Gesellschaft | 13.07.2015

Coop und Migros schlachten trächtige Kühe

Text von Michael Scheurer | Bilder von pixelio.de
Kühe mit ungeborenen Kälbchen landen öfter auf der Schlachtbank als bisher vermutet. Untersuchungen legen nahe, dass die Föten qualvoll ersticken.
Kein Idyll der Fleischindustrie: Auch trächtige Kühe werden geschlachtet. Oft wird die Trächtigkeit zu spät bemerkt.
Bild: pixelio.de

Es war ein schwieriger Moment für die Familie Wälchli aus Obersteckholz BE, als sie ihre Kühe das letzte Mal sah. Ein Viehhändler hat die Tiere abgeholt – verladen und abtransportiert für den Weiterverkauf. Wälchlis haben mit der Milchwirtschaft aufgehört und alle Kühe verkauft. Drei der Kühe sind zum Zeitpunkt des Verkaufs seit sieben Monaten (von neun) trächtig – tragen also ein ­ungeborenes Kälbchen im Bauch.

Käthi Wälchli, diplomierte Bäuerin, die auch für die SVP im Berner Grossrat sitzt, informiert den Viehhändler aus dem Berner Oberland über die Trächtigkeit der drei gesunden Rinder, damit die Tiere nicht unter Metzgers Messer geraten und mit Vorsicht transportiert werden.

Als Wälchli jedoch Wochen später in der zentralen Tierverkehrsdatenbank des Bundes über den Verbleib ihrer Kühe recherchiert, hat sie keinen Zweifel: Die hochträchtigen Tiere wurden im Schlachthof der Coop-Tochter Bell in Cheseaux-sur-Lausanne zu Fleisch verarbeitet – die ungeborenen Kälbchen als Schlachtabfall entsorgt. “Das hat mich emotional mitgenommen”, sagt Wälchli.

Warum die drei Rinder zwei Monate vor der Abkalbung im Schlachthof landeten, bleibt letztlich fraglich. Recherchen ergeben, dass der Viehhändler aus dem Berner Oberland die Tiere in die Waadt weiterverkaufte. Der Viehhändler dort gibt an, dass es auf seinem Hof zu einer Verwechslung der Rinder gekommen sei. Das könne bei 400 Tieren schon mal passieren.

Klar ist aber, dass es sich um keinen Einzelfall handelt. ­Gesetzlich ist es nicht verboten, hochträchtige Kühe zu schlachten. Eine ­Untersuchung aus dem Jahr 2012 des Bundesamtes für Veterinärwesen (BLV) kommt zum Schluss, dass rund sechs Prozent der geschlachteten Kühe und Rinder mindestens im fünften Monat trächtig sind. Das sind etwa 15 000 Tiere pro Jahr. Wie der Fall Wälchli zeigt, landen die Tiere auch in den Industrieschlachthöfen der Grossverteiler Coop und ­Migros.

Kälbchen ersticken qualvoll

Bell-Sprecher Davide Elia bestätigt: “Leider enden bei uns immer wieder trächtige Rinder auf der Schlachtbank.” Wie viele es sind, will Elia nicht sagen. Den Schlachthöfen seien die Hände gebunden. Wegen Tierseuchegesetzen dürfe kein Tier den Schlachthof verlassen und müsse zwingend getötet werden. “Wenn bei uns ein trächtiges Tier angeliefert wird, ist es schon zu spät”, so Elia. Die Kontrolle müsse vorher passieren. Auch Micarna-Sprecher Roland Pfister bestätigt, dass in ihren angegliederten Schlachthöfen die Schlachtung von trächtigen Tieren nicht verhindert werden könne.

Die Problematik in den Schlacht­höfen kennt Hansueli Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes, aus eigener Erfahrung. Neben ethischen Bedenken weist Huber darauf hin, dass die ungeborenen Kälbchen im getöteten Mutterleib langsam ersticken. Die These wird auch von wissenschaftlichen Untersuchungen gestützt. Das Bundesamt für Veterinärwesen (BLV) relativiert indes: “Dem BLV sind dazu keine eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt”, so Sprecherin Eva van Beek.

Beim BLV weiss man dafür, wie es zu den Schlachtungen von angehenden Mutterkühen kommt. Die Befragung der Landwirte 2012 habe ergeben, dass mehr als zwei Drittel von ihnen die Trächtigkeit nicht bemerkt hätten, so van Beek. Die Erklärung: Immer mehr tierfreundliche Weidehaltungen mit frei mitlaufenden Stieren und knappes Personal führten dazu, dass Landwirte den Überblick über die einzelnen Tiere verlieren würden. So sagen es verschiedene Branchenkenner. Sogenannte Notschlachtungen – wenn das Tier wegen akuter Krankheit von seinem Leiden erlöst werden muss – sind ein weiterer Grund. Wie der Fall Wälchli zeigt, dürfte der Viehhandel das Problem noch ­verschärfen. Auch das BLV nennt den “unkontrollierten Viehhandel” als eine weitere Ur­sache.

Der Geschäftsführer des Schweizerischen Viehhändlerverbandes, Peter Bosshard, erklärt es so: “Wir nehmen in der Regel alle Tiere, welche die Bauern uns verkaufen. Ob sie trächtig sind, ist beim Kauf nicht immer ersichtlich.” Weil die Aufzucht von Jungtieren nicht eine Kernaufgabe für den Viehhandel darstellt und die Nachfrage nach Schweizer Fleisch sehr hoch ist, sei die Versuchung da, auch mal wissentlich ein trächtiges Tier in den Schlachthof zu bringen. Das sei nicht auszuschliessen, sagt Bosshard. Das grösste Problem sei, dass sich die Viehhändler auf die Angaben der Landwirte verlassen müssten. “Denn eine Trächtigkeitsuntersuchung bei jedem Ankauf eines Tieres ist zu aufwendig und zu teuer”, so Bosshard.

EU wird wohl Gesetz erlassen

Eigentlich hätte die SVP-Grossrätin Wälchli die Geschichte nicht in der Zeitung lesen wollen. “Es bringt nichts, das emotionale Thema medial auszuschlachten”, so Wälchli. Vielmehr strebe sie die Einführung eines Ehrenkodex oder ­einer Charta innerhalb der Branche an. Auch von neuen Gesetzen will Wälchli nichts wissen. “Es müssen umsetzbare Lösungen gefunden und keine weiteren Gesetze erlassen werden.”

Beim Branchenverband Proviande klingt es ähnlich. Geschäftsleitungsmitglied Peter Schneider sagt: “Aus unserer Sicht muss Freiwilligkeit ausreichen.” Es gehe um ethisch-moralische Verpflichtungen. Ob ein Gesetz mehr Wirkung zeigen würde, sei fraglich. Eine geplante neue brancheninterne Regelung sieht vor, dass Tierbesitzer für die öffent­lichen Märkte ein Selbstdeklarations­dokument über die Trächtigkeit unterschreiben müssten.

Konkreteres will Schneider nicht sagen. Im Oktober wird eine Fachkommission, in der auch Produzenten, Handel und Verwerter vertreten sind, über mögliche Lösungen beraten. Auch der Schweizer Tierschutz spricht sich für eine brancheninterne Lösung und gegen ein neues Gesetz aus, wie Geschäftsführer Huber sagt. “Ein weiterer Satz im Gesetz nützt dem Tierwohl nichts.”

Bei Bell heisst es auf Anfrage erst, dass nur eine gesetzliche Regelung genügend Wirkung zeigte. Später will sich Bell-Sprecher Elia so zitieren lassen: “Nur mit einer gesetzlichen Regelung oder einer Branchenlösung kann dem Problem begegnet werden.”

Ein Blick in die EU zeigt, dass dort bald mit gesetzlichen Verschärfungen zu rechnen ist. Bereits jetzt verbietet die Verordnung für Tiertransporte auf EU-Ebene den Transport von Tieren nach einem Trächtigkeitsstadium von 90 Prozent. Der Transporteur muss dies aber nicht überprüfen. So bleibt die Verordnung oft wirkungslos. In Deutschland haben die Agrarminister der Bundesländer deshalb im letzten September gefordert, weitergehende rechtliche Bestimmungen auf EU-Ebene zu prüfen.

Dieser Beitrag ist zuerst auf tagesanzeiger.ch erschienen.

 

 

Studie zu Schlachtungen: Trächtigkeit oft nicht bekannt


Das Schlachten von trächtigen Kühen und Rindern in der Schweiz ist keine Seltenheit. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des Bundesamtes für Veterinärwesen aus dem Jahr 2012. Während zwei Wochen wurden in einem Schlachthof in Oensingen SO alle weiblichen Rinder auf eine Trächtigkeit untersucht. Das Resultat: Rund 6 Prozent der Schlachtkühe waren mindestens im fünften Monat trächtig.

 

30 Prozent davon mindestens im siebten Monat. Im Nachgang wurden die Tierbesitzer telefonisch befragt, warum sie die Tiere schlachten liessen. 69 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten von der Trächtigkeit nichts gewusst. Dies ist wenig erstaunlich vor dem Hintergrund, dass in 66 Prozent der Fälle keine Trächtigkeitsuntersuchung vorgenommen worden war.