Gesellschaft | 06.06.2015

How to have a beach body

Schlanksein ist nicht mehr genug. Rund um junge Frauen wie Kayla Itsines und Our Clean Journey bilden sich auf Instagram Follower-Gemeinden. Wem nutzt der Fitnesstrend?
"Es geht nur darum gesund zu leben. Sprich: du isst keine Zusatzstoffe, keine Haltbarkeitsmittel. Einfach nur das, was natürlich ist. Ich weiß nicht, wozu man eine Ausbildung bräuchte, um vermitteln zu können, gesund zu sein." (
Bild: zvg/Julia Fodor von Our Clean Journe)

Begonnen hat alles mit einem Zufall. Während ihres täglichen Stöberns auf Instagram stieß Veronika, eine Wiener Studentin, auf Kayla Itsines Fitness-Account. “Wahrscheinlich war es das Bild dieser top-aussehenden Frau, bei der man denkt: Oh Gott, so will ich auch aussehen! Was muss ich dafür tun?” Seither folgt sie der Australierin und deren Sportprogramm ist “wichtiger Dreh- und Angelpunkt” ihres Tages.

 

Strong ist the new skinny – Schlanksein alleine reicht heutzutage längst nicht mehr. Der Fitnesstrend dominiert aktuell auch das Soziale Netzwerk Instagram. Unter Schlagwörtern wie #womenwholift, #girlswithmuscle oder #womenwhoworkout teilen dort junge Frauen weltweit Bilder aus ihrem Alltag. Man findet Selfies während des Trainings, sorgfältig inszenierte Foodies vom anschließenden low carb/ clean eating/ veganen – also “gesunden” Essen, Stillleben aus drapierten Sportutensilien und am #transformationtuesday die Vorher/Nachher-Bilder des Trainings-Erfolges. All diese Frauen vereint ein Projekt: der eigene Körper, den es zu disziplinieren und zu transformieren gilt.

 

“Your Fitness is a mental game”

Eine der bekanntesten Akteurinnen ist die 24-jährige Kayla Itsines. Ihre Facebook-Seite hat über 1,6 Millionen Likes, rund 2,8 Millionen Menschen folgen ihrem Instagram-Account und auch auf Twitter ist sie aktiv (Stand: 19. Mai 2015). Erfolgreich vermarktet sie auf all diesen Kanälen Botschaften wie: “Love yourself enough to live a healthy lifestyle. Toned, tanned and fitness.”

 

Berühmt ist die ausgebildete Fitness-Trainerin für ihr “Bikini Body Workout”. “In just 12 weeks or less you can see amazing results and become bikini body ready.” – diesem Versprechen folgten ihren eigenen Angaben zufolge bereits mehr als eine Millionen Frauen. Ungefähr 70 Dollar kostet das speziell für Frauen konzipierte Training. Ergänzend dazu kann man auf ihrer Homepage für ebensolche 70 Dollar einen “H.E.L.P.-Healthy Eating and Lifestyle Plan” und diverse Sportutensilien erwerben.

 

Selten zeigen die Bilder ihres Instagram-Accounts ihr Gesicht. Stattdessen gibt es zahllose Nahaufnahmen ihres gebräunten, durchtrainierten Körpers in knapper Sportbekleidung. Sie posiert während des Trainings oder mit einem ihrer beiden Hunde im Arm in ihrer minimalistisch eingerichteten Wohnung, zeigt kurze Videosequenzen mit Fitness-Übungen und Fotografien von hauptsächlich aus Obst bestehenden Mahlzeiten. Zusätzlich postet sie dort Motivationssprüche wie den Satz “Your Fitness is a mental game, your body won’t go where your mind doesn’t push it.”

 

Gemeinschaftlicher “death by Kayla”

Den Kern ihres Erfolgs bilden Transformations-Geschichten und deren virale Verbreitung. Kayla fordert ihre Kundinnen auf, einmal pro Woche ein Selfie in bauchfreier Kleidung zu machen. Es geht nicht um Gewichtsverlust oder Muskelaufbau in Zahlen, stattdessen dokumentieren diese Fotografien den Trainingserfolg. Mit Angaben versehen, in welcher Woche des Trainings-Plans sie sich gerade befinden, veröffentlichen die jungen Frauen ihre Bilder auf eigens dafür eingerichteten Instagram-Accounts. Unter Hashtags wie #thekaylamovement, #teamkayla oder #bbgcommunity protokollieren sie dort ihre persönlichen Erfahrungen, ihre Trainings-Routinen, ihre Ernährung und präsentieren den Kampf gegen ihren Körper der Öffentlichkeit.

 

Unterstützt werden sie dabei von aufmunternden und lobenden Worten anderer Frauen. Auch auf Facebook vernetzen sie sich. In einer deutschsprachigen Gruppe etwa übersetzen sie die englischen Pläne, suchen Trainings-Partner oder richten Fragen zu den Plänen an die Community. Kayla selbst bezeichnet ihre Anhängerinnen als “the biggest female fitness community in the world”.

 

Um diese zu pflegen, geht sie nun auch auf Tour und veranstaltet kostenlose Bootcamps, etwa in Amsterdam. Zu tausenden pilgern ihre Fans zu diesen Veranstaltungen, reihen ihre Gymnastikmatten vor einer Tribüne auf. Auf Bildern erinnert die Szenerie vor Ort an das Happening eines Gurus.

 

Mittlerweile gibt es sogar T-Shirts mit dem Aufdruck #deathbykayla oder #kaylasarmy. Das Militärische dieser Sprache ist nicht weit hergeholt, wenn man sich den Trainingsplan genauer betrachtet: Dort empfiehlt Kayla durchschnittlich drei Krafttrainings-Einheiten à  30 Minuten ohne Pausen, drei Cardio-Einheiten à  35 Minuten und ein bis zwei Stretching-Einheiten pro Woche. Zeitintensiv ist das Training allemal. Aber auch “mega anstrengend”, findet Veronika. “Das Pensum, das einem abverlangt wird, ist wirklich hart. Das gebe ich zu – und ich frage mich, wer das echt so durchzieht. Ich mache einfach nur das, was ich kann.”

 

Entgiften für 9,90

Auch im deutschsprachigen Raum gibt es einige junge Frauen, die anderen als Vorbild und Inspiration für einen vermeintlich gesünderen Lebensstil dienen wollen. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die beiden jungen Frauen von “Our Clean Journey” (OCJ), Julia Fodor und Luisa Eckhard. Ihr Fokus liegt zunächst auf der Ernährung. Beide propagieren das sogenannte “Clean Eating”, also den Verzicht auf bereits verarbeitete Lebensmittel und jegliche Zusatzstoffe.

 

Neben ihren privaten Accounts führen die beiden 25-Jährigen seit 2012 einen deutschsprachigen Instagram-Kanal. Dort veröffentlichen sie scheinbar alltägliche Bilder ihrer Mahlzeiten, selbst gemixter Smoothies in speziellen “OCJ-Trinkbechern” oder Fotos ihrer sportlichen Aktivitäten. Zudem verweisen sie immer wieder auf Gewinnspiele und Blogbeiträge.

 

Ihre Community motivieren sie durch gemeinsame Aktionen wie die fünftägige “Detox-Diät”, das Entgiften des Körpers durch spezielle Ernährung. Einen zugehörigen Plan mit entsprechenden Rezepten kann man für 9,90 Euro auf ihrem Blog kaufen. Finden können sich die Teilnehmerinnen auch bei OCJ durch Hashtags auf Instagram wie #ocjdetox oder #5tagedetox. Darüber hinaus gibt es eine Facebook-Gruppe. Im Gespräch erzählt Julia Fodor, dass es ihnen besonders wichtig sei, “dass nicht nur Luisa und ich immer da sind, sondern dass sich alle gegenseitig helfen und stärken.” Ihr Konzept geht auf: Our Clean Journey gefällt bei Facebook bereits etwa 13.500 Menschen, rund 65.000 folgen den beiden auf Instagram (Stand: 19. Mai 2015).

 

Geschickte (Selbst-)Vermarktung statt Hokuspokus

Nachdem OCJ als Hobby begonnen hatte, können beide mittlerweile davon leben. Auf ihrem Blog verkaufen sie neben dem Detox-Plan auch einen 12-Wochen-Trainingsplan, einen Clean-Eating-Guide und einen Trink-Becher. Häufig werden die beiden im Internet dafür kritisiert, weder eine Ausbildung als Fitness-Trainerinnen noch als Ernährungsberaterinnen zu haben und ihre Pläne dennoch zu verkaufen. Dabei sei gerade ihr Status als Amateur von Vorteil, findet Julia Fodor. “Es ist das, was uns ausmacht. Wir sind wie du und ich für unsere Leser.”

 

Außerdem sei ihr Konzept kein Hokuspokus. “Es geht nur darum gesund zu leben. Sprich: du isst keine Zusatzstoffe, keine Haltbarkeitsmittel. Einfach nur das, was natürlich ist. Ich weiß nicht, wozu man eine Ausbildung bräuchte, um vermitteln zu können, gesund zu sein.” Tatsächlich aber sind beide Expertinnen in puncto (Selbst-)Vermarktung und Social Media: Julia Fodor hat Werbung und Brand Management studiert, ihre Geschäftspartnerin Luisa Eckhard ist studierte Kommunikations-Wissenschaftlerin und Modebloggerin. Nach eigener Aussage bestehen 50 Prozent ihrer Einnahmen aus Kooperationen mit Firmen wie dem Sportausstatter Nike.

 

Instagrammer und Fitness-Industrie profitieren von der Nähe und Authentizität, die die Plattform suggeriert. Gerade die Bilder von Transformationen überzeugen junge Frauen wie Veronika: “Bilder sind knallharte Tatsachen, vor allem Vorher/Nachher-Bilder. Die lassen sich schwer verfälschen.” Darüber hinaus bedanken sich die Leserinnen von Kayla Itsines in sehr persönlichen Mails bei ihr, schildern ihre Lebenswege und führen die positive Veränderung ihres Lebens auf die Trainingserfolge und vor allem den Gewichtsverlust zurück. Zusätzlich zu den Bildern zitiert die Australierin die Mails dieser Frauen – sehr emotional – auf Instagram und ergänzt sie mit motivierenden Kommentaren wie “ANYONE can be fit and healthy”. Ein wesentlicher Teil der Karrieren von Kayla Itsines und OCJ fußt demzufolge auf ihrem als authentisch vermarkteten Versprechen: Jeder kann es schaffen.

 

“How to have a beach body”

Doch was genau soll man eigentlich schaffen? Kayla selbst verkörpert beispielsweise ein sehr bestimmtes Körperideal: Definierte Arme, schlanke Beine und ein flacher Bauch mit deutlich sichtbarer Muskulatur. Und tatsächlich kommen viele ihrer Kundinnen diesem Ideal sehr nahe. Es sei eine “krasse Leistung” und außerdem mache es Spaß, sich selbst nach diesem Bild zu formen, berichtet Veronika. Doch gleichzeitig ist auffällig, dass diese Vorher/Nachher-Bilder meist nur junge Frauen zeigen, die auch vorher schon eine “gute Figur” hatten. Hinterher sehen sie dagegen sehr trainiert oder beinahe abgemagert aus. Es wird niemand abgebildet, der wirklich übergewichtig war.

 

Dennoch: Kaylas Motivation mit Sprüchen wie “The new and better you”, der Gedanke, ein Mensch müsse sich wegen seines ungesunden Lebens regelmäßig entgiften, die Geschichten von zufriedenen Kundinnen und das Lob der Gemeinschaft für den transformierten Körper. All das erweckt letztlich den Eindruck, durch eben diesen Lebensstil könne sich das eigene Leben zum Positiven hin wenden. Es entsteht der trügerische Gedanke, dass schlanke, sportliche und disziplinierte Menschen – Menschen mit einem Bikini Body – gleichzeitig glücklicher seien. Einige sehen das anders. Auch dieses Jahr kursiert im Internet wieder die Illustration einer zwinkernden Frau mit behaarten Beinen und entblößten Brüsten. Über ihren Körper zieht sich der Spruch: “How to have a beach body: 1. Have a body 2. Go to the beach.”