Sport | 12.08.2015

Als Frau in einer Randsportart zu den Olympischen Spielen

Text von Auline Sanchez | Bilder von Benjamin Maillefer)
Rudern bedeutet für Jeannine Gmelin die halbe Welt. Um diese wird sie, wenn alles rund läuft, das nächste Jahr reisen und an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teilnehmen. Wie sich Gmelin in einer Randsportart bis an die Spitze trainiert, die für sie keinesfalls Liebe auf den ersten Blick war.
Jeannine Gmelin trainiert hart, um sich mit an der Spitze des Schweizer Rudersports zu befinden. (
Bild: Benjamin Maillefer)

“Ich bin Spitzensportlerin. Das sollte ich eigentlich sagen, wenn mich jemand fragt, was ich mache. Ich bin Spitzensportlerin, beruflich und privat.” Es war nie Jeannine Gmelins Plan, Profiruderin zu werden. Ihr Ziel war und ist es bloss, immer das zu tun, was sie will. “Wenn ich weiss, was ich will, stecke ich mein ganzes Herzblut in diese Sache.”

 

Schwieriger Start

Als Gmelin mit dreizehn Jahren im Ruderclub Uster ein neues Hobby fand, war es auf keinen Fall “Liebe auf den ersten Blick”. Sie und ihr grosser Bruder Valentin Gmelin sassen zweimal in der Woche im Boot und probierten das Rudern aus. Gmelins allererster Wettkampf war kein grosser Erfolg: “Weil sich meine Ruder zweimal im Wasser verdreht haben, haben wir verloren. Ich war zu Tode betrübt.” Auch ihr erstes Einzelrennen nahm ein wortwörtlich frühzeitiges Ende im Wasser. “Mitten auf der Rennstrecke bin ich gekentert.” Irgendwann kamen jedoch auch die ersten Erfolge. Dadurch hat Gmelin das Rudern mehr und mehr gepackt und der Trainingsumfang hat automatisch zunehmen müssen.

 

Mehr als ein Hobby

Neben dem Rudern hat Gmelin eine kaufmännische Lehre in Uster mit einem 80-Prozent-Pensum absolviert. Dadurch hatte sie nebst der Arbeit genug Zeit für das intensive Training. Der entscheidende Moment, in dem ihr klar wurde, dass ihr Rudern mehr bedeutet als nur ein Hobby, war 2011. Ihr Bruder Valentin Gmelin nahm damals in Amsterdam an der U23 Weltmeisterschaft teil. “Ich wurde überwältigt von Emotionen und Glücksgefühlen, da war mir klar: Das will ich auch.” Von da an hat sich Gmelins Karriere verändert.

 

Unterstützung von allen Seiten

Gmelin steckt alles, was sie kann, in die Erfüllung ihres Traums, doch ohne Unterstützung wäre sie heute nicht dort, wo sie ist. Bis vor einem Jahr arbeitete sie Teilzeit und konnte somit ihre Lebensausgaben decken. Jegliche Kosten, die das Rudern mit sich brachte, wie Trainingslager, Wettkämpfe und Reisen, übernahm und übernimmt auch heute grösstenteils die Leistungssportabteilung des Ruderclubs Uster.

 

Nun hat Gmelin jedoch keine Zeit mehr, neben dem Profisport zu arbeiten. Finanzielle Unterstützung bekommt sie heute von der Schweizerischen Sporthilfe/Swissolympics, Olympic Scholarship und von privaten Sponsoren. Gmelin hat ein starkes soziales Umfeld, das ihr psychisch gut beisteht. Ihre Familie stehe immer hinter ihr, ihre Freunde zeigten grosses Verständnis für ihre regelmässige Abwesenheit und die nur begrenzte Zeit für private Treffen.

 

“Meine Chefin war für mich immer eine wichtige Unterstützerin. Jegliche Ferien und Abwesenheiten hat sie mir ohne Wimpernzucken bewilligt.” Dadurch wurde Sorgen und Ängsten vorgebeugt. Ein weiterer grosser Unterstützer ist Roger Achermann, der Präsident des Ruderclubs Uster. “Er ist der Mann hinter allem, was für mich auf die Beine gestellt wird.” Gmelin kann mit ihren Anliegen stets zu ihm gehen und am nächsten Tag liegt meist eine Lösung auf dem Tisch.

 

Regeln und Befehle

Die einzige Möglichkeit, als Frau in einer Randsportart staatliche Unterstützung zu bekommen, ist die Spitzensport Rekrutenschule zu absolvieren. Diese Möglichkeit bietet die Schweizer Armee in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sport an. Deshalb hat Gmelin das schweizerische Militär absolviert, wo sie eine dreiwöchige Grundausbildung machte.”Da bin ich ziemlich auf die Welt gekommen. Es herrschten bloss Regeln und Befehle, Selbstbestimmung gab es nicht.”

 

Anschliessend folgten 15 Wochen Intensivtraining, nicht in einem ruhigeren, wohl aber in einem angenehmeren Rahmen. Da sie zuvor eine feste Anstellung hatte, wurde sie während der Zeit auf der Rekrutenschule entlohnt, was dieses Angebot verlockend machte. Während dieser Zeit war Gmelin das erste Mal Vollzeit-Sportlerin. Somit ist dies auch die entscheidende Phase, in der ihr Entwicklungsprozess zur Profisportlerin begann.

 

Meilenstein

Jeannine Gmelin hat im Schweizer Rudersport durch den Gewinn der Silbermedaille an der Europameisterschaft einen Meilenstein gelegt. Durch diesen Sieg wird Gmelin Ende August an der Weltmeisterschaft antreten. Kommt sie dort unter die ersten neun Plätze, vertritt Gmelin an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 die Schweiz. In Anbetracht ihrer bisherigen Leistungen ist Gmelin zuversichtlich, diese Herausforderung packen zu können.

 

Gmelins Alltag war und ist auch heute stets ausgebucht und intensiv. Vor allem seit letztem Herbst, seit dem Gmelin als Spitzensportlerin arbeitet, bewegt sich ihr Wochenplan “abseits vom Normalen, ständig im extremen Rahmen.” Manchmal wünscht sich Gmelin etwas mehr Freiheiten, Flexibilität und Spontaneität, doch würde sie nie etwas aufgeben oder rückgängig machen wollen.

 

Aufs Herz hören

Das Gefühl vom Verlieren bei einem Wettkampf kann Gmelin nicht in Worte fassen, weil sie es nie wirklich erlebt hat. “Wenn ich alles gebe, kann ich gar nicht verlieren”. Ist Gmelin bei einem Wettkampf voll und ganz dabei, ist dies immer ein Erfolg. “Ich trainiere nicht nur, um zu siegen, sondern auch, weil jedes Training für mich eine Art Sieg ist.” Jedes Mal, sei es bei einem Wettkampf, einem Trainingswochenende oder einem Einzeltraining sammelt sie menschliche und sportliche Erfahrungen. Dadurch ist der Sieg für Gmelin nicht das einzige Erfolgserlebnis. “Doch ist er eine Bestätigung, dass ich richtig gelegen bin, stets an mich selbst zu glauben und auf mein Herz zu hören.”

 

Zukunft

Irgendwann wird Jeannine nicht mehr das Rudern als Beruf haben, irgendwann wird sie etwas Neues machen müssen. Was das sein wird, weiss sie noch nicht, doch eins ist klar: “Es wird irgendetwas anderes sein, doch es wird genauso meine Leidenschaft sein, wie es momentan das Rudern für mich ist.” Sie habe das Gefühl, dass sicher wieder etwas kommen wird, was sie vielleicht nicht genau so, aber auf eine andere Art begeistert wie der Rudersport. “Wenn das der Fall ist, gebe ich ganz sicher auch dann wieder 100 oder 110 Prozent.”