Gesellschaft | 06.07.2015

Ein paar ganz normale Paare

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von Yves Haltner)
Lea und Remo sind ein Paar, das nebst der ihren, auch noch weitere Liebesbeziehungen führt. Mit Tink.ch sprechen sie über Liebe, Eifersucht und ihre Beziehung(en).
Liebe im Dreieck - wenn nicht nur eine Hand zu halten ist. (
Bild: Yves Haltner)

Als ich kurz wegschaue, knutschen die beiden eng umschlungen vor der Kaffeemaschine. Während des zweistündigen Gesprächs über ihr Liebesleben haben sie einander oftmals tief in die Augen geschaut und sich gegenseitig angelächelt. Doch es ist das erste Mal, dass ich das Paar knutschen sehe.

Sie erinnern an zwei Teenager, die sich gerade erst kennengelernt haben, dabei sind Remo und Lea* seit zwei Jahren ein Paar. Lea führt aber auch zu Simon und Marc eine Beziehung. Remo hat auch noch eine weitere Freundin, Esther.

 

Es ist ein polyamores Paar um die fünfzig, mit dem ich in Leas Garten bei Kaffee und dem Genuss der letzten Sonnenstrahlen des Tages über die Liebe spreche.

Liebe sei für Lea etwas Fliessendes. Sie erzählt von ihren Kindern und davon, dass sie sich erst nicht vorstellen konnte, das zweitgeborene Kind genauso intensiv lieben zu können wie das erste. “Was passiert dann mit der Liebe? Halbiert sich diese und verteilt sich neu?”, fragte sie sich. Doch das Gegenteil sei eingetreten, ihre Liebe habe sich verdoppelt. “Warum soll das nicht auch mit Lebensabschnittspartnern möglich sein?”, fragt sie.

 

Remo, 50, hatte drei lange Beziehungen und lebte zuvor monogam. Einmal habe er sich mit seiner Ex verabredet, um ein Konzert zu hören. Die beiden kamen zum VIP Bereich und da stand Lea. “Es hat mich einfach zu ihr hingezogen. Von all den Frauen, die dort waren, wollte ich nur sie kennenlernen.”

 

Remos Stimme ist weich und sanft, sein Lächeln im ergrauten Bart beständig. Immer wieder spricht er seine Freundin direkt an. Sagt ihr, was er besonders an ihr mag und streichelt währenddessen ihre Hand, die mit einem grossen Silberring geschmückt ist. Frage ich nach ihren Vorzügen, nennt er diese und spricht sie dabei direkt an. Sie war diejenige, die ihm die Polyamorie näher brachte.

 

Leas Glas ist leer. Remo schenkt mit einer Selbstverständlichkeit nach, lächelt und bietet Kekse an. Lea erzählt, was ihr an ihm gefällt: Einfühlsam und aufmerksam sei er.

Lea sagt, sie habe seit sie denken kann nie verstanden, warum man nur eine einzige Person lieben soll. Zunächst etwas zögerlich erklärt sie, dass die Polyamorie in einigen Zeitungs- und Fernsehberichten entweder schmuddelig oder esoterisch dargestellt werde. Und fordert daraufhin, diese Lebensform, die nichts mit Swinger-Clubs zu tun habe, anzuerkennen.

 

“Wir sind ganz normale Menschen. Für uns hat Liebe jedoch nichts mit Besitz zu tun”, erklärt sie. Lea ist noch verheiratet, aber seit fünf Jahren von ihrem Mann getrennt. Mit ihm geniesse sie nur noch die schönen Sachen. Essen gehen und dabei über Erfreuliches sprechen nennt sie als Beispiel. “Den Zoff lassen wir weg”, fügt sie an.

Remo sei ganz anders als sie selbst. Sanftmütig, ruhig, ein Couch-Typ. Remo fügt ein: “Dank dir hab ich Action in meinem Leben.” Und Lea entgegnet: “Mit dir kann ich rumhängen.” Sie scheinen sich in ihrer Verschiedenheit zu ergänzen. Remo legt eine Jacke um ihre Schultern, es ist frisch geworden.

 

So seltsam ihre Liebe klingen mag, die Beispiele aus dem Alltag erscheinen eher unspektakulär. Doch eine Szene gibt es, die etwas speziell wirken mag. Letztens seien sie zu dritt, Lea, Remo und Simon, der wiederrum mit Claudine verheiratet ist, wandern gegangen. Sie in der Mitte, rechts und links von Lea, ihre Hand haltend, die beiden Partner. “Die Menschen aus dem Aargau lachen wahrscheinlich immer noch wegen des ungewohnten Bildes”, schmunzelt Lea. Sie legten nach einiger Zeit eine Wanderpause ein. Simon und Lea vereinbarten eine Liebesnacht. Remo freute sich für die beiden. Er war es, der die beiden zuvor darauf hingewiesen hatte, sich mal wieder allein zu treffen.

 

Wer mit wem?

Während sie sprechen, zeichne ich ins Notizbuch ein Organigramm. Remos “Ganzkörperfreundschaft” mit Esther, wie sie diese Beziehung nennen, Leas Mann, Leas anderer Freund Simon und dessen Ehefrau Claudine finden Platz darin. Sie alle kennen sich gegenseitig, mögen sich. Claudine, die Ehefrau von Leas Freund, sagte einmal zu Lea: “Du hast unsere Ehe gerettet.” Sie lächelt sichtbar bestätigt, als sie den Satz ausspricht.

 

Mein Organigramm beginnt zu wackeln, als Lea von einem Ex erzählt, dessen andere Freundin zu klammern begann. “Damals habe ich eine Eifersuchtsattacke gekriegt”, sagt sie. Denn die Frau wollte ihn für sich haben. Polyamore Paare seien nicht frei von Eifersucht, betont Lea. Doch die Freude an der Vielfalt lasse sie weitermachen wie bisher. Wenn ein neuer Partner oder eine neue Partnerin ins Spiel komme, sei das immer wieder ein Abtasten, ein Einpendeln. Ein Neuzeichnen des Organigramms.

 

Immer wieder betont das Paar, wie wichtig es sei, miteinander zu sprechen. “Geheimnisse sind das Ende einer Polyamorie.” Remo ergänzt, er wisse gerne, wer der andere Mann sei. “Wenn ich merke, dass er sie liebt, weiss ich, dass er sie gut behandelt.” Und ihr Glück sei ihm das Wichtigste. Einmal habe sich Lea für das Treffen mit einem anderen Mann/Partner angezogen und Remo dabei um Rat gefragt. Als er sie in dem gemeinsam ausgesuchten Outfit verabschiedete, sagte er: “Der arme Kerl, du wirst ihm den Kopf verdrehen. Geniesse es!”

 

Doch warum braucht Remo noch eine andere Freundin, wenn er so verliebt in Lea ist? “Mit Lea kann ich nicht ins Kino. Jedenfalls nicht, wenn ich einen Action-Film sehen will.” Beide lachen ungehemmt. Das Paar wirkt entspannt. Doch so locker sei es nicht immer, versichern sie. Eine Polyamorie bringe viel Verantwortung mit sich und verlange einiges an organisatorischem Talent ab. “Darin bist du aber glücklicherweise die Beste”, fügt Remo an und lässt Lea weder mit seiner Hand, noch mit seinen Augen los.

 

*Anmerkung der Redaktion: Alle Namen wurden gerändert und sind der Redaktion bekannt.

 

 

Polyamoriestammtische in Zürich und Bern


 

Interessiert an der polyamoren Lebensweise? Bereit dich darüber aus zu tauschen?

Die Polyamoriestammtische freuen sich darauf dich kennen zu lernen!
Weitere Infos auf http://www.poly-zh.ch/ oder http://berner-polyamorie-stammtisch.jimdo.com/