Gesellschaft | 19.08.2015

Menschen wie du und ich

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von zvg. Blindspot)
Zum sechsten Mal fand das Camp "Cooltour" für Jugendliche mit und ohne Behinderung und sozialer Auffälligkeit statt. 76 Jugendliche trafen sich zum Sommerlager der etwas anderen Art. Fechten, Chillen und Skaten stand auf dem Programm. Was nach reinem Vergnügen klingt, soll der Inklusion dienen.
Für Melanie war der Tageskurs "Styling und schminken" ein Highlight der Woche. (
Bild: zvg. Blindspot)

Weisse Tischtücher schmücken den Zeltplatz Eichholz in Bern. Rauchiger Pizzaduft schleicht durch das Zelt, in dem sich Ende Juli genau 76 Jugendliche mit und ohne Behinderung für ein gemeinsames Sommerlager eingefunden haben. “Wir sprechen absichtlich von Menschen mit und ohne Behinderung”, betont Jonas Staub, Geschäftsleiter der Organisation Blindspot, der nationalen Förderorganisation für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung, denn primär seien wir alle Menschen, ob mit oder ohne Behinderung. Hier würden alle gleich behandelt werden, fügt er an.

 

An diesem Morgen steht die Zubereitung von Crêpes und Pizzen auf dem Programm. Jonas Staub läuft auf der Suche nach Wallhölzern mit dem Mobiltelefon am Ohr den Zeltplatz rauf und runter. “Das ist ein wichtiger Moment für uns”, betont er, denn zum Essen seien auch die Familien sowie Stiftungsmitglieder der Partnerorganisationen geladen. Bevor es losgeht, trommelt Staub die Gruppe von Servierenden zusammen – darunter ebenfalls Jugendliche mit Behinderung – und stellt sicher, dass alle wissen, was zu tun ist und sie sich mit ihrer Aufgabe sicher fühlen.

 

Noch ehe der letzte Tisch in Weiss gehüllt wird, treffen erste Gäste ein. Die zuvor vermissten Wallhölzer sind längst im Einsatz, als Jonas Staub das prall gefüllte Zelt um Aufmerksamkeit bittet. Es könne etwas länger mit den Bestellungen dauern. Die Verzögerung wirkt sich jedoch nicht negativ auf die Stimmung aus.

 

Der Weg in die Selbstständigkeit

Rund 30 Prozent der Teilnehmenden am Sommerlager haben eine Behinderung. Doch auffallen tun sie nicht besonders. Das Ziel der Veranstaltung besteht darin, eine Plattform für gemeinsame Aktivitäten zu bieten. “Wir leben in einer Gesellschaft, in der stark separiert wird”, sagt Staub. Im Inklusionsprojekt gäbe es aber weder Sonderschulen, noch Sonderbehandlungen. Falle einem blinden Mädchen beim Essen die Gabel herunter, so würden die Verantwortlichen nicht sofort hinrennen, um das Besteck aufzuheben. In einem solchen Fall soll das Kind selbst die Initiative ergreifen und Hilfe suchen.

 

Die Jugendlichen sollen lernen, miteinander zu sprechen und durch positive Erfahrungen Vorurteile abzubauen. “Bei Jugendlichen klappt das einfacher als bei uns Erwachsenen”, betont Staub. Dabei geht das Team von Blindspot, das von vielen freiwilligen Helfern unterstützt wird, nach einem Plan vor, der zunächst skrupellos klingen mag: Wenn ein Kind nicht gleich am ersten Tag Freunde findet, so beliessen es die Verantwortlichen eine Weile dabei. “Wir greifen nicht sofort ein, um zu verkuppeln”, sagt Jonas Staub. Die Jugendlichen sollen selbst den Mut aufbringen, auf andere zuzugehen. Nur durch die Überwindung von Hemmschwellen könnten die Jugendlichen Lernschritte machen und positive Erfahrungen mit anderen sammeln. Wenn die Kinder am ersten Tag nicht wüssten, wie auf andere zuzugehen sei, so sei dies zwar hart, doch erst mit der Überwindung könnten sie sich weiterentwickeln. Dies soll wiederrum Vorurteile abbauen. Die Ergebnisse dieser scheinbar harten Methode sprechen für sich.

 

Positives Feedback

So betont die Mutter von Gioya, die bereits zum dritten Mal am Camp teilnimmt, dass sie bei diesem Lager das beste Gefühl habe. Gioya besucht auch Ferienlager, die ausschliesslich für Kinder und Jugendliche mit Behinderung organisiert werden, doch hier stünde nebst einem trendigen Programm – Streetart, Chillen, Fechten, Skaten u.v.m – der Abbau von Vorurteilen im Vordergrund. “Es ist unglaublich, welch grosse Fortschritte meine Tochter hier gemacht hat”, sagt Gioyas Mutter.

 

Obschon die Teilnehmenden aus vielen Aktivitäten auswählen können, ist das Rahmenprogramm nicht überfüllt,  abends steht Freizeit auf dem Programm. Auch dies sei eine der Massnahmen, damit die Teilnehmer lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen, aktiv zu werden und sich mit sich selbst und anderen auseinandersetzen. Oftmals gäbe es Kinder, denen zu Hause oder im Heim alles serviert werden würde. Auch wenn dies für sie angenehm sein möge, “so werden sie nicht darauf vorbereitet, wie es in der Gesellschaft tatsächlich abläuft.”, sagt Jonas Staub.

 

Inklusion als Ziel

So normal der Umgang mit dem Anderssein auf dem Platz auch scheint, noch ist das Ziel von Blindspot nicht erreicht. Inklusion, der sich die Veranstalter verschrieben haben, ist noch lange nicht selbstverständlich in unserer Gesellschaft. Waren Sie schon einmal in einer Situation, in der Sie nicht wussten, wie mit einer Person (mit oder ohne Behinderung) umzugehen ist? Die verwirrte, fluchende Dame am Zürcher Stauffacher, die Passanten zu verhexen scheint. Der blinde Mann, der zwischen Thun und Bern pendelt und dem nachgesagt wird, er sei gar nicht blind. Oder der taube junge Herr im Zug, der Sie fragt, ob die Musik, die Sie gerade hören, gut sei. Wie reagieren Sie, wenn Sie diesen Menschen begegnen?

 

Am besten menschlich. “Führen Sie sich vor Augen, dass wir alle Menschen sind, ob mit oder ohne Behinderung.”, meint Jonas Staub dazu. Jeder von uns hat Ecken und Kanten. Und es ist viel mehr möglich, als wir denken. Jonas Staub hat eine Technik für blinde Snowboardfahrende entwickelt, obwohl es hiess, dass dies kaum möglich sei. Im Grunde hätten wir doch immer noch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, sagt Jonas Staub.

 

Vielleicht werden solche Anlässe in Zukunft nichts Besonderes mehr sein. Vielleicht wird Inklusion eines Tages so selbstverständlich werden, dass es sich für Reporter nicht mehr lohnt, darüber zu berichten. Bis dahin setzt sich Blindspot mit verschiedensten Projekten für das Zusammenleben unter Menschen (mit oder ohne Behinderung) ein. Hier, auf dem Zeltplatz mit den weissen Tischtüchern, sind alle Anwesenden gleichberechtigte Menschen. Menschen wie du und ich.

 

Mehr zum Thema


 

Blindspot ist eine nationale Förderorganisation für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung.
Weitere Informationen: http://www.blindspot.ch/

Cooltour ist ein inklusives Ferienlager für Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren. Bei Cooltour stehen die gemeinsamen Erlebnisse, der Spass und das Zusammenleben im Mittelpunkt.

Weitere Informationen: http://www.cooltour.ch/