Gesellschaft | 11.07.2015

Ein schweizerisches Dilemma

Text von Rade Jevdenic | Bilder von Rade Jevdenic)
Am heutigen 11. Juli jährt sich das Kriegsverbrechen von Srebrenica zum zwanzigsten Mal. Echte Versöhnung zwischen den betroffenen Völkern scheint bis heute mühsam voranzugehen. Wie verläuft die Aufarbeitung des Konflikts eigentlich für junge Secondos in der Schweiz? Eine Anklage an den schweizerischen Bildungsplan.
Ein durch den Krieg schwer beschädigtes Gebäude im Stadtkern von Belgrad. (
Bild: Rade Jevdenic)

Rund 300’000 Menschen mit Staatsangehörigkeit oder Herkunft aus dem ehemaligen Jugoslawien leben laut dem Bundesamt für Statistik in der Schweiz. Nicht gezählt in der Statistik sind tausende Schweizer mit Wurzeln im ehemaligen Staatsgefüge in Mittel- und Südosteuropa. Sie alle haben etwas gemeinsam: Ihre Wurzeln liegen in der Region, die vor mehr als 20 Jahren von einer Reihe schwerer Bürgerkriege erschüttert wurde.

 

Da alle diese Ethnien in der Schweiz durchmischt leben, anstatt geografisch isoliert wie in weiten Teilen des Balkans, sollte Aussöhnung nicht schwer sein. Doch trotz der geographischen Distanz und den zwei Jahrzehnten Aufarbeitungszeit, scheinen in vielen Köpfen noch Hass und Schuldzuweisungen einiges an Platz einzunehmen. Woher kommt das?

 

Dass unter Migranten und Schweizern mit südslawischer oder kosovo-albanischer Abstammung die Spannungen aus der Heimat in die Schweiz übertragen werden, ist kein Geheimnis. Doch wie diese schmerzlichen Erinnerungen und emotionalen Haltungen ihren Weg in die Schweiz fanden und eine Generation überdauerten, wird nicht ausreichend diskutiert und ist vielen deshalb unklar.

 

Zuerst muss festgehalten werden, dass nicht übergreifend ein Fazit gezogen werden kann, da die vielen Menschen, durch ihre individuellen Schicksale bestimmt, sehr verschieden mit der Vergangenheit umgehen. Jedoch ist besonders markant, dass sich  immer wieder junge Menschen, die in der Schweiz geboren oder aufgewachsen sind und keinen direkten Bezug zu den Jugoslawienkriegen haben, politisch zu jener Zeit äussern und patriotische Positionen beziehen.

 

Heimat und Identität

Das Phänomen lässt sich nicht isoliert auf die Jugoslawienkriege bezogen betrachten, sondern muss in die grössere Fragestellung, welche Beziehung diese vom Krieg verschonten Personen zu ihrer Heimat heute haben, eingeordnet werden. Denn jeder Mensch empfindet die eigene Identität unterschiedlich und sobald eine nationale Komponente wie Patriotismus oder Nationalstolz darin vorkommt, spielen geschichtliche und politische Vergangenheit meist bereits eine grosse Rolle.

 

Bei Menschen, die sich wenig oder kaum über ihre Nationalität definieren, scheint sich der Bezug zur ethnischen Herkunft stärker über ein Interesse an kulturellen Errungenschaften wie Literatur, Film und Musik  zu manifestieren. Manche nehmen sich selbst gänzlich als Schweizer wahr und pflegen die Bindung zum Herkunftsland sowie der damit verbunden Kultur kaum. Doch sobald Nationalität im Zentrum der persönlichen Identität ist, entsteht oft das Problem, dass eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Thematik kaum möglich ist, wie im Fall der Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, da die Informationsquellen, wie etwa Familienangehöre, traumatisiert sind und man online auf patriotisch orientierten Seiten und Foren oft Zugang zu kriegslegitimierenden und gewaltbejahenden Texten erhält.

 

Hinzu kommt, dass Eltern, welche vom Krieg selbst traumatisiert sind, womöglich im Sinne eines Verarbeitungsprozesses zu einer politischen Erziehung der Kinder neigen. Solange also der schweizerische Bildungsplan das Thema Jugoslawienkriege in diesem Ausmass vernachlässigt, fehlt eine Plattform zur differenzierten und konstruktiven Auseinandersetzung mit der Thematik für die jungen Menschen der Diaspora völlig.

 

Rassismus, Vorurteile und übertriebener Nationalstolz können gedeihen. Gehört also dieser militärische Konflikt, der die schweizerische Bevölkerungsstruktur bis heute formt und dadurch sowohl Schweizer als auch Bürger mit Abstammung von dieser Region direkt betrifft, noch immer nicht ausführlich behandelt in den Unterricht? Es scheint ein Dilemma – wohlgemerkt ein schweizerisches – Dilemma zu sein, da sich viele nicht an den sensiblen Sachverhalt heranwagen.

 

Aufarbeitung als Chance

Natürlich kann man nicht einzig die Schulen dafür verantwortlich machen. Eine nach Vorne gerichtete, konstruktive Aufarbeitung der Ereignisse in Jugoslawien beginnt mit der Erziehung und somit bei der Familie. Jugendliche, die während dem Prozess des Erwachsenwerdens in ihrer vielschichtigen Individualität gestärkt werden und von völkischen Ideologien verschont bleiben, statt einzig auf nationale Identität reduziert zu werden, erlernen wahrscheinlich eine gesündere Sicht auf die geschichtliche Vergangenheit Ihrer Heimat.

 

Frei von Vorurteilen, Hass und verbissenen Schuldfragen,  wer denn beispielsweise die erste Bombe warf oder wo die erste Mine explodierte. Natürlich ist Aufarbeitung der Geschichte wichtig. Sie darf auch Platz haben im Leben jedes jungen Serben, Bosniers, Kroaten, Montenegriners oder Kosovo-Albaners in der Schweiz. Doch Aufarbeitung funktioniert besser ohne Hass und Vorwürfe.