nichts zur Sache tut, denn kurz darauf wäre er eh gestorben, weil er nie gelernt hat, alleine zu leben. Beides sind gefährliche Stadien. Entweder verliert man sich irgendwann in sich selbst – oder in den anderen. Weil beiden aber das gleiche, die Angst, zugrunde liegt, sind beide auf die gleichen Behandlungen angewiesen. Meine persönliche Empfehlung: BuildUpMyEgo© akut, zum Einstieg am besten die 200 800 Milligramm Filmtabletten.

 

Die sind toll, Du Arsch! Bis nächste Woche

 

Herzlich

Kaspar der Grosse

PS: Meine Frage für nächste Woche: Der World Happiness Index hat die Schweiz 2015 zum glücklichsten Land erklärt. Warum ziehen die Leute auf der Strasse und im ÖV trotzdem immer einen «Lätsch«?