Gesellschaft | 29.06.2015

Wohnen mit einer Flüchtlingsfamilie

Text von Kaspar Anderegg | Bilder von Yves Haltner)
Eine eritreische Flüchtlingsfamilie sucht für drei Monate ein Zimmer zur Untermiete. Nach einem gemeinsamen Gespräch fühle ich mich wohl und beschliesse kurzerhand, den Vertrag zu unterzeichnen. Wie es mir mit der Familie erging, lest ihr hier.
Auch Spülmaschinen können der Erheiterung dienen. (
Bild: Yves Haltner)

Der Vater John (43) ist aus der Armee desertiert und wohnt seit zwei Jahren in der Schweiz. Erstmals darf er arbeiten und abseits des Asylheims wohnen. Als Hilfskraft bei einer karitativen Organisation sortiert er ausgemusterte Nahrungsmittel, die dann an Bedürftige verteilt werden.

 

Der geschützte Arbeitsplatz dient der Eingliederung in den realen Arbeitsmarkt und ist für Asylanten reserviert. Jordanos (13) und Heaven (16) sind gerade erst in der Schweiz angekommen. Sie sprechen kein Deutsch und kaum Englisch. Beiläufig erfahre ich, dass es gar nicht seine leiblichen Kinder sind, sondern Waisen aus seinem Heimatdorf, denen er in der Schweiz ein neues Leben ermöglichen will.

 

Neue Hausordnung

Als ich den beiden Mädchen den Geschirrspüler erkläre und das Salz nachfülle, kriegen die beiden einen Lachanfall. Sie haben noch nie eine Geschirrspülmaschine gesehen. Sofort ist das Eis gebrochen. Ungewohnt ist meine Vertreibung aus der Küche nach dem Kochen. Putzen sei Frauensache, meinen die beiden stolz. Ich habe noch nie Menschen zugesehen, die beim Putzen tanzen und lachen.

 

Um neun Uhr gibt es Abendessen und ich werde täglich herzlich und resolut aufgefordert, mitzuessen. Es gibt Yoghurtpfannkuchen mit Tomatensosse. Privatsphäre ist in Eritrea weit weniger wichtig als bei uns. Vieles wird geteilt und des öfteren ertappe ich die Kinder in meinem Zimmer am Computer, als sei es selbstverständlich, diesen ungefragt benutzen zu dürfen.

 

Ein Fluch?

Plötzlich fällt Heaven im Flur zu Boden und bleibt ohnmächtig liegen. Nach mehrmaligen zwecklosen Versuchen, sie aufzuwecken, bettet Stiefvater John sie auf eine Matratze. Er erklärt mir, dass es in Afrika viele traditionelle Krankheiten gebe. Am nächsten Tag ist sie immer noch nicht aufzuwecken und liegt zitternd im Bett. Der Vater macht sich Sorgen.

 

Die ganze Nacht wacht er neben ihr und organisiert für den nächsten Tag einen Priester und einige Freunde, die für sie zum Beten kommen. So ist meine Wohnung plötzlich voller betender Afrikaner und tatsächlich wacht Heaven einen Tag später auf. Sie ist wieder glücklich, als wäre kaum etwas gewesen. Gott habe ihr geholfen, meint Heaven und fasst dabei an ihr Herz.

 

Religion

Die Familie ist dem christlichen Glauben verbunden. Dieser wird aber völlig anders ausgelebt als in Europa. Die Predigten ähneln einer Familienfeier: es wird getanzt, musiziert und gelacht. In meiner Wohnung wird von nun an täglich einem eritreischen Fernsehprediger zugehört. Der Vater kommentiert die Predigten lächelnd und die Kinder hören mit halbem Ohr und tanzend zu.

 

Mit John spreche ich öfter über Gott. Er sieht das Leben simpel. Manchmal machen Menschen Fehler, manchmal nicht. Er versuche das Richtige zu tun. Ab und zu versucht er, mich zu bekehren und meint, ich hätte keine Probleme mehr im Leben, wenn ich Christ werden würde. Die Bekehrungsversuche enden jeweils erfolglos für ihn. Die Familie erweckt das Gefühl, dass sie ihren Glauben ehrlich und mit Freude auslebt.

 

Abschied

Der Abschied naht und John bittet mich, seinen Stieftöchtern das gerade erhaltene Arbeitszeugnis vorzulesen. Er wird in den höchsten Tönen gelobt und die Kinder klatschen und lachen, obwohl sie kein Wort verstehen. Stolz nimmt er das Zeugnis wieder an sich.

 

Ich habe diese aussergewöhnliche Zeit sehr genossen. Diese Menschen waren die besten Mitbewohner, die ich je hatte. Gutgelaunt, grosszügig, herzlich und interessant. Dass ich ganze drei Monate keinen Besen anrühren musste, ist nur der Bonus.