Gesellschaft | 17.08.2015

Zweiundsechzigster Brief aus Deutschland

Die Kollegen von Eine Zeitung nehmen es mit der Pünktlichkeit nicht mehr so ernst. Kein Problem - wir nämlich auch nicht!
Die Brieftaube ist diesmal zu spät. Ob der Brief mit der Deutschen Bahn früher angekommen wäre, bleibt unklar. (
Bild: Katharina Good)

Hallo Schweiz!

 

Hatten wir schon mal das Thema “Pünktlichkeit” mit Euch erörtert? Und das Thema “Vorurteile”? Dazu fallen uns nämlich heute gleich zwei tolle und lustige Anekdoten ein.

 

Wie Ihr ja wisst, gelten wir Deutsche als enorm zuverlässig und pünktlich. Bei einer Verabredung gilt es als extrem unhöflich, wenn man nicht schon mindestens fünf Minuten vorher am Treffpunkt ist. Wer auf die Minute genau kommt, gilt als Hallodri und Schwerenöter. Alles darüber hinaus kann eigentlich nur Ausländer sein; der moderne Deutsche sieht dann großzügig etwas darüber hinweg, denn “er kann ja nichts dafür, dass er halt Südländer ist.” Aber es wird natürlich gespeichert, tief im Deutschhirn, und bei gegebener Zeit hervorgekramt. Zum Beispiel am Geburtstag, wenn man dann endlich wieder das typischste aller deutschen Geschenke verschenken kann: eine funkgesteuerte Uhr, die sich nach dem Physikalischen Institut in Braunschweig richtet, der “genausten Uhr der Welt”, wie es dann heißt. Andere Institute wie die Atomuhr in Tokio oder die in Phoenix haben garantiert nicht die absolute Genauigkeit.

 

So, und nun kommen wir also und räumen mit diesem Vorteil des pünktlichen Deutschen auf. Ein Beispiel ist dieser Brief hier, der immerhin stolze drei Tage zu spät kommt.

 

Wir haben uns da einfach an die Gepflogenheiten der Schweizer angepasst. Denn hier müssen wir mit einem weiteren Vorurteil aufräumen: Auch der Schweizer ist alles andere als pünktlich.

 

Als wir mit den Briefen begannen, haben wir diese immer spätestens Freitagvormittag bis 10 Uhr der Tink-Redaktion auf den Schreibtisch geknallt.

 

Die Folge war, dass sie zwischen Freitagabend und Montagmittag veröffentlich wurden. So wie es der feinen Redaktion gerade in den Kram passte.

 

Wir stellten schnell fest, dass der “immer pünktliche Schweizer” genauso wenig existiert wie der “ständig pünktliche Deutsche”.

 

Und so passierte es, dass unsere Briefe immer später eintrafen und auch immer später veröffentlicht wurden.

 

Und heute haben wir schon Montag. Uns würde es nicht wundern, wenn dieser Brief erst Mittwoch erscheint

 

Aber wen schert’s?

 

Pünktlichkeit wird viel zu wichtig genommen. Der Trend geht hin zum “Komm wann du willst”. Die Autoren dieses Briefes halten sich schon lange an das neue Motto. Die Folge ist, dass sie sich seit fast drei Monaten nicht mehr persönlich getroffen haben, da die vereinbarte Uhrzeit von “20 Uhr” von keinem der beiden mehr ernst genommen wird. Und während der eine etwa zwei Stunden später am Treffpunkt erscheint, ist der andere bereits nach einer Stunde schon wieder gegangen.

 

Unpünktlichkeit ist das neue Schwarz.

 

In diesem Sinne, bis kommenden Freitag. Oder Samstag.

 

Oder Montag. Wer weiß das schon.

 

Euer Deutschland