Gesellschaft | 07.08.2015

Einundsechzigster Brief aus Deutschland

Sie haben uns vergessen. Oder haben wir sie vergessen? War es Absicht? Ein Bluff? Oder etwa ein doppelter Bluff? Auf jeden Fall sind die Briefe bitterer Ernst. Spass beiseite!
Endlich ist die Taube wieder da. (
Bild: Katharina Good)

*husthust*

 

Ähm…hallo. Tja, also…irgendwie haben wir letzte Woche vergessen, einen Brief zu schreiben. Das ist uns in diesen mittlerweile 12 Jahren (oder eineinhalb), in denen wir jetzt schon wöchentlich einen Brief an die Schweiz schreiben, noch nie passiert.

 

Wir wissen aber auch gerade nicht was schlimmer ist: Die Tatsache, dass wir es tatsächlich vergessen haben. Oder die Tatsache, dass es augenscheinlich keinem! Einzigen!! Schweizer!!!!! aufgefallen ist – nicht mal der Tink-Redaktion.

 

Wir können nun behaupten, dass es von uns durchaus so gewollt war und wir einfach bloß testen wollten, ob unsere Briefe überhaupt noch Beachtung finden und gelesen werden.

 

Doch, ja, so machen wir das nun auch. Das lenkt von unserer eigenen Dämlichkeit etwas ab.

 

Also: Dieses kleine Experiment war durchaus beabsichtigt. Wir haben einfach mal ganz bewusst mit einem Brief ausgesetzt. UND NIEMAND HAT DAS BEMERKT!!

 

Ja, wozu machen wir das denn alles überhaupt noch? Wisst ihr, wir haben einen Bildungsauftrag. Wir schreiben euch nun schon so lange Zeit und wollen doch bloß, dass ihr etwas lernt. Über euer Land. Über unser Land. Über andere Länder. Über euer Volk. Über unser Volk. Über andere Völker.

 

Glaubt ihr denn, wir machen das hier alles zum Spaß? Wir haben noch niemanden gesehen, der über diese Briefe lacht.

 

Wir wurden damals, als man uns das Angebot machte, wöchentliche Briefe an die Schweiz zu schicken, mehrfach eindringlich gewarnt. Was mussten wir uns alles anhören! “Die Schweizer lassen sich nur ungern belehren”, “Uiuiui, die Schweizer lassen sich gar nichts sagen”, “Lasst lieber die Finger von den Schweizern” oder “Die Schweizer merken nicht mal, wenn ihr eine Woche mal keinen Brief schickt”.

 

Aber wir wollten es in unserer damaligen kindlichen Naivität nicht glauben und dachten uns, die Schweizer sind bestimmt gar nicht so übel, wie die ganze Welt immer behauptet.

 

Tja.

 

Wir hätten auch auf die Stimme hören sollen, die seinerzeit laut auflachte, als wir sagten, wir schreiben da jetzt so einen wöchentlichen Brief an die Schweiz. Neben dem nicht enden wollenden Gelächter hat diese Stimme nämlich noch gesagt: “Die Schweiz ändern zu wollen – dazu auch noch zum Guten! – ist in etwa, wie”— Okay, wir haben’s vergessen, was er sagte. Aber es war nicht gerade schmeichelhaft für Euch!

 

Was viele ja gar nicht wissen: mittlerweile schreiben wir diese Briefe im Auftrag verschiedener nichtschweizerischer Regierungen. Was anfangs wie ein kleiner Spaß daherkam, wie eine lockere wöchentliche Fingerübung, erweckte schnell die Aufmerksamkeit diverser Bundeskanzler in Berlin und Staatspräsidenten in Frankreich. Wir wurden dann ein Mal, es war so Winter, dunkel, kalt, mitten auf der Straße von zwei Autos verfolgt. Die fuhren dann an uns vorbei. Wir dachten uns nichts dabei. Später, in einer kleinen Kneipe, wo wir Pfefferminztee gegen die Kälte zu uns nahmen, setzte sich dann eine Gestalt zu uns. Da wunderten wir uns schon, denn normalerweise gehen wir Fremden eher aus dem Weg. In diesem Fall aber lag etwas Verschwörerisches in der Luft und wir kamen ins Gespräch. Dann ging alles ganz schnell. Und plötzlich waren wir im Auftrag einiger – demokratisch gewählter! – Staatschefs dabei, die Schweiz subtil zu beeinflussen. Wir leben übrigens ganz gut davon. Wir dürften das alles hier eigentlich auch gar nicht schreiben. Warum wir es dennoch machen? Weil wir uns sicher sind, dass das hier eh keiner liest. Und weil uns eh keiner ernstnimmt.

 

 

Hochachtungsvoll,

 

Euer Deutschland