Gesellschaft | 20.07.2015

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

Text von Yannic Schmezer | Bilder von Lukas Blatter)
Vorplätze, wie zum Beispiel der Bahnhofs(vor)platz scheinen wertlos zu sein ohne die ihnen nachfolgende Institution. "Vorplatz", das Wort suggeriert in erster Linie "Durchgangsort". Ihm wohnt bereits ein supplementärer Charakter inne.
Der Vorplatz sei das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen sei, kommentiert Yannic Schmezer. (
Bild: Lukas Blatter)

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.