Politik | 03.06.2015

Aufgeben liegt nicht drin

Text von Mira Weingart | Bilder von Mira Weingart)
Ein Leben in der Illegalität bedeutet oftmals ein unsichtbares Leben. Der Schritt an die Öffentlichkeit und somit die Chance auf Bildung ist nicht selbstverständlich. Die Geschichte einer jungen Sans-Papiers.
Trotz vieler Ängste sagt Jamilia*: "Natürlich fühle ich mich hier zu Hause!" (
Bild: Mira Weingart)

“Tut mir leid, ich muss um 17 Uhr schon wieder auf den Zug. Weisst du, den Kleinen abholen”, die junge Frau lächelt entschuldigend. “Der Kleine” ist ihr Sohn, eineinhalbjährig. Sie ist 18 Jahre alt. In der westlichen Kultur ist das eher ungewöhnlich, nicht so im Heimatland von Jamilia*. “In Kenia ist es normal, so früh Kinder zu haben. Meine Mutter war 16 Jahre alt, als ich zur Welt kam.”

 

Als ihre Mutter ein zweites Mal schwanger wurde, liess sie ihre Kinder kurzerhand bei der Grossmutter: “Wir haben unser ganzes Leben lang gemeint, unsere Grossmutter sei unsere Mutter.” Bis diese starb. Jamilia und ihr Bruder hielten sich für Vollwaisen, bis sie von ihrer Mutter aufgesucht und in das vermeintliche Paradies mitgenommen wurden – die Schweiz.

 

Nun leben die junge Frau und ihr Bruder bereits seit sechs Jahren hier, haben beide die Schule besucht, die Sprache erlernt und sich ein soziales Netz aufgebaut. Vor Kurzem ist Jamilia sogar in eine eigene Wohnung in der Nähe von Zürich gezogen – ohne den Vater ihres Kindes. Sie ist nicht mehr mit ihm zusammen. “Das ist schon toll, wenn ich nun etwas Eigenes habe mit meinem Kind.” Zuvor hat sie unter anderem in Asylzentren und Heimen gelebt. Trotz dieser Unstetigkeit ist für sie in der Frage nach Heimat sofort klar: “Natürlich fühle ich mich hier zu Hause!”

 

Der Weg zu dieser Selbstverständlichkeit war lang und ist noch nicht zu Ende. Enttäuscht worden sei sie oft, seit sie hier lebe. “Du kommst in ein Land, hast Träume und versuchst, alles zu machen – die Sprache zu lernen, mit den Leuten zu kommunizieren.” Dann sei es umso schwieriger, wenn immer nur Briefe vom Migrationsamt kämen, die einen daran erinnerten, dass man das Land wieder verlassen müsse.

 

Trotzdem sei es auch eine Erleichterung, in der Schweiz leben zu können: “Wir sind in einem Land, in dem du zur Schule gehen kannst, wo du ein Dach über dem Kopf hast, wo du Essen bekommst”, erklärt Jamilia und fügt an: “Es geht kein Tag vorbei, an dem ich zu wenig essen habe.” Einen kurzen Moment scheint sie nachdenklich zu werden und man kann sich vorstellen, dass sie in ihrer Vergangenheit in Kenia einige Male mit einem leeren Magen zu Bett gehen musste. Doch diese Nachdenklichkeit macht wieder einem breiten Lächeln Platz. Jamilia wirkt aufgeweckt und lacht viel. Die Augen funkeln, wenn sie von ihrem Bruder oder ihrem Sohn erzählt, und sie gestikuliert oft wild mit den Händen, um zu veranschaulichen, was sie erklärt.

 

Schulabschluss – und dann?

Die junge Frau hat ihren Schulabschluss in der Tasche, doch weiter geht es noch nicht. Sie kenne die Gefühle der Perspektivlosigkeit, Angst und Unsicherheit nur allzu gut. Diese Empfindungen beschreibt Jamilia auf verschiedene Arten: “Du musst dich ständig fragen, für was du eigentlich lebst, wenn du nicht mal arbeiten kannst.” Das sei ein sehr schwieriges Gefühl und zeige sich oft darin, dass man ängstlich und depressiv werde.

 

Manchmal macht Jamilia eine kurze Pause oder verspricht sich. Sie sucht nach den richtigen Worten. “Ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben. Aber man fühlt sich einfach unsicher”, hängt sie an und scheint zufrieden mit diesem Ausdruck. Dieses Unsicherheitsgefühl zeige sich oft im Alltag, vor allem wenn man sich in der Öffentlichkeit bewege. “Oft gibt es Kontrollen von der Polizei.” Das scheint bei ihr paranoide Gefühle auszulösen: “Ich habe ständig das Gefühl, alle Leute schauen mich an auf der Strasse.” Sie malt sich aus, was passieren würde, wenn sie auffliegt: “Wenn die mich nach Kenia schicken, bringe ich mich lieber selber um.”

 

Die Angst – ein ständiger Begleiter

Die Angst im Alltag ist auch in den Gedanken präsent. Gerade wenn die junge Frau an ihre Zukunft denkt: “Ich möchte etwas erreichen, weil ich weiss, ich habe nichts.” Aber so einfach sei das nicht, erklärt sie: “Immer ist etwas im Weg.” Diese Hindernisse können Angst vor der Öffentlichkeit sein oder eben die Zurückweisung. “Wenn du dich bewirbst und dann sagst, du hast keine Aufenthaltsbewilligung, sagen sie sofort Nein.” Vier Lehrstellen hätte Jamilia sofort gekriegt, wenn sie die gültigen Aufenthaltspapiere besessen hätte. Die junge Frau erkennt darin einen Teufelskreis: “Du darfst nicht arbeiten, wenn du keine Bewilligung hast. Aber du bekommst keine Bewilligung, wenn du keine Arbeit hast.”

 

Aus diesem Teufelskreis auszubrechen ist schwierig. Mit der Geburt ihres Sohnes hat Jamilia wieder Hoffnung gefasst. “Er ist meine Motivation. Vor der Schwangerschaft war es mir egal. Ich hatte keine Freude am Leben.” Mit einem Kind habe man nicht mehr nur Verantwortung für sich selber. Darum ist für die junge Kenianerin klar, dass sie sich für ihre Zukunft einsetzen muss: “Ich möchte, dass mein Kind einmal sagen kann: ‚Wow, meine Mutter hat das gemacht, das studiert.-˜” Schliesslich könne sie ihren eigenen Sohn später nicht für die Schule motivieren, wenn sie selber nichts erreicht habe. Darum ist Aufgeben für sie keine Option.

 

*Name der Autorin bekannt

 

Sans-Papiers in der Schweiz


Sans-Papiers sind, wie der Begriff bereits sagt, Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere. Experten gehen von bis zu 300-˜000 Menschen aus, die ohne geregelten Aufenthaltsstatus in der Schweiz leben. Diese Schätzungen beruhen mehrheitlich auf der Zahl verhängter Einreisesperren und untergetauchter Asylsuchender.
Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die einen illegalen Status haben, stösst das Gesetz in der Schweiz an seine Grenzen. Einerseits schreibt die Kinderrechtskonvention ein Recht auf Bildung, das auch einen Lehrabschluss beinhaltet, vor. Andererseits müssen, um dem Ausländergesetz gerecht zu werden, alle illegal anwesenden Ausländer ausgewiesen werden. Vor zwei Jahren wurde deshalb eine Gesetzesänderung vollzogen, die es jugendlichen Sans-Papiers unter gewissen Bedingungen erlauben soll, eine Lehre zu absolvieren.

 

Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr.18/1/2015 von Tink.ch erschienen.

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