Gesellschaft | 19.06.2015

Fünfundfünfzigster Brief aus Deutschland

Unsere Kollegen von Eine Zeitung leiden unter dem aktuellen Post-Streik in Deutschland. Und lassen den Frust an uns aus, indem sie die Schweizer Streikkultur mithilfe von hochwissenschaftlichem Archivmaterial zu erklären versuchen.
Brief trotz Post-Streik. Philipp und Peer sind definitiv gesprächiger als letzte Woche. (
Bild: Katharina Good)

Guten Morgen, Schweiz!

 

 

 

Tja, Scheiße. Die Postboten streiken in Deutschland. Wir sind uns nicht sicher, ob dieser Brief Euch überhaupt erreicht.

 

Kennt Ihr das eigentlich, „streiken“? Wir haben uns mal in der Geschichte der Schweiz umgeblickt und sind auf erstaunliche – und vor allem wirklich wahre! – Fakten zu diesem Thema gestoßen:

 

1.) 1922 streikten im Aargau (das damals streng genommen noch zu Baden gehörte) die Milchbauern. Grund waren nicht, wie man vermuten könnte, die äußerst inhumanen Arbeitsbedingungen.

 

Vielmehr wollten die stolzen Bauern ihren Landsherren eins auswischen, weil kurz zuvor verordnet wurde, dass künftig auch Bauern in die Schule gehen sollten. Dieses Ereignis wird bis heute von der Schweizer Öffentlichkeit ignoriert und als „ausländische Lüge!“ bezeichnet. In der Schweiz darf bis heute nicht darüber berichtet werden.

 

2.) Etwas später, genauer vom 14. bis zum 19. Mai 1929, hat eine Gruppe Regierungssklaven in Genf ihre Arbeit niedergelegt. Sie streikten für einen Arbeitgeberanteil an den (damals viel zu hohen) Arbeitsausfallversicherungstarifen. Der Streik wurde blutig beendet und wird bis heute von der Schweizer Öffentlichkeit als „ausländische Verleumdung“ negiert.

 

3.) 1955 ereigneten sich gleich drei große Arbeitskämpfe: in mehreren Städten ging für drei Tage praktisch nichts mehr, als U-Bahn-Fahrer, Busfahrer und Zugführer in einen gemeinsamen Streik traten. Grund waren die bis dato viel zu niedrigen Fahrkartenpreise (rund 15 Rappen pro Fahrt), die dafür sorgten, dass Busse und Bahnen ständig völlig überfüllt waren und es fast täglich zu Personenschäden kam.

 

Im Zuge dessen hat die Regierung die Preise kräftig erhöht, was der Grund dafür ist, dass öffentliche Verkehrsmittel in der Schweiz bis heute zu den teuersten der Welt zählen. Dies wird seit jeher übrigens vehement abgestritten und als „ausländische Erfindung“ bezeichnet.

 

4.) Der interessanteste und vermutlich längste Streik der Geschichte findet seit mittlerweile 48 Jahren statt. 1967 traten die Kelorikaner, immerhin 22’500 an der Zahl, in einen unbefristeten Arbeitskampf. Dieser dauert bis heute an. Wir sind uns sicher, dass ein Großteil der Schweizer, inklusive der Tink-Leser, gar nicht mehr weiß, wer die Kelorikaner überhaupt sind.

 

Das ist traurig, immerhin haben sie einst die Schweiz zu dem Land gemacht, was es heute ist. Die Schweizer Presse meidet das Thema seit Jahrzehnten und die Regierung spricht in dem Zusammenhang bloß von „ausländischen Lügenmärchen“.

 

 

 

Das waren so alle Streiks, die wir mit viel Mühe aus den Archiven Schweizer Unibibliotheken finden konnten. Man kann zusammenfassen, dass allein in Deutschland in den vergangenen sechs Monaten öfter gestreikt wurde als bei Ihnen in den vergangenen 100 Jahren.

 

Hut ab.

 

Daran sehen wir, dass die Schweizer hirnlose Deppen sind, die alles mit sich machen lassen. Aber Ihr lest ja auch diesen Scheiß bis zum Ende.

 

 

 

Herzliche Grüße,

 

Euer Deutschland