Sport | 01.06.2015

Echte Spidermen

Text von Louisa Merten | Bilder von Stephan Rothenberger)
Sie hangeln sich drei bis fünf Meter über dem Boden an Brücken und Felsen entlang: Boulderer. Sich mit einem Seil abzusichern, ist für sie hierbei kein Thema.
Das Bouldern wird ohne Seil und Sicherung durchgeführt. (
Bild: Stephan Rothenberger)

Wenn man unterwegs an einer Brücke ankommt, ist der erste Gedanke meist, darüber zu gehen. Einigen wurde dies zu langweilig. Boulderer erklettern die Brücke mit möglichst vielen verschiedenen Griffen und Schritten. Je komplizierter, desto besser.

 

Jedermanns Sache

Schlank und drahtig muss man sein, um den perfekten Körper fürs Bouldern zu haben. Dennoch ist die Sportart für jeden gemacht, der sich auf den Beinen halten kann. “Der Älteste, der hierher kommt, ist glaube ich siebzig”, erzählt Stephan Rothenberger, Besitzer eines Kletterraumes in Flums (SG).

 

Doch nicht nur mehr Boulderer verfolgen den Trend des ungesicherten Kletterns, sondern auch Fitness-Freaks, denen das Studio zu langweilig wurde oder Routenkletterer, die ihre Techniken verbessern wollen. Unter den Besuchern sind laut Rothenberger sogar Leute mit Höhenangst. Die Kletterhalle entspricht auch deshalb genau den Sicherheitsvorschriften der BFU (Beratungsstelle für Unfallverhütung). Ausserhalb der Kletterhalle sieht das aber ein wenig anders aus.

 

“Theoretisch gefährlich”

Boulderer hängen sich ungesichert an Felsen und Brücken in bis zu sechs oder sieben Metern Höhe und teilweise sogar mehr. Auf die Frage, ob das nicht riskant sei, meint Rothenberger, dass es theoretisch schon gefährlich werden könnte, wenn ein Kletterer hinunterfiele, doch ein Boulderer müsse eben ganz genau einschätzen können, wo seine Grenzen liegen.

 

“Das Risiko ist also in dem Sinne kalkulierbar”, erklärt der Hobbykletterer. Das Sichern werde weggelassen, weil das Seil störe. Es hindere den Kletterer daran, bestimmte Bewegungen auszuführen, führe zu mehr Gewicht, das mit hochgetragen werden müsse und sei auf der durchschnittlichen Kletterhöhe, die zirka drei bis fünf Meter beträgt, eigentlich gar nicht nötig.

 

Wenn draussen geklettert wird, begehen die Boulderer das Objekt erst einmal gesichert. Erst, wenn sie wissen, dass sie es gesichert meistern, lassen sie anschliessend das Seil weg. “Boulderer wissen also genau, was sie machen und minimieren so das Risiko für einen Sturz relativ”, meint Rothenberger.

 

Ab einer Höhe von etwa acht Metern sei ein Sturz allerdings automatisch mit einer Verletzung verbunden, trotz der Schutzmatte, dem sogenannten “Crashpad”, das die Kletterer für den Fall eines Absturzes unterhalb des Kletterobjekts hinlegen. Physiker berechneten die tödliche Absturzhöhe bei Betonboden allerdings schon auf 4,9 Meter – also ein bisschen mehr als die Hälfte der Höhe, von der die Kletterer ausgehen.

 

Die Spitze des Klettersports

Nichtsdestotrotz ist die Grenze des Boulderns in Sachen Höhe bei acht Metern noch lange nicht überschritten. Urban Boulderer, auch Roofer genannt, klettern an die 40 bis 50 Meter an Kränen und Hausfassaden in die Höhe. Die besten unter ihnen scheuen sich auch nicht, Hochhäusergerüste zu erklimmen, die einen halben Kilometer in die Luft ragen.

 

Das Gefühl von Freiheit und der Adrenalinrausch bewegt sie nach eigener Aussage dazu, in lebensbedrohlichen Höhen herumzuturnen. Doch das Klettern ist meist noch nicht riskant genug – oft wird es noch mit Klimmzügen oder Balanceakten erweitert. Einige unter den Roofern filmen ihre Kletteraktionen und stellen diese ins Netz, obwohl Roofing illegal ist und mit einer zweijährigen Haftstrafe gebüsst wird.

 

Boulderer Stephan Rothenberger meint dazu, dass es nur eine Handvoll solcher Kletterer gäbe. Jedoch existieren auf Internetforen unzählige Roofer, die sich sogar dazu bereit erklären, Anfänger, die das “einfach mal ausprobieren” wollen, auf ihre Klettertrips mitzunehmen.

 

Lebensrettende Qualitäten

Trotz der vielen Risiken, die diese Sportart mit sich bringt, ist sie dennoch wichtig. Boulderer sind aufgrund ihrer Weise zu klettern sehr geschickt darin geworden und können zum Beispiel als Bergretter tätig werden. Leuten, die im Gebirge verunfallen, kann diese Stärke mitunter das Leben retten.