Kultur | 11.09.2015

Gegrillter Waran – Erlebnisse aus Bali

Text von Kaspar Anderegg | Bilder von Kaspar Anderegg)
Vor 24 Jahren hat meine Mutter einen Balinesen geheiratet und mir unter anderem einen Stiefgrossvater mit acht Kindern und vierzig Enkeln geschenkt. Bali erlebe ich nicht wie die meisten Massentouristen in Bars und Bungalows. Lieber fange ich mit meinem Gärtner einen Waran.
Keine Berührungsängste mit lebenden Waranen. (
Bild: Kaspar Anderegg)

Meine Mutter hat vor 24 Jahren einen Balinesen geheiratet, so hat meine jüngere Halbschwester einen balinesischen Vater. In der balinesischen Kultur sind die Familien für Schweizer Massstäbe oft riesig und verzweigt. Mein Stiefgrossvater hat acht Kinder und 40 Enkel. Der Zusammenhalt ist gross. Sobald ich balinesischen Boden betrete, werde ich Teil dieses Netzwerks und freue mich, diesen, für mich exotischen Zweig meiner Familie, wieder zu sehen.

 

Verteilt auf mehrere Häuser im gleichen Anwesen leben alle Generationen auf engem Raum zusammen. Hühner laufen frei herum und mehrere Schweine essen die Speisereste auf. Ich werde herzlichst willkommen geheissen. Mein Stiefonkel will mich segnen. Er klebt mir drei Reiskörnern zwischen die Augen und spritzt mir ein nach frischen Blumen riechendes Wasser ins Gesicht. Zuletzt muss ich den Rest des Wassers aus meinen Händen trinken. Noch nie habe ich köstlicheres Wasser getrunken. So geweiht setze ich mich und verständige mich mehr schlecht als Recht mit den vielen Leuten.

 

Als ich meinen Stiefgrossvater duze berichtigt er mich: Ich müsse ihn mit Kakek, Grossvater anreden. Allgemein ist es nicht höflich Menschen zu duzen, auch nicht innerhalb der Familie. Ältere Frauen werden grundsätzlich Ibu, Mutter genannt. Jüngere Geschwister nenne ich in Zukunft Adik und ältere Geschwister Kakak. Dauernd wird mir Tee oder Kaffee nachgereicht, immer begleitet von Süssigkeiten. Am Abend gibt es ein typisches balinesisches Gericht: Nasi Campur ist Reis mit mehreren Beilagen, die man selbst auswählen darf. Zum Abschied kriege ich einen grossen Sack Snacks und Früchte geschenkt. Falls ich nicht selber kochen wolle, könne ich jederzeit hierher kommen zum Essen. Balinesische Grosszügigkeit ist manchmal überwältigend.

 

Die Waranjagd

Mein Gärtner will Warane jagen. Mit simpelstem Werkzeug – Nylonschnüren, ein paar Fischerhaken und toten Vögeln als Köder – legt er mehrere Fallen. Nach 3 Stunden beisst einer an. Der Waran misst über 1.5 Meter, zu viel Gezische und Gezerre ziehen wir ihn langsam aus seiner Höhle. Ich solle auf den Schwanz aufpassen, den das Tier wie eine sehr schmerzhafte Peitsche benutzen könne, warnt mich mein Gärtner. Der Mund wiederum sei ungefährlich, da der Waran nicht beisse sondern seine Beute lebend verschlinge. Das Schlachtmesser ist stumpf und es dauert lange bis die dicke Haut des Tieres nachgibt und die Schlagader getroffen ist. Mit Blut an den Armen und Übelkeit im Magen gehe ich mich waschen.

 

Komprimierte Kulinarik

Der Gärtner nimmt den Waran aus. Er mariniert das Fleisch inklusive Innereien mit Soyasosse und Chili, setzt alles auf Holzspiesse und grilliert es. Dazu serviert er Erdnusssosse und Reis. Wie gegrilltes Waranherz schmeckt? Sehr gut: nach zwei kräftigen Bissen beginnt das Fleisch auf der Zunge zu zerlaufen und entfaltet einen Geschmack aus exotischen Gewürzen, Kuhleber, Schweine- und Hühnerfleisch. „Komprimierte Kulinarik“, könnte ich sagen, wäre da nicht mein Kopf, dem das alles viel zu makaber ist.