Gesellschaft | 22.08.2015

Wenn Studierende an einen Gott glauben

Text von Yannic Schmezer | Bilder von Yannic Schmezer)
Gegen zwanzig Prozent der Studierenden an der Pädagogischen Hochschule Bern geben an, über "absolute Glaubensgewissheit" zu verfügen. Journal B hat einen gläubigen Studenten getroffen und an einem freikirchlichen Gottesdienst teilgenommen.
Jugendlich, laut, rockig: der Gottesdienst bei ICF. (
Bild: Yannic Schmezer)

Raphael sieht nicht aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Seinen Kleidungsstil kann man als “hip” bezeichnen. Auf seiner braunen Ledertasche klebt ein schwarzer Sticker, auf dem “Frank needs help” zu lesen ist. “Das ist der Name unserer christlichen Metal-Core Band”, erklärt er mir. Raphael ist 21 Jahre alt, studiert an der Pädagogischen Hochschule Bern (PH Bern) und praktiziert seinen Glauben regelmässig in verschiedenen Frei- und Landeskirchen.

 

Konservative Evolutionsleugner?

2009 hat der Schweizerische Nationalfonds eine Studie veröffentlicht, die landesweit die Alarmglocken läuten liess. Eine Erhebung an der PH Bern hatte zu Tage gefördert, dass 15 bis 20 Prozent der Studierenden über “absolute Glaubensgewissheit” verfügten, evangelisch-reformiert seien und sich oft freikirchlich engagierten. Schweizweit behandelten verschiedene Zeitungen die Studie und malten Schwarz. War die pädagogische Hochschule auf dem besten Weg einen Haufen konservativer Evolutionsleugner für das Lehreramt auszubilden?

 

Er rede grundsätzlich gerne über seinen Glauben, sagt Raphael bei unserem Treffen. Es sei aber nicht so, dass er versuche, jemanden zu bekeheren. Nach einer kurzen Begrüssung im Universitätsgebäude an der Fabrikstrasse 8 hatten wir uns auf einer Bank am Rand des Campus gesetzt. Ich frage ihn, ob die hohe Zahl gläubiger Studierender die Unterrichtsqualität beeinflusse. “Es wird oft über den Glauben diskutiert”, sagt er. Daran merke man, dass es viele fromme Studierende gebe. Eine Beeinträchtigung des Unterrichts habe er bis jetzt aber nicht erlebt.

 

Gottesdienst auf dem Uni-Campus

Szenenwechsel: Sonntagmorgen auf dem von-Roll-Areal der PH Bern. Vor mir heben Menschen die Hände zum Gebet gegen die Decke, während sie im Takt zur Musik wippen, deren Genre ich irgendwo zwischen Mia Aegerter und Polo Hofer einordnen würde. Ich befinde mich keine hundert Meter entfernt von dem Ort, an dem ich zwei Tage zuvor mit Raphael das Interview geführt hatte. An der Fabrikstrasse 12 fand gerade eine “celebration” statt, so nennt die Freikirche “International Christian Fellowship” (ICF) ihre Gottesdienste.

 

Die Räumlichkeiten, in denen diese Treffen abgehalten werden, haben mit einer Kirche wenig gemeinsam, vielmehr erinnern sie an ein Konzertlokal: Parkettboden, abgedunkelte Fenster und farbige Scheinwerfer. Seit einer halben Stunde heizt eine fünfköpfige Band dem Publikum ein.

 

Konzert mit religiösen Texten

Das Zielpublikum von ICF ist im Alterssegment zwischen 20 und 30 Jahren anzusiedeln. Das ist einerseits am auffallend jugendlichen Publikum zu erkennen, andererseits an der Art und Weise, wie bei ICF der Glaube im Vergleich zu den Landeskirchen praktiziert wird: Die erste Hälfte des Gottesdienstes kam einem gewöhnlichen Konzert gleich, nur dass die in Mundart und Englisch gesungenen Texte deutlich religiös gefärbt waren. Bei der anschliessenden Predigt spielt der Pastor Videoclips ein und liest die einschlägigen Bibelverse vom Ipad ab.

 

Nach dem Gottesdienst spreche ich am “Infopoint” des ICF mit einer Psychologiestudentin, die mir erklärt, dass der Altersdurchschnitt bei den abendlichen “celebrations” sogar noch tiefer sei. Warum ICF ihre Gottesdienste ausgerechnet auf dem Campus der PH Bern abhalte, kann sie mir nicht beantworten. “Vermutlich ist die Miete einfach besonders gut”, sagt sie lachend.

 

2014 hatten anonyme Aktivistinnen eine “celebration” von ICF gestürmt. Um gegen Homophobie zu protestieren, stellten sie sich auf die Bühne und fingen an, mit gleichgeschlechtlichen Partnern zu knutschen. Angeblich war zuvor publik geworten, dass ICF Homosexualität als etwas Unnatürliches und Unbiblisches betrachte.

 

Die Bibel ist kein wissenschaftliches Buch

“Ich habe nichts gegen Homosexuelle”, sagt Raphael bestimmt. Mittlerweile haben sich die umliegenden Bänke mit Sudierenden gefüllt, die ihr Mittagessen in der Sonne geniessen wollen. “Gott sagt, man solle jeden und jede lieben.” Er könne nicht verstehen, was die Kirche gegen Homosexualität einzuwenden habe. Gleichzeitig ist er sich aber bewusst, dass er hiermit innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft eine liberale Position vertritt. “Homosexualität ist auf jeden Fall ein kontrovers diskutiertes Thema.”

 

Dann die Gretchenfrage: Wie hast du es mit der Evolutionstheorie? Raphael schaut mich verdutzt an. “Ich bin ziemlich überzeugt, dass die Evolutionstheorie stimmt”, sagt er. Trotzdem schliesse das die Schöpfungstheorie, wie sie im alten Testament zu finden sei, nicht aus. “Die Wissenschaft sagt uns WIE etwas abläuft, während der Glaube das dazugehörige WARUM liefert”, fügt er hinzu. “Die Bibel ist eben kein wissenschafltiches Buch.”

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.