Wohnen mit einer Flüchtlingsfamilie

Der Vater John (43) ist aus der Armee desertiert und wohnt seit zwei Jahren in der Schweiz. Erstmals darf er arbeiten und abseits des Asylheims wohnen. Als Hilfskraft bei einer karitativen Organisation sortiert er ausgemusterte Nahrungsmittel, die dann an Bedürftige verteilt werden.

 

Der geschützte Arbeitsplatz dient der Eingliederung in den realen Arbeitsmarkt und ist für Asylanten reserviert. Jordanos (13) und Heaven (16) sind gerade erst in der Schweiz angekommen. Sie sprechen kein Deutsch und kaum Englisch. Beiläufig erfahre ich, dass es gar nicht seine leiblichen Kinder sind, sondern Waisen aus seinem Heimatdorf, denen er in der Schweiz ein neues Leben ermöglichen will.

 

Neue Hausordnung

Als ich den beiden Mädchen den Geschirrspüler erkläre und das Salz nachfülle, kriegen die beiden einen Lachanfall. Sie haben noch nie eine Geschirrspülmaschine gesehen. Sofort ist das Eis gebrochen. Ungewohnt ist meine Vertreibung aus der Küche nach dem Kochen. Putzen sei Frauensache, meinen die beiden stolz. Ich habe noch nie Menschen zugesehen, die beim Putzen tanzen und lachen.

 

Um neun Uhr gibt es Abendessen und ich werde täglich herzlich und resolut aufgefordert, mitzuessen. Es gibt Yoghurtpfannkuchen mit Tomatensosse. Privatsphäre ist in Eritrea weit weniger wichtig als bei uns. Vieles wird geteilt und des öfteren ertappe ich die Kinder in meinem Zimmer am Computer, als sei es selbstverständlich, diesen ungefragt benutzen zu dürfen.

 

Ein Fluch?

Plötzlich fällt Heaven im Flur zu Boden und bleibt ohnmächtig liegen. Nach mehrmaligen zwecklosen Versuchen, sie aufzuwecken, bettet Stiefvater John sie auf eine Matratze. Er erklärt mir, dass es in Afrika viele traditionelle Krankheiten gebe. Am nächsten Tag ist sie immer noch nicht aufzuwecken und liegt zitternd im Bett. Der Vater macht sich Sorgen.

 

Die ganze Nacht wacht er neben ihr und organisiert für den nächsten Tag einen Priester und einige Freunde, die für sie zum Beten kommen. So ist meine Wohnung plötzlich voller betender Afrikaner und tatsächlich wacht Heaven einen Tag später auf. Sie ist wieder glücklich, als wäre kaum etwas gewesen. Gott habe ihr geholfen, meint Heaven und fasst dabei an ihr Herz.

 

Religion

Die Familie ist dem christlichen Glauben verbunden. Dieser wird aber völlig anders ausgelebt als in Europa. Die Predigten ähneln einer Familienfeier: es wird getanzt, musiziert und gelacht. In meiner Wohnung wird von nun an täglich einem eritreischen Fernsehprediger zugehört. Der Vater kommentiert die Predigten lächelnd und die Kinder hören mit halbem Ohr und tanzend zu.

 

Mit John spreche ich öfter über Gott. Er sieht das Leben simpel. Manchmal machen Menschen Fehler, manchmal nicht. Er versuche das Richtige zu tun. Ab und zu versucht er, mich zu bekehren und meint, ich hätte keine Probleme mehr im Leben, wenn ich Christ werden würde. Die Bekehrungsversuche enden jeweils erfolglos für ihn. Die Familie erweckt das Gefühl, dass sie ihren Glauben ehrlich und mit Freude auslebt.

 

Abschied

Der Abschied naht und John bittet mich, seinen Stieftöchtern das gerade erhaltene Arbeitszeugnis vorzulesen. Er wird in den höchsten Tönen gelobt und die Kinder klatschen und lachen, obwohl sie kein Wort verstehen. Stolz nimmt er das Zeugnis wieder an sich.

 

Ich habe diese aussergewöhnliche Zeit sehr genossen. Diese Menschen waren die besten Mitbewohner, die ich je hatte. Gutgelaunt, grosszügig, herzlich und interessant. Dass ich ganze drei Monate keinen Besen anrühren musste, ist nur der Bonus.

Sechsundfünfzigster Brief aus Deutschland

Guten Tag liebe Schweizernaten,

 

bis gestern hatten wir ein wenig Angst vor diesem Brief, weil wir schlichtweg kein Thema hatten, was es nicht schon gab, oder was interessant genug gewesen wäre, es in eine Kolumne zu packen. Aber wie so oft habt ihr Schweizer uns auch diesmal nicht enttäuscht und so traf pünktlich eine Meldung ein, die nur aus der Schweiz stammen kann: Die Idee, ein Mindesttempo auf der Überholspur einzuführen (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/schweiz-mindesttempo-fuer-ueberholen-wird-auf-100-km-h-erhoeht-a-1040518.html)

 

Statt mit 80 km/h soll man zukünftig also mit mindestens 100 km/h überholen. Damit soll der Verkehr flüssiger laufen.

Wir finden diesen Vorschlag gleich aus mehreren Gründen bemerkenswert und es drängen sich so einige Fragen auf:

 

1) Welcher Verkehr? Ernsthaft, diese paar Autos, die täglich in der Schweiz unterwegs sind, kann man doch nicht Verkehr nennen. Wart ihr schon mal in Deutschland? Kennt ihr überhaupt Staus? Die beiden Autoren dieser Briefe durften schon häufiger in den Genuss kommen, die Schweiz zu passieren, auf ihrem Weg gen Süden ins Urlaubsparadies. Und am leersten waren die Straßen eigentlich immer in der Schweiz. Auch das, was Ihr manchmal offenbar im Scherz “Stau am Gotthard” nennt, ist für uns fließender Verkehr.

 

2) Wie soll man das kontrollieren? Wenn nicht gerade ein Polizeiwagen hinter einem Auto herfährt, ist es doch schlicht und ergreifend unmöglich herauszufinden, ob man nun mit 80, 85, 90 oder 100 überholt. Und was macht der Überholte? Ruft er die Polizei, wenn er feststellt, dass plötzlich jemand die Dreistigkeit besitzt, mit unter 100 km/h an ihm vorbeizufahren?

 

3) Seit wann legt ihr Wert auf Tempo? Mal ehrlich, die Schweizer waren doch noch nie für besondere Schnelligkeit in jedweder Beziehung bekannt.

 

4) Ernsthaft jetzt: führt doch lieber eine Mindestgeschwindigkeit fürs Sprechen ein.

 

5) Das würde Sinn ergeben. Oder eine Mindestgeschwindigkeit im Verstehen von Witzen. Herrje, das wäre mal eine Maßnahme!

 

6) — wegen überbordender Polemik gelöscht —

 

7) — wegen fehlender Pointe gelöscht —

 

8) Und wo wir schon mal beim Thema von 7) sind: es ist bemerkenswert, wie despektierlich Ihr Schweizer mit diesen Menschen umgeht!

 

Gut, bei all dieser Meckerei von uns soll aber natürlich nicht untergehen, dass wir es toll finden, wie ihr mit dieser geplanten Mindestgeschwindigkeit die Wünsche der großartigen deutschen Autofahrer berücksichtigt. BMW und Audi und Mercedes hatten ja mal – halb im Scherz, halb im Ernst – die Idee aufgeworfen, die linke Spur Eurer Autobahnen und Bundesstraßen nur für Deutsche zu erlauben. Das hätte den Vorteil gehabt, dass dort gerast werden dürfte, wie der Motor es zulässt, während auf der rechten Spur – die für Schweizer und Holländer – vor Langeweile geschlafen werden könnte. Leider wurde diese tolle Idee seinerzeit von rechten nationalistischen Schweizer Spinnern abgebügelt. Wir sind froh, dass sie nun doch umgesetzt wird – mindestens 100 km/h auf der Überholspur kommt faktisch einem Verbot für Schweizer Fahrer gleich.

 

Danke und viele Grüße,

 

Peer und Philipp.

 

Quatsch! Euer Deutschland!

Fünfundfünfzigster Brief aus Deutschland

Guten Morgen, Schweiz!

 

 

 

Tja, Scheiße. Die Postboten streiken in Deutschland. Wir sind uns nicht sicher, ob dieser Brief Euch überhaupt erreicht.

 

Kennt Ihr das eigentlich, “streiken”? Wir haben uns mal in der Geschichte der Schweiz umgeblickt und sind auf erstaunliche – und vor allem wirklich wahre! – Fakten zu diesem Thema gestoßen:

 

1.) 1922 streikten im Aargau (das damals streng genommen noch zu Baden gehörte) die Milchbauern. Grund waren nicht, wie man vermuten könnte, die äußerst inhumanen Arbeitsbedingungen.

 

Vielmehr wollten die stolzen Bauern ihren Landsherren eins auswischen, weil kurz zuvor verordnet wurde, dass künftig auch Bauern in die Schule gehen sollten. Dieses Ereignis wird bis heute von der Schweizer Öffentlichkeit ignoriert und als “ausländische Lüge!” bezeichnet. In der Schweiz darf bis heute nicht darüber berichtet werden.

 

2.) Etwas später, genauer vom 14. bis zum 19. Mai 1929, hat eine Gruppe Regierungssklaven in Genf ihre Arbeit niedergelegt. Sie streikten für einen Arbeitgeberanteil an den (damals viel zu hohen) Arbeitsausfallversicherungstarifen. Der Streik wurde blutig beendet und wird bis heute von der Schweizer Öffentlichkeit als “ausländische Verleumdung” negiert.

 

3.) 1955 ereigneten sich gleich drei große Arbeitskämpfe: in mehreren Städten ging für drei Tage praktisch nichts mehr, als U-Bahn-Fahrer, Busfahrer und Zugführer in einen gemeinsamen Streik traten. Grund waren die bis dato viel zu niedrigen Fahrkartenpreise (rund 15 Rappen pro Fahrt), die dafür sorgten, dass Busse und Bahnen ständig völlig überfüllt waren und es fast täglich zu Personenschäden kam.

 

Im Zuge dessen hat die Regierung die Preise kräftig erhöht, was der Grund dafür ist, dass öffentliche Verkehrsmittel in der Schweiz bis heute zu den teuersten der Welt zählen. Dies wird seit jeher übrigens vehement abgestritten und als “ausländische Erfindung” bezeichnet.

 

4.) Der interessanteste und vermutlich längste Streik der Geschichte findet seit mittlerweile 48 Jahren statt. 1967 traten die Kelorikaner, immerhin 22’500 an der Zahl, in einen unbefristeten Arbeitskampf. Dieser dauert bis heute an. Wir sind uns sicher, dass ein Großteil der Schweizer, inklusive der Tink-Leser, gar nicht mehr weiß, wer die Kelorikaner überhaupt sind.

 

Das ist traurig, immerhin haben sie einst die Schweiz zu dem Land gemacht, was es heute ist. Die Schweizer Presse meidet das Thema seit Jahrzehnten und die Regierung spricht in dem Zusammenhang bloß von “ausländischen Lügenmärchen”.

 

 

 

Das waren so alle Streiks, die wir mit viel Mühe aus den Archiven Schweizer Unibibliotheken finden konnten. Man kann zusammenfassen, dass allein in Deutschland in den vergangenen sechs Monaten öfter gestreikt wurde als bei Ihnen in den vergangenen 100 Jahren.

 

Hut ab.

 

Daran sehen wir, dass die Schweizer hirnlose Deppen sind, die alles mit sich machen lassen. Aber Ihr lest ja auch diesen Scheiß bis zum Ende.

 

 

 

Herzliche Grüße,

 

Euer Deutschland

Wo sich die katholische Jugend trifft

Ich begegne Ramon inmitten der Stadt Freiburg. Bei der Begrüssung wirkt er sehr fröhlich und aufgestellt, denn er lächelt, beginnt direkt mit einer Konversation und ist sehr offen für meine Fragen. Seinen ersten Weltjugendtag erlebte er 2001. Damals aber fand der Event in den Bergen von Disentis statt.

 

Inzwischen hat der Theologie- und Philosophiestudent einige solcher Anlässe besucht und mitgestaltet. Als ganz besonderes Ereignis nennt er den internationalen Weltjugendtag 2013 in Rio de Janeiro, an der Copa Cabana. Die Wellen des tosenden Meeres und das Panorama der brasilianischen Stadt im Zusammenspiel mit Papst Franziskus, der auf einer Bühne stand, beeindruckten Ramon Murmann sehr. “Die Atmosphäre des Festivals gibt mir Kraft und bringt mich jedes Mal ein Stück näher an Gott heran”, sagt der 27-Jährige lächelnd.

 

Philosophischer Workshop

Beim diesjährigen Weltjugendtag der katholischen Jugend in Freiburg hat der Student den Workshop “Eine kleine Geschichte der Zeit” geleitet. Er stellte anhand der drei berühmten Wissenschaftler Stephen Hawking, Georges Lemaître und Augustinus von Hippo die philosophische Frage: “Was ist Zeit?” In diesem Workshop versuchte Ramon Murmann, die jungen Teilnehmenden zum Nachdenken zu bewegen.

 

Der Student möchte die Menschen wegbringen von den alltäglichen Gedanken über die Arbeit oder persönliche Probleme. Vielmehr will Ramon Murmann sie dazu ermutigen, sich mit den wirklich wichtigen Fragen unseres Lebens und dessen Hintergründen auseinanderzusetzen. Als wirklich wichtig erscheinen Ramon Fragen wie: “Ist mein Leben es Wert, gelebt zu werden?” – “Was ist schön?” Oder eben: “Was ist Zeit?”

 

Unterschiedliche Projekte

Ramon möchte Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens weitergeben. Einige Antwortmöglichkeiten liefert die Theologie des Leibes. Diese Theologie, die der Papst Johannes Paul II in den 80er Jahren eingeführt hat, beschäftigt sich mit den grossen Fragen zu Liebe, Freiheit und Verantwortung.

 

Seine entsprechenden Erkenntnisse hieraus gibt der junge Mann in verschiedenster Weise weiter. Im letzten Halbjahr hat Ramon beispielsweise zwei Konzertabende im Zeughaus von Brig-Glis in seinem Heimatkanton Wallis auf die Beine gestellt. Dabei wurde auch das Buch “God, Sex and Soul” vorgestellt, dessen Inhalt sich mit der Theologie des Leibes beschäftigt. Anschliessend gab es ein Konzert von Wintershome, einer Zermatter Nachwuchsband, und Barbetrieb.

 

Glauben leben und verstehen

Der Glaube spielt in Ramons Leben eine sehr wichtige Rolle. Er wuchs innerhalb einer gläubigen Familie auf. Deshalb sind die meisten seiner Freunde sowie seine Familie auch sehr offen für kirchliche Anlässe. Er findet, dass der Glaube viel mit eigener Erfahrung zu tun habe. Wenn man einer Person erzähle, wie gut ein solches Festival sei, so sei dies für die Person relativ. Man müsse das Ganze schon selbst erlebt haben, um die Meinung anderer zu verstehen, betont Ramon und ergänzt: “Mein Glaube gibt mir Vertrauen und ich vertraue darauf, dass es Gott wirklich gibt.”

 

Bis vor einem Jahr hat Ramon neben Theologie und Philosophie auch Physik studiert. Ramon habe nach Beginn seines Physikstudiums rasch bemerkt, dass er, wenn er einen guten Draht zu Gott und der Kirche beibehalten wollte, die Wissenschaft und die Religion strikt voneinander trennen müsse.

 

Einerseits studierte er Physik und suchte dabei nach Antworten auf die verschiedensten Theorien, wie beispielsweise die Big Bang-Theorie, andererseits zählte für ihn auch der gelebte Glaube, das Beten, der Kirchenbesuch oder die Teilnahme an entsprechenden Festivals. “Könnte ich diese beiden Dinge nicht auseinanderhalten, müsste ich mich schnell für eines der beiden entscheiden”, erklärt Ramon Murmann ernst. Sein Physikstudium will der junge Student demnächst wieder aufnehmen.

 

Der Einfluss der Gesellschaft und des Zeitgeistes

Es gibt jedoch auch Gegner solcher Anlässe. Gelegentlich gibt es Gegengruppierungen oder Gegendemonstrationen, wie etwa auch in Rio de Janeiro. Im Mai 2011 verteilten Freidenker an einem Weltjugendtag in Brig vor dem Eingang der Kirche diverse Flyer, auf denen zu lesen war, dass es Gott gar nicht gäbe und die ganze Kirche eine Lüge sei. Das habe Ramon Murmann sehr getroffen. Aber dies geschehe im Schatten des eigentlichen Ziels des Anlasses: dem Teilen der Freude am Glauben. Der Student entgegnet auf die Proteste: “Schlussendlich ist jeder Mensch frei in der Auswahl, ob überhaupt und in welcher Religion er tätig sein will.”

 

Und so geht es weiter…


 

Der nächste Deutschschweizer Weltjugendtag wird vom 8. – 10. April 2016 in der Stadt Schaffhausen stattfinden. Der internationale Weltjugendtag wird für das kommende Jahr ebenfalls organisiert. Die polnische Stadt Krakau wird das Zusammentreffen ausrichten.

 

Weitere Informationen und Eindrücke:

www.fr2015.ch

www.krakow2016.com

www.adoray.ch

Die Grossbaustelle der SRG

Beim neuen Radio- und TV-Gesetz (RTVG) wurde es am vergangenen Abstimmungssonntag ziemlich eng. Während der Ausgang bei den drei anderen Vorlagen praktisch bereits im Vorfeld feststand, blieb beim RTVG das lange Warten auf die Ergebnisse.

 

Wie so oft hatten auch am 14. Juni die Initiativen bei der Stimmbevölkerung einen schweren Stand. Dementsprechend wurden die Erbschaftssteuer und die Stipendieninitiative klar verworfen. Keine der beiden Initiativen erreichte einen Zustimmungsanteil von über 30 Prozent.

 

Obwohl zwar auch das Referendum gegen die Präimplantationsdiagnostik erwartungsgemäss scheiterte, blieb es bei der Abstimmung über das neue Radio und TV-Gesetz (RTVG) bis zum Schluss spannend. Erste Hochrechnungen zeigten kein klares Ergebnis – auch zu Recht, wie sich schliesslich zeigte: Nur knapp – mit 3696 Stimmen Unterschied – verloren die RTVG-Gegner den Abstimmungskampf. 50,08 Prozent waren für das neue Gesetz, dennoch ist dies ein Achtungserfolg für den Gewerbeverband.

 

Für die Stimmbevölkerung beinhaltet das neue Gesetz viele Vorteile: Pro Haushalt wird nunmehr ein Beitrag von 400 Franken fällig. Bislang musste man 62 Franken mehr bezahlen. Zudem werden die regionalen Radio- und Fernsehsender für ihre Leistungen honoriert und erhalten neu zusätzliche Gelder in der Höhe von knapp 30 Millionen Franken. Auch bei der Digitalisierung will das neue Gesetz den Sendern unter die Arme greifen. Warum also tat sich die Stimmbevölkerung so schwer, der Vorlage zuzustimmen?

 

Kampagne mit falschen Behauptungen

Wie die Initiativen haben es auch die Referenden in der Schweiz seit jeher schwer: Seit 1981 kamen derer 164 vors Volk. Gerade einmal 44 davon waren erfolgreich und kippten damit einen Entscheid des Parlaments.

 

Mit einer klar verständlichen Kampagne, die sich mit teils vagen oder auch falschen Behauptungen bei den Mitteln (und, wie sich herausstellte, auch bei den Wahlkampfspezialisten) der SVP bediente, mobilisierte der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, Hans-Ulrich Bigler, besonders gezielt das rechts-bürgerliche Lager. So behauptete er etwa in der Gewerbezeitung, dass die Gebühren bald auf 1000 Franken ansteigen würden. Dieses Argument entbehrt jedoch jeder Grundlage.

 

Mit der FDP und den Grünliberalen als Mitstreiter, waren ihm auch die Stimmen der Mitte gesichert. Auch sonst geniesst der Gewerbeverband bis weit ins linke Lager hohe Anerkennung. Wie sich am Sonntag zeigte, wäre seine Taktiererei um ein Haar aufgegangen.

 

Medien verfolgten ihre eigenen Interessen

Zum knappen Resultat um das Referendum gegen das neue RTVG haben wohl auch zahlreiche Medienberichte beigetragen. Der Konflikt zwischen der SRG und den grossen Verlagshäusern war dabei wahrscheinlich die treibende Kraft. Denn die meisten Medien berichteten laut einer Untersuchung des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und der Gesellschaft “fög” unausgewogen und im Interesse der eigenen Verlage.

 

Schon länger beklagen sich Tamedia, Ringer und Co. über die Online-Präsenz des SRF. Damit trete die SRG in direkte Konkurrenz zu den Online-Medien der schweizerischen Verlage. Es läge nicht in der Kompetenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, zusätzliche Inhalte und News online zu publizieren.

 

Dieser Streit ist längst nicht ausgefochten. Die einst vereinbarten Auflagen zwischen der SRG und den Verlagen, etwa eine maximale Zeichenlänge bei Online-News oder die Verknüpfung der Web-Inhalte mit ausgestrahlten Radio- oder TV-Beiträgen, werden nicht immer eingehalten.

 

Bei der Berichterstattung über die SRG und das RTVG stand zudem die Debatte über den Service Public stets im Vordergrund, obwohl diese mit der Abstimmungsvorlage reichlich wenig zu tun hatte. Die teils durchaus begründeten kritischen Voten gegen die Programmgestaltung des SRF waren in der Diskussion um das RTVG schlicht fehl am Platz.

 

Kleinere Sender profitieren

Der SRG fliessen durch das Ja keine zusätzlichen Gelder zu, vielmehr profitieren davon die regionalen Programme privater Verlage. So war es auch Peter Wanner, Verleger der AZ-Medien, der sich für die Gesetzesänderung ausgesprochen hatte – gegen den Chefredaktoren “seiner” Aargauer Zeitung, Christian Dorer. Denn zum AZ-Verlag gehören auch die Regionalsender TeleZüri, TeleM1 und TeleBärn.

 

Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben sich schliesslich hauchdünn für das neue Radio- und TV-Gesetz ausgesprochen. Sie haben sich damit für ein an das digitale Zeitalter angepasstes Finanzierungsmodell entschieden, das das bislang bürokratische System ablöst und zugleich den Stellenwert der regionalen Privatsender würdigt.

 

Doch den langen Debatten über den Service Public zum Trotz: Das neue Gesetz ändert am System der SRG nichts. Aber genau hier verorten mehrere politische Kräfte von Links bis Rechts Handlungsbedarf. Was es nun braucht, ist ein breiter Dialog über den Leistungsauftrag der SRG, der ohne Scheuklappen geführt wird. Auch SRG-Generaldirektor Roger de Weck zeigt sich an diesen Gesprächen interessiert.

 

Die SRG bleibt eine Baustelle, deren Bauherr noch gefunden werden muss. Nicht nur beim Service Public bahnen sich Auseinandersetzungen an, sondern auch bei der Frage nach dem Online-Auftritt, der teils in direkter Konkurrenz zu den privaten Verlagen in der Schweiz steht. Nach den Abstimmungen zeigt sich einmal mehr, wie dringlich die Behandlung dieser offenen Fragen zu sein scheint.

 

 

Mail: lukas.blatter@tink.ch

Drei, zwei, eins – los! Ein Wettrennen der etwas anderen Art …

Am 25. April fanden die zweiten Schweizer Autostoppmeisterschaften statt. 13 Teams sind angetreten, um möglichst rasch per Anhalter von Fribourg (CH) nach Colico (IT) zu fahren.

 

Nach 7 Stunden und 57 Minuten hat das erste Team das Ziel erreicht und so den Sieg eine knappe Viertelstunde vor den Zweitplatzierten geholt. Die 370 km lange Strecke hat das Siegerteam in 13 verschiedenen Fahrzeugen zurückgelegt.

 

Eine gute Mischung aus Ehrgeiz, Unerfahrenheit und positiver Ausstrahlung habe ihrem Team wahrscheinlich zum Sieg verholfen, so Katharina. Und eine Portion Anfängerglück sei’s wohl auch gewesen, meint sie augenzwinkernd.

 

Der Initiator der Meisterschaften, Daniel Slodowicz, hatte etwas weniger Glück als das Siegerteam. Er steckte volle vier Stunden auf einer Raststätte fest. Doch auch einem geübten Autostopper könne dies passieren und der Spassfaktor sei deshalb trotzdem nicht zu kurz gekommen.

 

Abenteuer wird Routine

Angefangen hat alles in Kanada mit einem ersten Autostopptrip: 1000 Kilometer von Fairmont Hot Springs nach Vancouver. Inspiriert von anderen Stöpplern unternahm Daniel Slodowicz mit ein paar Freunden die erste Autostoppreise.

Es lockte das Ungewisse, das Abenteuer, und mit knappen Finanzen war Autostoppen die kostengünstigste Möglichkeit, von A nach B zu reisen. Die drei Reisenden wurden mitgenommen: 1000 Kilometer in 3 Tagen. Der Fahrer, der sie kurzerhand die ganze Strecke mitfahren liess, zeigte ihnen bei Gelegenheit gleich noch die Umgebung.

 

Zurück in Europa als Student in Fribourg (CH) mit Heimatort Augsburg (D) wurde das Autostoppen bald zum Reisemittel, um an den Wochenenden zwischen den beiden Städten hin und her zu pendeln.

In der Freizeit begann er sich mit anderen Autostoppern auszutauschen. Die Neugierde war geweckt: In den Semesterferien folgten zwei längere Autostoppreisen quer durch Europa. Die erste Reise führte ihn durch Kroatien, Serbien und den Kosovo, die zweite sogar bis nach Istanbul.

 

Gastfreundschaft überbrückt Sprachbarrieren

Während die Erzählungen der anderen seine Neugierde geweckt hatten, wuchs aus den eigenen Erfahrungen die Begeisterung fürs Autostoppen. Sein Enthusiasmus für das aussergewöhnliche Hobby wirkt ansteckend, erst recht wenn er von seinen Abenteuern erzählt.

 

In Mazedonien ist er von Fahrenden mit grosser Gastfreundschaft aufgenommen worden, im Kosovo begegnete er per Zufall einem Fribourger, viele Male bewirteten ihn wildfremde Leute trotz Sprachbarrieren grosszügig, sorgten sich um ihn und gaben ihm Ratschläge mit auf den Weg.

Aus dem Stegreif erzählt er Anekdote um Anekdote und man beginnt sich zu fragen, warum es einem selbst noch nie in den Sinn gekommen ist, sich per Autostopp auf eine längere Reise zu begeben.

 

Er habe auf seinen Reisen gelernt, wie falsch Vorurteile sein können, was echte Gastfreundschaft sei und wie wertvoll es ist, auf andere Menschen zuzugehen und sich ihre Geschichten anzuhören. Um diesen Erfahrungsschatz zu teilen und das Autostoppen populärer zu machen, organisierte er im vergangenen Jahr die ersten Meisterschaften im Autostoppen in der Schweiz.

 

Autostoppen als Lebensstil

Sobald er eine längere Distanz zurücklegen muss, ist der Fribourger inzwischen fast ausschliesslich per Autostopp unterwegs. Könnte man meinen, dass es zur Abwechslung schön wäre, sich in einen Zug zu setzen oder gar einen Städtetrip zu buchen, ist man bei Daniel Slodowicz an der falschen Adresse.

 

Wird er nach seinen Ferienplänen gefragt, so heckt er ganz anderes aus: Per Anhalter nach Spanien würde er gerne reisen und einen Freund in Bangladesch hätte er da auch noch, den er schon lange einmal besuchen möchte – natürlich per Autostopp.

 

Weitere Fotos sowie Tipps und Tricks für eure eigene Autostoppreise findet ihr unter: www.autostoppp.ch.

 

Das Ergrauen des Regenbogens

Dass die Katholiken-Hochburg Irland die Homo-Ehe erlaubt, ist die bisher greifbarste Versinnbildlichung davon, dass katholische Kleriker und konservative Kreise bei der Homo-Ehen-Frage den Kontakt zur Basis verloren haben. Von einem “substanziellen Riss zwischen der katholischen Kirche und der Gesellschaft” sprach der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, und bewertete den Ausgang des Referendums im Interview mit der Internetplattform “Vatican Insider” als “Zeichen einer Kulturrevolution”.

 

“Schwulenrechte greifen Familien an”

Ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer zeigt sich bisher noch nicht beflügelt vom irischen Revolutionsgeist. Am 10. Juni wurde ein neues Komitee gegründet, das die Homo-Ehe in der Schweiz verhindern und das traditionelle Familienbild stärken will. “Es ist an der Zeit, die Demontage der traditionellen Familie zu stoppen”, sagt Co-Präsident und EDU-Politiker Marco Giglio, “die Ausdehnung der Schwulenrechte ist ein Angriff auf die Familie.” Geplant ist bereits ein Referendum gegen die Pläne des Bundesrats, homosexuellen Paaren die Adoption zu erlauben. Der bisher einzige, verhaltene Kommentar zur Gründung des Komitees kommt vom Schwulen-Verband “Pink Cross”: Geschäftsleiter Bastian Baumann bezeichnet den Verein im Interview mit der Schweizer Tageszeitung “20 Minuten” als “verschlossene Gruppe, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.”

 

Unbiegsame Befangenheit

Trotz oder gerade wegen den steilen Behauptungen des EDU-Politikers Marco Giglio neigen Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe und des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare dazu, sämtliche Gegenparteien als eine Desavouierung des Zeitgeistes abzuwinken, und verhindern damit wichtige Diskussionen, die zu einer Einlenkung und Annäherung führen könnten. Zwar sind in der Schweiz ähnliche Forderungen wie in Irland pendent – die Grünliberalen fordern eine parlamentarische Initiative, die die Ehe und die eingetragene Partnerschaft für alle öffnet – doch die Meinungen beider Lager sind derart festgefahren, dass auch die Strahlkraft des irischen Votums niemanden zu erweichen scheint.

 

Politische Zerrissenheit

Die Öffnung der Homo-Ehe ist eine ethische und moralische Grundsatzfrage, die die Geister scheidet und bis in den Kern des traditionellen, christlichen Familien- und Gesellschaftsbilds bohrt. Gerade deswegen stehen vor allem Politiker im Zwiespalt. So auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die als CDU-Politikerin um die Haltung des traditionellen Teils ihrer Partei weiss, aber auch die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland kennt. Nicht nur sie wird deshalb vor die Frage gestellt, ob sie bei der Ehe-Frage gegen die Mehrheit des Bundestags, des Bundesrats und der Bevölkerung regieren möchte: Laut einer aktuellen Umfrage des deutschen Wochenmagazins “Stern” sind 74 Prozent dafür, dass Lebensgemeinschaften von gleichgeschlechtlichen Partnern vollkommen der traditionellen Ehe gleichgestellt werden.

 

Mehr Mut zur Meinung

Unabhängig der Denkweise ist es für Volksvertreter unabdinglich, sich auch bei derart heiklen Gesellschaftsfragen zu äussern; was noch keine klare Positionierung an einer der polarisierenden Fronten zur Folge haben muss. Im Zentrum steht, wie bei jeder Debatte, die Suche nach Integration gesellschaftlicher Gegensätze, geleitet von den Mechanismen der demokratischen Auseinandersetzung.