Kultur | 08.09.2015

“Ada” – lebendiges Stillleben

Text von Clara A'Campo | Bilder von Jan Sulzer)
Im Rahmen der Treibstoff Theatertage in Basel zeigt das Kollektiv «We Ate Lobster» eine recht aussergewöhnliche Ausstellung von Stillleben. Sie trägt den Titel "Komm auf meine Seite". Die Werke stammen von ehemaligen Straffälligen, die psychiatrisch betreut werden.
Entstehung des Stilllebens «Kalk an Wand». (
Bild: Jan Sulzer)

Es geht ein schummriges Treppenhaus hinauf, das seine besten Jahre bereits hinter sich hat. Drei Stockwerke knarziger Stufen bis zu einer Wohnungstür mit dem Schildchen: “Komm auf meine Seite.” Hier ist es. Wir drücken die Klinke, öffnen die Tür. Und wollen sie gleich wieder schliessen. Denn dahinter erstreckt sich ein Wohnzimmer, nach Babypuder riechend. Von Stillleben keine Spur. Haben wir uns in der Tür geirrt? Doch niemand scheucht uns hinaus – wir treten ein.

 

Erdbeerförmige Marshmallows unter einer Glashaube. Ein Bügelbrett. Eine Frau auf einem Sofa. Mit Baby auf dem Schoss. Im Raum nebenan bläuliches Licht. Der halbe Boden bedeckt mit Eiern und Eierschalen. Die Wände mit bunter Kreide beschrieben. “Fruchtbarkeit”. “100 ml Kokosmilch”.

 

Eigenartig

Besucher und Besucherinnen betreten diese Ausstellung entweder mit entgeisterten Blicken oder mit breitem Grinsen. Letztere sind vielleicht schon einiges an moderner Theaterkunst gewöhnt. Erstere zücken schnell den Wohnungsplan, der ihnen vorhin an der Kasse übergeben wurde. Glücklicherweise sind den Räumen Nummern zugeordnet, diese bieten Orientierungshilfe.

 

Nach und nach lassen sich so die Räume erkunden. Wo man länger als zehn Sekunden stehen bleibt, wird man mit Performances beehrt. Im Zimmer mit dem Eierboden setzt sich eine Frau an ein Pult und liest vor, was sie mit Bleistift in ein Heft schreibt. Man hat den Eindruck, die Kunstschaffenden gingen ihrem gewohnten Leben nach.

 

Bald versammeln sie sich zum Mittagessen, bieten den wenigen Besuchenden auch etwas an. Diese lehnen ab. Man wahrt Distanz, verhält sich ähnlich wie im Zoo. Niemand mag den Ruf “Komm auf meine Seite” zu wörtlich nehmen.

 

Und die Stillleben?

Auf dem Wohnungsplan stehen zu jedem Raum die Titel der Stillleben, die darin ausgestellt sind. Die Besuchenden müssen sie suchen, denn im Raum selbst sind sie nicht angeschrieben. Manche Stillleben sind dreidimensional, essbar, begehbar oder auch versteckt. Und längst nicht alle der bizarren Arrangements, denen man in der Wohnung begegnet, sind aufgeführt in der Werkliste. Die Grenze zwischen Ausgestelltem und Ausstellungsraum verschwimmt.

 

Die Form des Stilllebens war sowohl für We Ate Lobster als auch für die Gruppe der Kunstschaffenden gänzlich neu. Als Teil eines Resozialisierungsprogramms für ehemalige Gefängnisinsassen näherten sie sich diesem Projekt über den Zeitraum von zwei Jahren an – und schufen dabei auch gänzlich Neues.

 

Das schönste Werk ist sicherlich “Ada”. 0,42m x 0,18m x 0,12m gross. Material: Fleisch, Blut, Knochen, Haare. Schon erraten, was Ada ist? Sie führt ein sehr stilles Leben, heult und schreit kein einziges Mal.