Gesellschaft | 01.07.2015

“Es lässt sich gut damit leben!”

Text von Anna Bachofner | Bilder von Anna Bachofner)
Céline* war zwölf Jahre alt, als bei ihr Diabetes mellitius Typ 1 festgestellt wurde. Mit Tink.ch hat die heute 25-jährige Masterstudentin über ihr Leben mit dieser Krankheit und über die Herausforderungen gesprochen.
Céline*: "Heute ist Diabetes ein Teil von mir." (
Bild: Anna Bachofner)

Tink.ch: Du weisst seit deinem zwölften Lebensjahr, dass du Diabetes Typ 1 hast. Wie wurde das herausgefunden?

Céline*: Ich hatte im Vorfeld etwa zwei Jahre lang die typischen Symptome: grossen Durst und Hunger, ich war sehr müde und musste oft aufs WC. Als ich dann mit meiner Familie in Stockholm in den Ferien war, bin ich ins diabetische Koma gefallen.

 

Wie war es, als du von deiner Krankheit erfahren hast?

Eigentlich habe ich so etwas schon geahnt. Schliesslich habe ich mich zwei Jahre lang schlecht gefühlt. Ich habe es von meinen Eltern erfahren, da ich die Ärzte nicht verstehen konnte. Das erste, was ich darauf geantwortet habe, war, dass ich Gott keine Schuld an meiner Krankheit gebe. Schliesslich war es nun mal so und alles was ich tun konnte, war, es zu akzeptieren.

 

Aber es war sicher nicht immer einfach als Kind mit der Krankheit umzugehen?

Ja, das stimmt. Wenn du als Jugendlicher erfährst, dass du Diabetes hast, bist nicht nur du in einem schwierigen Alter, sondern auch die anderen Kinder. Am meisten hat mir wehgetan, als ein Mädchen auf dem Pausenplatz behauptete, dass ich Diabetes hätte, weil ich zu viel Süsses gegessen habe. Dabei hatten wir zu Hause fast nie Süssigkeiten.

 

Und wie sieht heute dein Alltag mit Diabetes aus?

Am Anfang war es schon schwierig. Ich musste lernen, das Insulin richtig zu spritzen und die Kohlenhydrate zu berechnen. Gut ist, dass man das allein machen kann und man die Krankheit ansonsten nicht sieht. Aber es braucht viel Überwindung und auch Disziplin, sich regelmässig das Insulin zu spritzen. Es hat auch sehr lange gedauert, bis ich vor anderen spritzen konnte. Und im ersten Jahr nach der Diagnose hatte ich das Gefühl, als würde ich fasten.

 

Ich habe mich genau an den Ernährungsplan gehalten und kein einziges Bonbon oder Stück Schokolade gegessen. So diszipliniert war ich. Heute habe ich eine Insulinpumpe und muss mich nicht mehr jedes Mal vor dem Essen stechen. Ich bin mit den Essenszeiten flexibler geworden, muss jedoch immer noch darauf achten, dass ich nicht zu lange schlafe. Ansonsten sinkt mein Blutzuckerspiegel in der Nacht zu sehr und ich bin am Morgen ohnmächtig.

 

Es gibt also Möglichkeiten, sich trotz Diabetes möglichst viele Freiheiten zu erhalten?

Ja, die gibt es! Ich wollte zum Beispiel unbedingt ein Auslandssemester während des Studiums machen, um mir zu beweisen, dass ich mich in einer fremden Umgebung zurecht finden kann. Das war sicherlich gut für mein Selbstvertrauen.

Während des Aufenthaltes in Russland habe ich mich einmal mit einer jungen Frau über Krankheiten in der Schweiz unterhalten. Als ich ihr sagte, dass ich Diabetes habe, hat sie mich gefragt, wieso ich denn noch lebe. Ihr Bruder hätte auch an dieser Krankheit gelitten und sei nach drei Jahren gestorben. Ich denke, weil er auf dem Lande nicht rechtzeitig die richtige medizinische Versorgung erhalten hatte.

 

Also kann man von Glück reden, dass bei dir Diabetes richtig erkannt und behandelt worden ist?

Ja und es ist auch ein Glück, in der Schweiz Diabetes zu haben. Die Krankheit tut nicht weh und es lässt sich hier recht gut damit leben. Wenn ich aus einer Palette von chronischen Krankheiten eine auswählen müsste, würde ich auf jeden Fall Diabetes wählen. Natürlich bringt jede Krankheit ihre Schwierigkeiten mit sich, aber auch ohne Diabetes wäre mein Leben nicht perfekt.

 

Durch diese Krankheit wurde mein Interesse an der Funktionsweise des menschlichen Körpers geweckt und zudem fordert sie viel Disziplin, auch auf der menschlichen Ebene. Es ist schwierig zu erklären, dass ich trotz eines ganzen Körpers, der so aussieht, als ob er normal funktionieren würde, krank bin. Ich sehe diese Herausforderungen aber als etwas Positives an. Ich wünschte mir nur, dass die Menschen um mich herum Diabetes als etwas Normales akzeptierten, mich von sich aus ansprechen würden und sich trauten, Fragen zu stellen.

 

Wie würdest du für dich Diabetes definieren?

Heute würde ich Diabetes als Teil von mir definieren. Früher aber war er für mich eine Anomalität. Die Konsequenz eines Organs, das nicht funktioniert, aber eigentlich funktionieren sollte. Diabetes bringt aber auch eine andere, bewusstere Lebenseinstellung und damit oft eine gesündere Lebensweise und Ernährung mit sich.

 

Zudem ist es für mich auch eine Art Mission oder Aufgabe, anderen mitzuteilen, wie ich lebe. Schon nur für meine eigene Sicherheit ist es wichtig zu wissen, wie man beispielsweise bei einer Unterzuckerung reagieren muss. Aber auch, damit die Symptome von Diabetes Typ 1 richtig und rechtzeitig erkannt werden können.

 

Céline*: Name der Redaktion bekannt

 

Informationen zu Diabetes


 

 

In der Schweiz leiden laut der Diabetes-Gesellschaft fast 500`000 Menschen an Diabetes. Etwa 40`000 davon sind vom Typ 1 betroffen. Bei dieser Art der “Zuckerkrankheit” handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit, bei der das eigene Immunsystem die für die Herstellung von Insulin benötigten Betazellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Häufig tritt der sogenannte juvenile Diabetes bereits bei Kindern oder Jugendlichen auf.

 

Diese bleiben ein Leben lang auf die Injektion von Insulin durch eine Spritze (Pen) oder Pumpe angewiesen. Die Insulinpumpe gibt rund um die Uhr kleine Mengen Insulin ab und ist durch einen feinen Schlauch mit dem Körper seines Trägers verbunden. Durch Knopfdruck kann vor dem Essen die gewünschte Insulindosis abgegeben werden. Wenn der Diabetes Typ 1 jedoch nicht behandelt wird, kann er zum diabetischen Koma oder sogar zum Tod führen.