Osmo Ikonen, der Solokünstler

Das Publikum kennt ihn als Live-Keyboarder der Erfolgsband Sunrise Avenue. Er ist derjenige, der immer dabei ist und trotzdem nicht ganz dazu gehört. Die meisten Plakate kommen ohne sein Gesicht aus, und auch sein Name wird oft aussen vor gelassen. Denn auch wenn er insgeheim als fünftes Mitglied der finnischen Pop-Rock Gruppe betitelt wird, ist er dennoch nicht in der offiziellen Besetzung zu finden.

 

Diese Konstellation macht den Eindruck, als wäre er nur der Aushilfsspieler, der zwar zum Ruhm beiträgt, aber dennoch im Schatten der restlichen Band steht. Der Erntepflücker, der nie selbst etwas von den Kirschen abbekommt. Doch eigentlich ist es viel mehr sein Freifahrtschein zur eigenen Karriere. Denn was viele nicht wissen: Osmo Ikonen ist neben Sunrise Avenue noch als Solokünstler unterwegs, und das durchaus erfolgreich.

 

Multi-Instrumentalist und Adoptiv-Bandbruder

Osmo Olavi Ikonen wurde 1980 am Todestag von Albert Einstein in eine Musikerfamilie hineingeboren. Schon im zarten Alter von sechs Jahren spielte er das Cello, später kommen noch diverse Instrumente dazu. Der Multi-Instrumentalist studierte Musik und beteiligte sich an diversen musikalischen Projekten.

 

Bereits im Mai 2008 brachte er sein Debütalbum “Stories from Within” unter dem kleinen Label Van Gogh Ikonen Records heraus. Gespickt mit Songs wie “All By Myself” bringt die Platte neben viel Gefühl auch eine Menge funkigen Jazz mit.

 

Zu dieser Zeit entschied Jukka Backlund, damaliger Keyboarder von Sunrise Avenue, sich ganz seiner Karriere als Produzent zu widmen und verliess die Gruppe. Seinen Platz an den Tasten übernahm Ikonen von 2009 (Popgasm Tour) an. Bis heute begleitet er die Band bei ihren Liveauftritten. Obwohl er kein offizielles Mitglied der Gruppe ist, gehört er doch zweifelsohne zur Sunrise Avenue-Familie. So geniesst er während der Konzerte die Präsenz seines eigenen Fanclubs.

 

2009 trat der Musiker vor die finnische Jury und kämpfte mit den Rappern Signmark um die Vertretung ihres Landes beim Eurovision Song Contest. Leider ohne Erfolg. Ein Jahr später versuchte Ikonen es erneut mit der Singleauskopplung seines neuen Albums. Doch scheiterte er auch hier in den Vorausscheidungen.

 

Der Antrittssong “Heaven or Hell” konnte trotzdem brillieren. Ein Gute-Laune-Song, in dem sein musikalisches Talent besonders gut zur Geltung kommt. Im Musikvideo beweist er als Ein-Mann-Band, dass er ein Händchen für das Spielen verschiedenster Instrumente hat, und macht dazu in seinem Frack eine ziemlich gute Figur.

 

“Rubba Dubba Love” und bombastische Stimmung am Sommerendfest

Diese gute Figur machte er auch im Mai dieses Jahres – mit Sonnenbrille, Diskokugel und hübscher Frau an seiner Seite. Mit der Single “Rubba Dubba Love” meldet er sich als Solokünstler auf dem Musikmarkt zurück. Mit etwas mehr Stil, etwas mehr Techno, und genauso viel Charme wie zuvor.

 

Zu sehen ist Ikonen schon nächsten Samstag, am 29. August 2015. Nicht als Solokünstler, sondern in einem uns bekannten Terrain: als Keyboarder bei Sunrise Avenue. Am 29. August spielen die sympathischen Finnen ihre letzte Schweizer Festivalshow für dieses Jahr am SummerDays Festival in Arborn.

 

Sie teilen sich die Bühne mit Künstlern wie Jan Delay, Milky Chance und dem Supervitamin-Künstler Müslüm. Einen Tag zuvor treten die Rockkönige Deep Purple (“Smoke on the water”) am Bodenseeanstoss auf. Sie werden unter anderem unterstützt von dem Querflötenvirtuosen Ian Anderson, von Alan Parson und Fish. Nach Mitternacht garantieren die Jungs von The Baseballs mit sexy Hüftschwung, viel Humor und jeder Menge Rock ‘n’ Roll eine Bombenstimmung. Ein krönendes Ende einer Open Air Season.

Wenn Studierende an einen Gott glauben

Raphael sieht nicht aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Seinen Kleidungsstil kann man als “hip” bezeichnen. Auf seiner braunen Ledertasche klebt ein schwarzer Sticker, auf dem “Frank needs help” zu lesen ist. “Das ist der Name unserer christlichen Metal-Core Band”, erklärt er mir. Raphael ist 21 Jahre alt, studiert an der Pädagogischen Hochschule Bern (PH Bern) und praktiziert seinen Glauben regelmässig in verschiedenen Frei- und Landeskirchen.

 

Konservative Evolutionsleugner?

2009 hat der Schweizerische Nationalfonds eine Studie veröffentlicht, die landesweit die Alarmglocken läuten liess. Eine Erhebung an der PH Bern hatte zu Tage gefördert, dass 15 bis 20 Prozent der Studierenden über “absolute Glaubensgewissheit” verfügten, evangelisch-reformiert seien und sich oft freikirchlich engagierten. Schweizweit behandelten verschiedene Zeitungen die Studie und malten Schwarz. War die pädagogische Hochschule auf dem besten Weg einen Haufen konservativer Evolutionsleugner für das Lehreramt auszubilden?

 

Er rede grundsätzlich gerne über seinen Glauben, sagt Raphael bei unserem Treffen. Es sei aber nicht so, dass er versuche, jemanden zu bekeheren. Nach einer kurzen Begrüssung im Universitätsgebäude an der Fabrikstrasse 8 hatten wir uns auf einer Bank am Rand des Campus gesetzt. Ich frage ihn, ob die hohe Zahl gläubiger Studierender die Unterrichtsqualität beeinflusse. “Es wird oft über den Glauben diskutiert”, sagt er. Daran merke man, dass es viele fromme Studierende gebe. Eine Beeinträchtigung des Unterrichts habe er bis jetzt aber nicht erlebt.

 

Gottesdienst auf dem Uni-Campus

Szenenwechsel: Sonntagmorgen auf dem von-Roll-Areal der PH Bern. Vor mir heben Menschen die Hände zum Gebet gegen die Decke, während sie im Takt zur Musik wippen, deren Genre ich irgendwo zwischen Mia Aegerter und Polo Hofer einordnen würde. Ich befinde mich keine hundert Meter entfernt von dem Ort, an dem ich zwei Tage zuvor mit Raphael das Interview geführt hatte. An der Fabrikstrasse 12 fand gerade eine “celebration” statt, so nennt die Freikirche “International Christian Fellowship” (ICF) ihre Gottesdienste.

 

Die Räumlichkeiten, in denen diese Treffen abgehalten werden, haben mit einer Kirche wenig gemeinsam, vielmehr erinnern sie an ein Konzertlokal: Parkettboden, abgedunkelte Fenster und farbige Scheinwerfer. Seit einer halben Stunde heizt eine fünfköpfige Band dem Publikum ein.

 

Konzert mit religiösen Texten

Das Zielpublikum von ICF ist im Alterssegment zwischen 20 und 30 Jahren anzusiedeln. Das ist einerseits am auffallend jugendlichen Publikum zu erkennen, andererseits an der Art und Weise, wie bei ICF der Glaube im Vergleich zu den Landeskirchen praktiziert wird: Die erste Hälfte des Gottesdienstes kam einem gewöhnlichen Konzert gleich, nur dass die in Mundart und Englisch gesungenen Texte deutlich religiös gefärbt waren. Bei der anschliessenden Predigt spielt der Pastor Videoclips ein und liest die einschlägigen Bibelverse vom Ipad ab.

 

Nach dem Gottesdienst spreche ich am “Infopoint” des ICF mit einer Psychologiestudentin, die mir erklärt, dass der Altersdurchschnitt bei den abendlichen “celebrations” sogar noch tiefer sei. Warum ICF ihre Gottesdienste ausgerechnet auf dem Campus der PH Bern abhalte, kann sie mir nicht beantworten. “Vermutlich ist die Miete einfach besonders gut”, sagt sie lachend.

 

2014 hatten anonyme Aktivistinnen eine “celebration” von ICF gestürmt. Um gegen Homophobie zu protestieren, stellten sie sich auf die Bühne und fingen an, mit gleichgeschlechtlichen Partnern zu knutschen. Angeblich war zuvor publik geworten, dass ICF Homosexualität als etwas Unnatürliches und Unbiblisches betrachte.

 

Die Bibel ist kein wissenschaftliches Buch

“Ich habe nichts gegen Homosexuelle”, sagt Raphael bestimmt. Mittlerweile haben sich die umliegenden Bänke mit Sudierenden gefüllt, die ihr Mittagessen in der Sonne geniessen wollen. “Gott sagt, man solle jeden und jede lieben.” Er könne nicht verstehen, was die Kirche gegen Homosexualität einzuwenden habe. Gleichzeitig ist er sich aber bewusst, dass er hiermit innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft eine liberale Position vertritt. “Homosexualität ist auf jeden Fall ein kontrovers diskutiertes Thema.”

 

Dann die Gretchenfrage: Wie hast du es mit der Evolutionstheorie? Raphael schaut mich verdutzt an. “Ich bin ziemlich überzeugt, dass die Evolutionstheorie stimmt”, sagt er. Trotzdem schliesse das die Schöpfungstheorie, wie sie im alten Testament zu finden sei, nicht aus. “Die Wissenschaft sagt uns WIE etwas abläuft, während der Glaube das dazugehörige WARUM liefert”, fügt er hinzu. “Die Bibel ist eben kein wissenschafltiches Buch.”

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Vorerst letzter Brief aus Deutschland

Liebe Schweizerinnen und Schweizer,

 

Liebe Tink-Redaktion, liebe Kinder,

 

heute ist es Zeit Abschied zu nehmen. Dies wird unser letzter Brief an die Schweiz.

 

Es mag für euch überraschend kommen, aber mit dem ersten Brief damals im März 2014 haben wir bereits den Abschied eingeläutet.

Unsere Mission ist erfüllt. Unsere Aufgabe geschafft. Wir müssen weiterziehen. Andere Länder brauchen jetzt unsere Hilfe. Es gibt noch so viel zu tun.

Aber für die Schweiz haben wir alles getan, was wir tun konnten und wir können behaupten: Wir sind mächtig stolz auf euch!

 

Und auf uns!

 

Ja, denkt doch mal zurück an die Zeit vor unseren wöchentlichen Briefen. Die Schweiz war ein Schandfleck Europas. Sie war hässlich, unfreundlich, humorlos, spießig, unbedeutend und hat gestunken.

 

Doch wir haben es geschafft, aus eurer Nation ein weniger spießiges Land zu machen, das zumindest bei einigen Völkern nun mehr geschätzt wird als je zuvor. Und betrachtet euch doch einmal selbst: Ihr müsst euch nicht länger schämen, Schweizer zu sein, Ihr könnt endlich wieder erhobenen Hauptes durch die Straßen flanieren und einander mit einem freundlichen “Hoi, auch Schweizer?” grüßen.

 

Es hat sich so viel zum positiven entwickelt, dass wir selbst überrascht sind, weil zahlreiche Änderungen von vielen, inklusive uns, im Laufe der vergangenen eineinhalb Jahre gar nicht bemerkt wurden. Doch es sind vor allem die Kleinigkeiten, die den Imagewandel bezeugen.

 

Allein stimmungsmäßig. So verspüren die Autoren dieser Briefe vor dem Verfassen mittlerweile keinen blanken Hass, Aggression, Wut und Ekel mehr, wenn sie nur an die Schweiz denken (wie es zu Beginn der Briefe regelmäßig der Fall war), sondern ein angenehmes Wohlempfinden. Ja, fast so etwas wie…Liebe.

 

Und das war für uns das dringende Signal, un-ver-züg-lich mit den wöchentlichen Kolumnen aufzuhören.

 

Ja, ihr seid geheilt.

 

Gut, das war das. Aber was wird nun aus diesem lukrativen Platz, den Tink diesen Briefen wöchentlich auf ihrer Seite zur Verfügung stellte?

 

Er ist ab kommendem Freitag ja wieder frei. Wir denken an eine wöchentliche Wirtschaftskolumne, wir kennen da einige ganz wunderbare kompetente Menschen, die sicherlich Spaß hätten, ihr Wissen mit euch Schweizern zu teilen. Es würde trocken und humorlos werden. Aber informativ.

 

Oder endlich mal eine Wettervorhersage! Sowas fehlt Tink ja auch noch komplett. Und sowas betrifft ja auch irgendwie jeden.

 

Oder die besten Witze! Wir haben gute Kontakte zur hiesigen Humorszene.

 

Davon wäre sicherlich jemand bereit, euch jeden Freitag einen Witz zu erzählen.

 

Ach, Tink wird schon was einfallen.

 

Bis nächste Wo- halt nein. Macht’s gut!

 

Euer Deutschland

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

Menschen wie du und ich

Weisse Tischtücher schmücken den Zeltplatz Eichholz in Bern. Rauchiger Pizzaduft schleicht durch das Zelt, in dem sich Ende Juli genau 76 Jugendliche mit und ohne Behinderung für ein gemeinsames Sommerlager eingefunden haben. “Wir sprechen absichtlich von Menschen mit und ohne Behinderung”, betont Jonas Staub, Geschäftsleiter der Organisation Blindspot, der nationalen Förderorganisation für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung, denn primär seien wir alle Menschen, ob mit oder ohne Behinderung. Hier würden alle gleich behandelt werden, fügt er an.

 

An diesem Morgen steht die Zubereitung von Crêpes und Pizzen auf dem Programm. Jonas Staub läuft auf der Suche nach Wallhölzern mit dem Mobiltelefon am Ohr den Zeltplatz rauf und runter. “Das ist ein wichtiger Moment für uns”, betont er, denn zum Essen seien auch die Familien sowie Stiftungsmitglieder der Partnerorganisationen geladen. Bevor es losgeht, trommelt Staub die Gruppe von Servierenden zusammen – darunter ebenfalls Jugendliche mit Behinderung – und stellt sicher, dass alle wissen, was zu tun ist und sie sich mit ihrer Aufgabe sicher fühlen.

 

Noch ehe der letzte Tisch in Weiss gehüllt wird, treffen erste Gäste ein. Die zuvor vermissten Wallhölzer sind längst im Einsatz, als Jonas Staub das prall gefüllte Zelt um Aufmerksamkeit bittet. Es könne etwas länger mit den Bestellungen dauern. Die Verzögerung wirkt sich jedoch nicht negativ auf die Stimmung aus.

 

Der Weg in die Selbstständigkeit

Rund 30 Prozent der Teilnehmenden am Sommerlager haben eine Behinderung. Doch auffallen tun sie nicht besonders. Das Ziel der Veranstaltung besteht darin, eine Plattform für gemeinsame Aktivitäten zu bieten. “Wir leben in einer Gesellschaft, in der stark separiert wird”, sagt Staub. Im Inklusionsprojekt gäbe es aber weder Sonderschulen, noch Sonderbehandlungen. Falle einem blinden Mädchen beim Essen die Gabel herunter, so würden die Verantwortlichen nicht sofort hinrennen, um das Besteck aufzuheben. In einem solchen Fall soll das Kind selbst die Initiative ergreifen und Hilfe suchen.

 

Die Jugendlichen sollen lernen, miteinander zu sprechen und durch positive Erfahrungen Vorurteile abzubauen. “Bei Jugendlichen klappt das einfacher als bei uns Erwachsenen”, betont Staub. Dabei geht das Team von Blindspot, das von vielen freiwilligen Helfern unterstützt wird, nach einem Plan vor, der zunächst skrupellos klingen mag: Wenn ein Kind nicht gleich am ersten Tag Freunde findet, so beliessen es die Verantwortlichen eine Weile dabei. “Wir greifen nicht sofort ein, um zu verkuppeln”, sagt Jonas Staub. Die Jugendlichen sollen selbst den Mut aufbringen, auf andere zuzugehen. Nur durch die Überwindung von Hemmschwellen könnten die Jugendlichen Lernschritte machen und positive Erfahrungen mit anderen sammeln. Wenn die Kinder am ersten Tag nicht wüssten, wie auf andere zuzugehen sei, so sei dies zwar hart, doch erst mit der Überwindung könnten sie sich weiterentwickeln. Dies soll wiederrum Vorurteile abbauen. Die Ergebnisse dieser scheinbar harten Methode sprechen für sich.

 

Positives Feedback

So betont die Mutter von Gioya, die bereits zum dritten Mal am Camp teilnimmt, dass sie bei diesem Lager das beste Gefühl habe. Gioya besucht auch Ferienlager, die ausschliesslich für Kinder und Jugendliche mit Behinderung organisiert werden, doch hier stünde nebst einem trendigen Programm – Streetart, Chillen, Fechten, Skaten u.v.m – der Abbau von Vorurteilen im Vordergrund. “Es ist unglaublich, welch grosse Fortschritte meine Tochter hier gemacht hat”, sagt Gioyas Mutter.

 

Obschon die Teilnehmenden aus vielen Aktivitäten auswählen können, ist das Rahmenprogramm nicht überfüllt,  abends steht Freizeit auf dem Programm. Auch dies sei eine der Massnahmen, damit die Teilnehmer lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen, aktiv zu werden und sich mit sich selbst und anderen auseinandersetzen. Oftmals gäbe es Kinder, denen zu Hause oder im Heim alles serviert werden würde. Auch wenn dies für sie angenehm sein möge, “so werden sie nicht darauf vorbereitet, wie es in der Gesellschaft tatsächlich abläuft.”, sagt Jonas Staub.

 

Inklusion als Ziel

So normal der Umgang mit dem Anderssein auf dem Platz auch scheint, noch ist das Ziel von Blindspot nicht erreicht. Inklusion, der sich die Veranstalter verschrieben haben, ist noch lange nicht selbstverständlich in unserer Gesellschaft. Waren Sie schon einmal in einer Situation, in der Sie nicht wussten, wie mit einer Person (mit oder ohne Behinderung) umzugehen ist? Die verwirrte, fluchende Dame am Zürcher Stauffacher, die Passanten zu verhexen scheint. Der blinde Mann, der zwischen Thun und Bern pendelt und dem nachgesagt wird, er sei gar nicht blind. Oder der taube junge Herr im Zug, der Sie fragt, ob die Musik, die Sie gerade hören, gut sei. Wie reagieren Sie, wenn Sie diesen Menschen begegnen?

 

Am besten menschlich. “Führen Sie sich vor Augen, dass wir alle Menschen sind, ob mit oder ohne Behinderung.”, meint Jonas Staub dazu. Jeder von uns hat Ecken und Kanten. Und es ist viel mehr möglich, als wir denken. Jonas Staub hat eine Technik für blinde Snowboardfahrende entwickelt, obwohl es hiess, dass dies kaum möglich sei. Im Grunde hätten wir doch immer noch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, sagt Jonas Staub.

 

Vielleicht werden solche Anlässe in Zukunft nichts Besonderes mehr sein. Vielleicht wird Inklusion eines Tages so selbstverständlich werden, dass es sich für Reporter nicht mehr lohnt, darüber zu berichten. Bis dahin setzt sich Blindspot mit verschiedensten Projekten für das Zusammenleben unter Menschen (mit oder ohne Behinderung) ein. Hier, auf dem Zeltplatz mit den weissen Tischtüchern, sind alle Anwesenden gleichberechtigte Menschen. Menschen wie du und ich.

 

Mehr zum Thema


 

Blindspot ist eine nationale Förderorganisation für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung.
Weitere Informationen: http://www.blindspot.ch/

Cooltour ist ein inklusives Ferienlager für Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren. Bei Cooltour stehen die gemeinsamen Erlebnisse, der Spass und das Zusammenleben im Mittelpunkt.

Weitere Informationen: http://www.cooltour.ch/

 

 

 

 

Elegantes Versteckspiel

Nicht enden wollende Liebesgeschichten erzählt Lee Toland Krieger im Film “The Age Of Adaline”, im Mittelpunkt derer eine einzige, unsterbliche Frau steht. Ein Unfall gibt ihrem jungen Leben eine Wendung, von der die meisten Frauen nur träumen können – Adaline hört auf zu altern. Für immer 29 bleiben, wer will das schon nicht? Doch was lässt sich mit der unbegrenzten Zeit noch anfangen wenn das Vermögen gesichert, die Blindenschrift erlernt, und die grosse Liebe gefunden und verloren ist? Das Geschenk wird zur Last. Das Versteckspiel zermürbt die Nerven und ihre gebrechliche Tochter, die sich als Grossmutter Adalines ausgeben muss, bringt die Gedanken an den Tod näher, während das Erblassen von der schönen Blondine nicht weiter entfernt sein könnte.

 

Verstecken um den Preis des eigenen Glücks

Über hundert Jahre hat die junge Dame auf der Erdkugel verbracht, sie scheint sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben, bleibt dezent, fällt nicht auf. Doch am Silvesterabend ist sie nicht zu übersehen. In dieser Nacht lern sie Ellis Jones, gespielt von Michiel Huisman kennen. Blicke kreuzen sich, bleiben aneinander haften, doch Adaline rennt nach kurzem Wortwechsel mit Ellis nicht das letzte Mal in der Geschichte vor der Liebe davon.

 

Dritte Wahl

Sowohl Katherine Heigl als auch Natalie Portman wurde die Rolle der Adaline angeboten. Blake Lively, die bisher vor allem durch das Spiel der reichen, lockeren Blondine aus der Serie “Gossip Girl” bekannt war, steht den zwei ersten Wahlbesetzungen jedoch in Nichts nach. Graziös verschnürt sie die Erfahrung Adalines in natürliche Eleganz, ohne altbacken zu wirken. Die Sprache gewählt, die Bewegungen langsam und bedacht. Erst als sie in den Mittelpunkt des Lebens von Ellis Jones (Michiel Huisman) gerät, lässt sie sich, wenn auch nur kurz, gehen. Verliert sich. Verliebt sich. Versteckt sich wieder.

 

Sie scheut generell die Kamera und sagt zu ihrer Tochter über ein altes Foto von sich: “Wenn du eines gesehen hast, hast du sie alle gesehen.” Dabei wirkt sie weder wütend, noch traurig über ihr Schicksal. Nur manchmal lässt sie ihre Reue aus einer Kiste der Erinnerungen entweichen. Langeweile tangiert sie nicht, doch die Angst, ihr Geheimnis preiszugeben, quält sie bis zum tragischen Höhepunkt der Geschichte, als eine alte und eine neue Liebe aufeinander treffen und ihr meist gehütetes Mysterium enthüllen.

 

Fazit

Eine Geschichte, die an Science-Fiction erinnern sollte, jedoch als romantisches Märchen erzählt wird. Das Ende kommt nicht überraschend und auch die Wendepunkte der Handlung sind zu erahnen. Die Sanftheit der Geschichte sowie die Eleganz Blake Livelys machen den Film dennoch sehenswert – vor allem für Liebhaber und Liebhaberinnen romantischer Märchen.

 

 

Salt Cinema auf der Grossen Schanze in Bern

 


 

Das Programm finden Sie unter http://www.saltcinema.ch/de/bern/programm.html

Zweiundsechzigster Brief aus Deutschland

Hallo Schweiz!

 

Hatten wir schon mal das Thema “Pünktlichkeit” mit Euch erörtert? Und das Thema “Vorurteile”? Dazu fallen uns nämlich heute gleich zwei tolle und lustige Anekdoten ein.

 

Wie Ihr ja wisst, gelten wir Deutsche als enorm zuverlässig und pünktlich. Bei einer Verabredung gilt es als extrem unhöflich, wenn man nicht schon mindestens fünf Minuten vorher am Treffpunkt ist. Wer auf die Minute genau kommt, gilt als Hallodri und Schwerenöter. Alles darüber hinaus kann eigentlich nur Ausländer sein; der moderne Deutsche sieht dann großzügig etwas darüber hinweg, denn “er kann ja nichts dafür, dass er halt Südländer ist.” Aber es wird natürlich gespeichert, tief im Deutschhirn, und bei gegebener Zeit hervorgekramt. Zum Beispiel am Geburtstag, wenn man dann endlich wieder das typischste aller deutschen Geschenke verschenken kann: eine funkgesteuerte Uhr, die sich nach dem Physikalischen Institut in Braunschweig richtet, der “genausten Uhr der Welt”, wie es dann heißt. Andere Institute wie die Atomuhr in Tokio oder die in Phoenix haben garantiert nicht die absolute Genauigkeit.

 

So, und nun kommen wir also und räumen mit diesem Vorteil des pünktlichen Deutschen auf. Ein Beispiel ist dieser Brief hier, der immerhin stolze drei Tage zu spät kommt.

 

Wir haben uns da einfach an die Gepflogenheiten der Schweizer angepasst. Denn hier müssen wir mit einem weiteren Vorurteil aufräumen: Auch der Schweizer ist alles andere als pünktlich.

 

Als wir mit den Briefen begannen, haben wir diese immer spätestens Freitagvormittag bis 10 Uhr der Tink-Redaktion auf den Schreibtisch geknallt.

 

Die Folge war, dass sie zwischen Freitagabend und Montagmittag veröffentlich wurden. So wie es der feinen Redaktion gerade in den Kram passte.

 

Wir stellten schnell fest, dass der “immer pünktliche Schweizer” genauso wenig existiert wie der “ständig pünktliche Deutsche”.

 

Und so passierte es, dass unsere Briefe immer später eintrafen und auch immer später veröffentlicht wurden.

 

Und heute haben wir schon Montag. Uns würde es nicht wundern, wenn dieser Brief erst Mittwoch erscheint

 

Aber wen schert’s?

 

Pünktlichkeit wird viel zu wichtig genommen. Der Trend geht hin zum “Komm wann du willst”. Die Autoren dieses Briefes halten sich schon lange an das neue Motto. Die Folge ist, dass sie sich seit fast drei Monaten nicht mehr persönlich getroffen haben, da die vereinbarte Uhrzeit von “20 Uhr” von keinem der beiden mehr ernst genommen wird. Und während der eine etwa zwei Stunden später am Treffpunkt erscheint, ist der andere bereits nach einer Stunde schon wieder gegangen.

 

Unpünktlichkeit ist das neue Schwarz.

 

In diesem Sinne, bis kommenden Freitag. Oder Samstag.

 

Oder Montag. Wer weiß das schon.

 

Euer Deutschland

Zwischen Tragik und Humor

Glanz, Tanz und Spass prägen die erste Szene des Films “Heute bin ich Samba”. Samba – wie der Tanz. Samba, wie der junge Mann, ein Sans-Papier, der sich als Tellerwäscher in Paris durchschlägt. Bald, sagt Samba, könne er in der Küche arbeiten. Doch dazu fehlen die Papiere. Unter unglücklichen Umständen landet der Einwanderer in Abschiebehaft. In seiner aussichtlosen Lage verliebt er sich in Alice (Charlotte Gainsbourg), die ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe arbeitet. Alice versucht, die Distanz zu Samba zu wahren, dieser begeht inzwischen einen Fehler und setzt dadurch die eben gewonnene Freundschaft mit Jonas, den er in der Abschiebehaft kennengelernt hat, aufs Spiel. Die Ereignisse überschlagen sich.

 

Zwischen Glanz und Tellerwäsche

Während sich die Reichen und Schönen im Glanz der Verschwendung sonnen, befindet sich eine Küchentür weiter eine komplett andere Welt. Wie ist es, als illegaler Einwanderer auf den Strassen von Paris zu leben? Wie ist es, seinen eigenen Namen vergessen zu haben? Die Antwort darauf liefert Omar Sy als Samba in der bewegenden Filmkomödie des Regie-Duos Éric Toledano und Olivier Nakache. Die beiden überzeugten mit “Intouchables” (Ziemlich beste Freunde) 2011 ein breites Publikum und holten unter anderem den Golden Globe als “Bester fremdsprachiger Film”. Samba ist ernster und widersprüchlicher. Während sich bei “Intouchables” ein unpassendes Paar gefunden hat, setzt Samba auf die Unterschiede zwischen den Welten auf unserem Planeten. Die Macher lassen Menschenwelten aufeinander prallen, die sich in der Realität nur scheinbar nie begegnen.

 

Gegensätze in ihrer reinsten Natur

Burnout ist bei den Einwanderern kein Begriff. Ihre Träume sind klar: Eine Aufenthaltsbewilligung, Arbeit. Doch zu den Existenzängsten gesellen sich menschliche Fehltritte. Verrat an Freunden, die Liebe, Reue, Gefühle und Tradition stellen sich ihnen in die Quere. Probleme, die weder vor Armut noch vor Reichtum halt machen, breiten sich über die Geschichte aus. Die Figuren kämpfen für sich, aber auch gegen sich selbst. Dabei bleibt die Erzählung mehrheitlich humorvoll, wenn auch auf tragische, ehrliche Weise. Bürokratie und Verständigungsschwierigkeiten, vor allem aber Gefühle wie Wutausbrüche, sorgen für Lacher in jeder noch so trostlosen Situation. Die Sorgen des Alltags vermischen sich mit den grundsätzlichen Sorgen und als Sambas Unglück nicht grösser werden kann, trifft ihn das eigentliche Pech.

 

Omar Sy und Charlotte Gainsbourg

Omar Sy überzeugt erneut mit grossartiger Schauspielleistung. Samba berührt, ohne zu verstimmen, während Charlotte Gainsbourg gekonnt viele Widersprüche in einer Rolle vereint. Ihre Lust auf Samba stellt sich der durch Tabletten verursachten Leere und Antriebslosigkeit entgegen. Ihre Liebe zueinander bildet den grössten Kontrast des Films.

 

Einzig die, wenn auch wunderbar komponierte -jedoch teilweise unpassende und übertrieben melancholische –  Klaviermusik von Ludovico Einaudi erinnert zu stark an den Publikumserfolg “Ziemlich beste Freunde”. Wo sie die Tragik beim Vorgänger zu unterstreichen wusste, scheinen die Töne in “Samba” das Drama künstlich herbeiführen zu wollen. Widersprüchliche Klänge – nicht nur zu Beginn des Films – hätten für Authentizität sorgen können.

 

Das Fazit bleibt dennoch durchwegs positiv. “Samba” ist eine polarisierende Geschichte einander ergänzender Widersprüche. Zwischen Träumen und Hoffnungslosigkeit, Liebe und Verrat, Glück und Pech laufen Tragik und Humor Hand in Hand.

 

 

Salt Cinema auf der Grossen Schanze in Bern


Das Programm finden Sie unter http://www.saltcinema.ch/de/bern/programm.html

Schweizer Handwerk mit WAUW-Effekt

Bunte Keramikvasen, vegane Burger, Skurrile Roboter oder stylische Stofftaschen. An der WAUW gab es für jeden Geschmack etwas zu sehen, zu riechen, zu probieren oder zu hören. Nicht umsonst stehen die vier Buchstaben für wunderlich , authentisch, ungewöhnlich und wahnsinnig. Die kleine Messe feierte am letzten Maiwochenende seine Premiere und lockte rund 2000 neugierige Besucher nach Luzern.

 

Hinter dem vielversprechenden Namen WAUW steckt ein einfaches und unkompliziertes Konzept: Die Veranstalter wollen jungen kreativen Leuten aus den Bereichen Design, Kunst, Handwerk oder Kulinarik eine günstige Ausstellungs-Plattform in ungehobelter Atmosphäre bieten. So können neue Netzwerke geknüpft werden und spannende Zusammenarbeiten entstehen.

 

Urbane Idylle

Als Location von WAUW dienten die Räumlichkeiten des Beleuchtungsunternehmens sinnlicht in einem etwas versteckten, unscheinbaren Fabrikgebäude an der Luzerner Industriestrasse. Doch dank den vielen bunten Luftballons, die davor in den blauen Himmel ragten, war die Ausstellung schon von weitem kaum zu übersehen. Der Kiesvorplatz direkt vor dem Gebäude, gesäumt von Pflanzen und Topfblumen, machte einen freundlichen und einladenden Eindruck.

 

Für das leibliche Wohl sorgten Essensstände mit veganen Burger oder feinem Glacé. Gut gelaunte Besu-cher sassen um runde, klapprige Holztische beim Plaudern, Essen und Trinken, während einige Kinder “Fangis” spielten. Eine kleine, familiäre Idylle mit künstlerischem Flair mitten in der Stadt Luzern. Die Rahmenbedingungen für einen gelungenen Anlass konnten nicht besser sein.

 

“Keep it local”

Das eigentliche Highlight des “Festivals der Sinne” erwartete einen beim Betreten des alten Fabrikhauses, wo etwa 30 Aussteller auf zwei Stockwerken verteilt, einen Einblick auf ihre sorgfältig präsentierten Kunst- und Handwerke boten.

 

Einer der Aussteller war Samuel Reichmuth. Er nutze WAUW, um sein 2013 gegründetes Fashion-Label BADI CULTURE erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren. Aufgewachsen als Schweizer in Südafrika ist er geprägt von den Gegensätzen der beiden Kulturen und verbindet sie in Form von erdfarbenen Taschen und Rucksäcken aus hochwertigem Leder oder Baumwolle. Seine Kollektion zeichnet sich durch ein schlichtes, zeitloses und dennoch funktionelles Design aus. Hergestellt werden die Accessoires aus loka-len Materialien in zwei südafrikanischen Fabriken, die Reichmuth selbst ausgesucht hat. Gute Arbeitsbe-dingungen für Mitarbeitende und nachhaltige Produktionsverhältnisse, die sich zurückverfolgen lassen, sind dem jungen Designer enorm wichtig, wie er betonte.

 

Renaissance des Handwerks

Neben nachhaltig hergestellten Gepäckstücken gab es aufgepeppte Vintage-Möbel, exotische Limonaden mit selbst gemalten Etiketten oder Skulpturen aus recycelbarem Material wie PET zu bestaunen. Die Bandbreite in der Schweizer Kunst- und Handwerksszene ist zweifellos vielfältig. Und eine Gemeinsam-keit haben sie doch alle: Die Herstellungsweise erfordert viel Kreativität, Geduld und Sorgfalt. Mit ihren von Hand hergestellten Objekten und Kunstwerken boten die Aussteller eine erfrischende Abwechslung zur heutigen Massenproduktion. Der Besucherandrang und die durchaus positive Resonanz bestätigten, dass die Nachfrage nach unverwechselbaren, langlebigen Dingen aktueller denn je ist. Auch für die Aus-steller war die Messe eine optimale Gelegenheit Käufer für ihre Produkte zu überzeugen oder Zusammen-arbeiten mit anderen Künstlern einzugehen. Das Organisationskomitee zeigte sich äusserst zufrieden und will den Event auch kommendes Jahr wieder durchführen. Wer dieses Jahr also nicht dabei sein konnte, kann sich bereits auf nächsten Frühling freuen, wenn das Festival der Sinne das zweite Mal seine Tore öffnen wird. Interessierte, die nächstes Jahr bei WAUW mitmachen wollen, können sich auf in-fo@wauw15.ch melden.